1. Startseite
  2. Stadt Gießen

Gereift und ohne Maske

Erstellt:

giloka_2408_Sido2_240822_4c
Ganz ohne Gangsta-Attitüde geht es dann doch nicht: Deutschrapper Sido beim Kultursommer auf dem Schiffenberg. Foto: Zylla © Zylla

Gießen. Derzeit tourt der Berliner Deutschrapper Paul Hartmut Würdig aka Sido mit seinem neuen Album »Ich & Keine Maske« durchs Land. Am Montagabend konnte man ihn auf dem Schiffenberg beim Kultursommer erleben. Der Titel seines aktuellen Albums, das 2019 erschienen ist, spricht hier Bände: Sido scheint reifer geworden zu sein.

Wer Sido kennt, der weiß, dass ihn seit Beginn seiner Karriere, Ende der 90er Jahre, immer auch ein gewisses Bad-Boy-Image und seine Totenkopf-Maske begleiteten. Bei seinem Konzert während des Gießener Kultursommers auf dem Schiffenberg war die Maske schon lange nicht mehr Markenzeichen und das Image des bösen Buben - nun, sagen wir, es war nur noch latent vorhanden. Auf homophobe und frauenfeindliche Songs verzichtete er hier, formte mit seinen Händen ein Herz für seine etwa 6000 versammelten Bewunderer und bedankte sich höflich für ihre langjährige Unterstützung.

Sido wirkte auf der Bühne im Klosterhof deutlich erwachsener. Kaum noch etwas war übrig von seiner Aggro-Berlin-Zeit, die er 2009 mit seiner Neuorientierung beendete. Klar, immerhin ist er mittlerweile auch Produzent und sogar Moderator in einer großen deutschen Casting-Show im Free-TV. Seinen versammelten Fans vor der Bühne an der Basilika, sie müssen so im Schnitt 25 bis 45 Jahre alt gewesen sein, entgegnete er: »Ey, ich sehe mittlerweile sehr viele alte Leute bei mir im Publikum.« Die nahmen es mit eher wenig Entrüstung, dafür aber mit Humor. »Ich gehe davon aus, dass ihr mich schon lange begleitet. Bei allen Dummheiten, die ich so begangen habe.« So richtig haben seine Follower daher insbesondere seine alten Songs abgefeiert. Hier wippten die ausgestreckten Arme etwa zu »Mein Block« und »Schlechtes Vorbild«. Die Bässe waberten über das Klostergelände ebenso wie der süßliche Duft eines in Deutschland noch verbotenen Krauts.

Nicht nur die Bässe wabern

Zum Glück für den Gangsta-Rapper ist die Legalisierung von Cannabis noch nicht offiziell. Denn ganz ohne Ghetto-Attitüde, bei anwesender Polizei, würde es wohl auch nicht gehen im Rap-Business. Daher waren Szenen wie diese fast schon erwartbar für seine Fans: »Hier riecht es aber ganz schön nach Gras«, merkte Sido mit einem strengen Ton in seiner Stimme an. »Ihr wisst schon, dass das verboten ist?«

Nach einem kurzen Schweigen folgte sein Lächeln, das ein bisschen an die Grinse-Katze aus Alice im Wunderland erinnerte. »Es ist vor allem verboten, wenn ich nichts abbekomme.« Kurzerhand sprang er in den Graben vor der Bühne und ein Fan reichte ihm dort etwas, das vermutlich eine Ganja-Tüte war. Genau wissen es natürlich nur Sido und der Fan. Sido zog an seinem großzügigen Geschenk und musste husten. Vielleicht ist das hessische Weed, sofern es denn welches war, stärker als das in Berlin?

Klar gab es auch Songs aus seiner neuen Scheibe zu hören. »Ich bin nur komplett mit Dir, ich teile mein Bett mit Dir, ich hab‹ so gern Sex mit Dir«, rappte er mit seinen Fans. Der fast schon Liebessong »Mit Dir«, war ein gutes Beispiel dafür, dass der bald 42-jährige Skandalrapper eben etwas handzahmer geworden ist.

Gold für aktuelles Album

Sein aktuelles Album »Ich und Keine Maske« war satte 64 Wochen auf Platz eins der deutschen Albumcharts und heimste Gold dafür ein. Im Laufe seiner Karriere brachte Sido fast sechs Millionen Tonträger unter die Leute und gewann Musikpreise, wie den MTV Europe Music Award und zwei Echos. Da liegt es auf der Hand, dass er es dieser Tage etwas gechillter angehen kann.

Auch interessant