1. Startseite
  2. Stadt Gießen

»Gemeisterte Herausforderungen«

Erstellt:

giloka_becher_1501_olz_1_4c
Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher informiert sich bei Karstadt-Geschäftsführer Lothar Schmidt. © Jan Labitzke

Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher begegnet Skeptikern mit Beispielen aus dem Corona-Alltag in Gießen.

Gießen. Frank-Tilo Becher lässt keinerlei Zweifel aufkommen: »Kritikern, Skeptikern und denen, die sich auflehnen,« dürfe man das Feld nicht überlassen. Derzeit stünden sie sehr im öffentlichen Fokus. Aber »ich glaube, dass wir die Aufmerksamkeit dahin lenken müssen, wo Menschen tagein tagaus mit der Situation umgehen und sie für uns erträglich machen«, sagt der Oberbürgermeister. Seit Wochen führen Kritiker der Corona-Maßnahmen jeden Montag in der Stadt sogenannte »Spaziergänge« durch. Am vergangenen Montag beteiligten sich daran rund 100 Teilnehmer. Das Ordnungsamt untersagte die nicht angemeldete Versammlung und Ersatzversammlungen im Stadtgebiet.

»Flexibilität und Kreativität«

Die Montage auf dem Berliner Platz ähneln sich. Kurz nach Beginn der Versammlungen gibt die Polizei deren Auflösung bekannt. Und wie aufs Stichwort brechen die »Spaziergänger« in Richtung Innenstadt auf. Unmittelbare Kritik übt Becher an diesen Protesten nicht. Aber er stellt ihnen exemplarische Erfahrungen entgegen, die er bei Besuchen des Pflegeheims der Arbeiterwohlfahrt im Tannenweg, der Kindertagesstätte in Lützellinden, von Karstadt im Seltersweg und in der Grundschule in der Weststadt gesammelt hat. »Diese Besuche haben mir vor Augen geführt, mit welch unglaublichem Engagement Menschen die Krise meistern und dabei ein hohes Maß an Flexibilität und Kreativität zeigen«, betont der Sozialdemokrat. Er habe jedoch auch erlebt, dass die Zeit extrem kräftezehrend gewesen sei. »Wir erleben in der Pandemie viele gemeisterte Herausforderungen, aber auch Überforderung und falsche Entscheidungen«, erklärt Becher.

In der Pflege habe es von Anfang an eine besondere Betroffenheit gegeben. »Heute wissen wir aber auch, dass nicht alles richtig war, was wir gemacht haben. So war die radikale Kontaktsperre für Pflegeheime ein großer Fehler«, blickt der Rathauschef zurück. Den Einrichtungen sei es allerdings in der Krise auch gelungen, beispielsweise neue Konzepte im Rahmen von Digitalisierung zu schaffen. Ein besonderes Problem in diesem Bereich: »Wir haben hier ohnehin schon einen Fachkräftemangel. Vor dem Hintergrund der neuen Virusvarianten stellt sich nun die Frage, was passiert, wenn ein Personalmangel entsteht.«

In den Kitas seien die Kinder etwa durch die räumliche Trennung als Schutz gegen Corona belastet. Kritik übt Becher in diesem Zusammenhang am Land. Man gehe immer von einer seriellen Testung der Kinder aus. Allerdings müsse das Land die Kosten komplett übernehme »Die Stadt finanziert Testungen in der Kita, wenn die Träger ein Konzept haben. Als Beispiel ist hier der Sozialdienst Katholischer Frauen zu nennen. Eine Kita in deren Trägerschaft führt mit Einverständnis aller Eltern PCR-Pooltests in der Kita durch. Diese werden von der Stadt komplett finanziert, hier gibt es auch keinen Zuschuss vom Land«, informiert Jan Labitzke, persönlicher Referent des Oberbürgermeisters.

Tests in Kindertagesstätten

Andere Träger wollten dies nicht. »Sie möchten, dass zu Hause getestet wird. Dafür gibt die Stadt Mittel des Landes in Höhe von 50 Prozent weiter. Eine weitere Bezuschussung durch die Stadt findet nicht statt - zumal Kinder ja auch kostenlos in den Testzentren getestet werden können«, teilt Labitzke mit, Der Oberbürgermeister befürworte ein flächendeckendes Testkonzept des Landes Hessen für alle Kitas. »Dies würde allerdings voraussetzen, dass das Land auch die kompletten Kosten übernimmt«, resümiert der persönliche Referent.

Am Beispiel Karstadt weist der OB darauf hin, dass der Handel in der Spitze bis zu 70 Prozent Umsatzausfälle zu verzeichnen habe. Positiv bewertet werde jedoch etwa das Kurzarbeitergeld, das sich »als lebensrettend« erwiesen habe. Die Stadt sei in ihrer Vitalität abhängig von der Branche. »Wir sind daher gefragt zu überlegen, wie wir mehr Frequenz in die Stadt bringen, wenn es an der Zeit ist«, hebt der Rathauschef hervor. Besonders imponiere ihm die Leistung der Mitarbeiter im Handel, die sich immer wieder auf eine neue Aufgabe einstellten.

Aus der Grundschule Gießen-West habe er unter anderem mitgenommen, dass die Schulen grundsätzlich nicht mehr geschlossen werden dürften. Zusammengerechnet seien die Kinder wegen Corona vier Monate nicht in der Schule gewesen, was sich auf Lernen und soziales Leben ausgewirkt habe, erklärt der OB, der seine Besuchsreihe unter Umständen fortsetzt.

Bei den letzten »Spaziergängen« registrierte die Polizei in dieser Woche in ganz Mittelhessen rund 2600 Teilnehmer. »Im Landkreis Gießen versammelten rund 650 Personen. Jeweils etwa ein Dutzend Menschen zählte die Polizei bei zwei sogenannten Gegenveranstaltungen. In Grünberg nahmen rund 400 Personen an einem ›Montagsspaziergang‹ teil«, informiert das Polizeipräsidium Mittelhessen. Im Zuge einer Personalienfeststellung sei es in Gießen zu einem Gerangel mit einer Frau gekommen, die »dabei augenscheinlich leichte Verletzungen an der Wange davontrug«, resümiert das Präsidium.

Auch interessant