Gentrifizierung ist ein Problem der Politik - auch in Gießen

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Der Konflikt zwischen den alten Mietern und dem neuen Eigentümer der Ludwigstraße 50 ist exemplarisch für einen Konflikt, der in den nächsten Jahren nicht nur in Gießen an Schärfe zunehmen wird. Dazu muss man kein Prophet sein. Begonnen hat er am 15. September 2008 mit dem Kollaps der Bank "Lehman Brothers". Seitdem ist das Betriebssystem unserer Wirtschaft hirntot und wird nur noch durch täglich von den Zentralbanken generierten Milliarden künstlich am Leben gehalten.

Die Medizin, mit einer Nullzins-Finanzpolitik aus der Finanzdauerkrise zu kommen, wird seit 13 Jahren verabreicht, doch sie schlägt nicht an. Weil aber die Milliarden an Buchgeld, die die Realwirtschaft längst um ein Vielfaches übersteigen, renditeträchtig angelegt werden wollen, hat schon vor Jahren weltweit der Run auf das "Betongold" begonnen. Mietwohnungen in Metropolen wie Paris oder London sind bereits heute für den Krankenpfleger oder die Polizistin unbezahlbar geworden. Frankfurt und München sind auf dem schlechtesten Weg dorthin. Und mit gewisser Verzögerung wird diese Entwicklung, auch Gentrifizierung genannt, in Städten wie Gießen nachgeholt. Augenfällig werden die dadurch entstehenden Konflikte, wenn sich Mieter gegen ihre Verdrängung wehren wie in der Ludwigstraße, aber auch in der Moltkestraße. Wie völlig überhitzt der Immobilienmarkt der Stadt mittlerweile ist, zeigt sich weniger spektakulär, aber deutlicher an der Neuen Post, die im Gegensatz zu ihrem heiß diskutierten Vorgängerbau auf der anderen Seite der Bahnhofstraße keinem heimischen Investor gehört, der sich für den Erhalt historischer Bausubstanz stark macht, sondern einer anonymen Immobiliengesellschaft. Die wollte im vergangenen Jahr den eigentlich schon besiegelten Weiterverkauf der Neuen Post für rund 12,5 Millionen Euro an eine andere Gesellschaft wegen eines Formfehlers rückgängig machen. Bei einem erneuten Verkauf nur neun Monate später hätte sie nämlich bereits 16,5 Millionen Euro erzielen können, so die Schätzung eines Anwalts. Gefragt ist jetzt die Politik, die das Problem "bezahlbarer Wohnraum" zu spät und zu zögerlich angegangen ist. Gießen ist eine junge Stadt und eine Stadt mit vielen sozial schwachen Menschen. Die drohen bei einer Entwicklung, die sie weder verschuldet haben noch beeinflussen können, unter die Räder zu geraten. Die Selbstregulierung des Marktes wird es nicht richten. Überteuerte Mikroappartements, die in der Stadt immer mehr gebaut werden, sind jedenfalls nicht die Lösung für unbewohnbare, weil unbezahlbare Innenstädte. Ingo Berghöfer

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