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Gemeinwohl statt Profit

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Peter Momper und Vera Ronge von der GWÖ-Regionalgruppe Gießen, Lutz Hiestermann und Hartmut Loeben-Frömchen (v. l.) vom heimischen Marktforschungsunternehmen Hiestermann und Frömchen informierten im Beisein von Hund Collin über die Zertifzierung nach Standards der Gemeinwohl-Ökonomie. Foto: Schwaeppe © Schwaeppe

Erstmals wird eine Gießener Firma nach Standards der Gemeinwohl-Ökonomie zertifiziert. Das Marktforschungsinstitut Hiestermann und Frömchen stellt sich der umfassenden Bilanzierung.

Gießen. Wie wollen wir in Zukunft wirtschaften? Diese Frage stellt sich angesichts der dramatischen weltweiten Veränderungen durch Ressourcenknappheit und Klimawandel. Nicht nur jeder Einzelne ist dabei gefragt, auch Unternehmen setzen vermehrt aufs Umdenken. Rüstzeug für einen anderen Blick auf Wirtschaft und Arbeit bietet da die Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ, siehe Info-Kasten). Guter Umgang mit Mitarbeitern, Nachhaltigkeit bei Ressourcenverwendung und die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung kennzeichnen diese Form des Wirtschaftens. Gewinnmaximierung und Profit spielen hierbei keine übergeordnete Rolle. Als erstes Gießener Unternehmen stellt sich nun das Marktforschungsinstitut Hiestermann und Frömchen der umfassenden Bilanzierung nach der Matrix der GWÖ. Vera Ronge und Peter Momper von der GWÖ-Regionalgruppe Gießen unterstützen und beraten dabei die geschäftsführenden Gesellschafter Lutz Hiestermann und Hartmut Loeben-Frömchen bei dem 360-Grad-Blick aufs eigene Unternehmen.

»Ich bin der festen Überzeugung, dass seit Jahren grundlegende Dinge in unserer Wirtschaft falsch laufen«, erklärte Hiestermann im Gespräch mit dem Gießener Anzeiger. Privat engagiert sich der Endfünfziger schon lange für Klimaschutz und Nachhaltigkeit und ist Stadtverordneter der Fraktion Gigg/Volt. Als vor zwei Jahren der Kontakt zu Peter Momper zustande kam, regte dieser an, sich auch auf Unternehmensebene den Fragen von Nachhaltigkeit, Transparenz und Solidarität zu stellen. »So haben wir uns schließlich vor einem knappen Jahr auf den Weg der Bilanzierung gemacht, obwohl das neben dem operativen Geschäft gar nicht so einfach ist«, meinte Hiestermann.

Genauer Blick aufs eigene Tun

Denn ein genauer Blick auf alles, was das eigene Tun betrifft, bedeutet auch eine Menge Arbeit und Selbstreflexion. »Man muss sich viele Fragen beantworten, die man sich vielleicht nie so wirklich gestellt hat«, ergänzte Vera Ronge. Aber nur so ließen sich auch Veränderungen anstoßen. Welche Kunden habe ich? Wie sieht es um die Menschenwürde bei Zulieferern aus? Fördere ich ökologisches Verhalten bei meinen Mitarbeitern und wie läuft innerbetriebliche Mitentscheidung ab? Das sind nur einige der vielen Fragen, die detailliert beantwortet werden müssen.

»Es braucht Mut, sich derart durchleuchten zu lassen«, meinte Ronge. Dem stimmte Hiestermann zu. »Auch wir als Kleinstunternehmen mit - uns eingeschlossen - fünf Mitarbeitern müssen unser Tun rechtfertigen.« Das fange beim abgeschafften Dienstwagen an, der Überlegung, nur generalüberholte Computerhardware zu nutzen und gehe bis zur Gestaltung eines Umfeldes, in dem sich Vereinbarkeit von Beruf und Familie für alle in der Belegschaft realisieren lässt.

Auch der Frage, wie man mit Firmenvermögen umgehe, werde nachgegangen. Investiert die Firma Geld nur in grüne Depots? Hat das Unternehmen Rücklagen, um in schweren Zeiten für die Angestellten Sicherheit zu bieten? - das sind Fragen in diesem Bereich

Bei der Bilanzierung werden fünf Kategorien von Interessengruppen berücksichtigt: Lieferanten, Eigentümer und Finanzpartner, Mitarbeiter, Kunden sowie das gesellschaftliche Umfeld.

Transparentes Punktesystem

Die GWÖ-Bilanz fließt zunächst als Selbsteinschätzung in einen Bericht ein. Anschließend werden die Angaben von einem externen Auditor geprüft und bewertet. »Mithilfe eines transparenten Punktesystems gibt es einen direkten Vergleich zwischen der Selbsteinschätzung des Unternehmens und der Fremdeinschätzung des GWÖ-Auditors«, erklärte Ronge. Als weltweit erster Nachhaltigkeitsstandard mache die Bilanz den Beitrag eines Unternehmens zum Gemeinwohl vergleichbar. Die Ergebnisse müssen dann auch auf der Homepage des Unternehmens veröffentlicht werden.

Hessenweit haben sich bislang rund 30 Unternehmen bilanzieren lassen. »In Süddeutschland ist die GWÖ-Bewegung dagegen weiter verbreitet«, erklärte Ronge. Im März sollen die Vorarbeiten bei Hiestermann und Frömchen abgeschlossen sein, dann nimmt sich ein GWÖ-Auditor der Bilanz an.

»Das wird für uns ein wichtiger Schritt für die zukünftige Ausrichtung unserer Firma sein«, ist sich Hiestermann sicher. Ausruhen kann man sich auf einer positiven Bilanz übrigens nicht. Nach zwei Jahren läuft die Zertifizierung ab und muss neu durchlaufen werden.

Die nächste Info-Veranstaltung zur GWÖ-Bewegung findet am 30. März als Onlinetreffen auf Zoom von 19 bis 20 Uhr statt. Anmeldung per E-Mail an giessen@ecogood.org.

Die weltweit agierende Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung (GWÖ) nahm 2010 in Wien ihren Ausgang und basiert auf den Ideen des österreichischen Publizisten Christian Felber. Die GWÖ versteht sich als Wegbereiterin für eine gesellschaftliche Veränderung in Richtung eines verantwortungsbewussten, kooperativen Miteinanders im Rahmen des ethischen Wirtschaftens. Erfolg wird nicht primär an finanziellen Kennzahlen gemessen, sondern mit dem Gemeinwohl-Produkt für eine Volkswirtschaft, mit einer Gemeinwohl-Bilanz für Unternehmen und mit einer Gemeinwohl-Prüfung für Investitionen. Derzeit umfasst die Bewegung rund 11 000 Unterstützer, rund 5000 Mitglieder in 170 Regionalgruppen, 35 Vereine, rund 1000 bilanzierte Unternehmen und andere Organisationen, knapp 60 Gemeinden und Städte sowie 200 Hochschulen weltweit. Sie möchten die Vision der GWÖ verbreiten, umsetzen und weiterentwickeln.

(red)

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