Germanist Prof. Carsten Gansel von JLU in Gießen gibt Heinrich Gerlachs "Bericht einer Irrfahrt" heraus

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GIESSEN - (hh). Von den über drei Millionen Wehrmachtssoldaten, die zwischen 1941 und 1945 in sowjetische Kriegsgefangenschaft gerieten, starben mehr als eine Million. Heinrich Gerlach überlebte. Das Grauen von Stalingrad hatte er in einem Roman verarbeitet, seinen schier endlosen Weg durch sowjetische Arbeits- und Gefangenenlager beschreibt er in seinem autobiographischen Bericht "Odyssee in Rot".

Er war im Februar 1943 in Kriegsgefangenschaft geraten, und nach einiger Zeit in das Sonderlager Lunjowo gekommen, wo inzwischen von Hitler und den Nazis abgefallene kriegsgefangene Wehrmachtsoffiziere und die deutschen Exilkommunisten um Ulbricht, Pieck und Herrnstadt zusammen gegen Nazideutschland paktieren sollten. Da die Offiziere aber nicht in der kommunistischen Bewegung "Nationalkomitee Freies Deutschland" mitarbeiten wollten, gründeten sie - unter der Führung des Generals von Seydlitz - eine eigene Gruppe: den Bund Deutscher Offiziere (BDO). Gerlach gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Organisation, die sich zum Ziel gesetzt hatte, den in ihren Augen unsinnigen Krieg zu verkürzen und ihre einstigen Kameraden in der deutschen Wehrmacht zum Widerstand gegen Hitler oder zumindest zur Einstellung der Kampfhandlungen zu bewegen. Stalin hatte ihnen für den Fall des Gelingens zugesagt, sein Möglichstes zu tun, Deutschland als freies Land in den Grenzen von 1937 zu bewahren und den Fortbestand der Wehrmacht zu sichern.

"Durchbruch bei Stalingrad"

Heinrich Gerlach ist in der deutschen Öffentlichkeit seit 2016 wieder ein Begriff. Denn der Gießener Germanist Prof. Carsten Gansel hat seinen verschwunden geglaubten Roman "Durchbruch bei Stalingrad" in russischen Militärarchiven wiederentdeckt und im Berliner Galiani Verlag mit einem umfassenden Nachwort herausgegeben. Das machte den seit Jahrzehnten vergessenen Autor schlagartig wieder bekannt. Und nun ist mit "Odysee in Rot. Bericht einer Irrfahrt" auch sein zweiter Roman in einer Neuauflage erschienen. Wiederum versehen mit einem Nachwort und dokumentarischem Material des Literaturwissenschaftlers der Justus-Liebig-Universität (JLU).

Gerlach arbeitete viel für die von Rudolf Herrnstadt geleitete Widerstandszeitung Freies Deutschland, seine Artikel ließen an Deutlichkeit und Entschlossenheit nichts zu wünschen übrig - sie beinhalteten Aussagen wie: "Hitler muss fallen, damit Deutschland lebe!" Wann immer er dazu Zeit hatte, schrieb Gerlach im Lager an seinem Roman "Durchbruch bei Stalingrad", der sein Stalingrad-Trauma und das dadurch ausgelöste Erweckungserlebnis, dass für Hitler zu kämpfen ein Irrweg sei, beschrieb. Freilich standen sich die früheren Wehrmachtsoffiziere und die Kommunisten mit großem Misstrauen gegenüber. Ulbricht etwa (der nach dem Krieg Staatsratsvorsitzender der DDR werden sollte) schrieb für den sowjetischen Geheimdienst einen Bericht mit einer geheimen Beurteilung zu Gerlach, die für diesen verheerende Folgen haben sollte: "Gerlach, Helmut (sic), Oberleutnant: Typischer Ic-Mann der Hitlerarmee. Talentvoll, aber unehrlich. Versucht durch Informationen an Sowjetstellen seine wirkliche Einstellung zu verdunkeln. Für Produktionsarbeit in der Sowjetunion."

Daran änderte auch nichts, dass in Nazideutschland die Familien der "Verräter" des BDO in Sippenhaft kamen (so auch Gerlachs Familie), und gegen Einzelne von ihnen Prozesse vorbereitet oder geführt wurden. Von Seydlitz wurde dabei in Abwesenheit zum Tode verurteilt, Gerlachs Prozess kam bis Ende des Krieges über die Vorbereitungsphase nicht hinaus. Die Bemühungen des BDO blieben aber weitgehend erfolglos, die Alliierten zwangen Deutschland militärisch in die Knie. Die Mitglieder des BDO (und mit ihnen Gerlach) wurden für Russland wertlos, jetzt zeigte sich das wahre Gesicht der Sowjets.

Der russische Geheimdienst versuchte, die Gefangenen zu gegenseitigen Denunziationen zu bewegen und als Agenten zu werben. Wer - wie Gerlach - ablehnte, wurde in 'richtige' Arbeitslager abtransportiert, eine lange Odyssee begann. Nachdem Gerlach erneut Anwerbungsversuche abgewiesen hatte, strengte man ein Verfahren wegen angeblicher Kriegsverbrechen gegen ihn an, es drohten 25 Jahre Lagerhaft. Bis zur Urteilsverkündigung blieb Gerlach standhaft, erst dann stimmte er der geheimdienstlichen Tätigkeit zu - zum Schein. Das Manuskript seines gut 600 Seiten starken Stalingrad-Romans allerdings konfiszierte der Geheimdienst und es verschwand in russischen Archiven; auch eine Miniaturabschrift, die ein Kamerad im doppelten Boden eines Koffers aus dem Land zu schmuggeln versuchte, wurde abgefangen. Im April 1950 kam Heinrich Gerlach endlich frei. Dort schließt die Handlung von Gerlachs "Bericht einer Irrfahrt", der 1966 erstmals erschien.

Carsten Gansel aber verfolgt Gerlachs Spur noch weiter und fand auch dazu Dokumentenmaterial in zahlreichen Quellen, vor allem aber die im Deutschen Tagebucharchiv in Emmendingen gelagerten Nachkriegstagebücher Gerlachs, die für "Odysee in Rot" erstmals ausgewertet werden.

Verfolgt und bedroht

Sofort nach seiner Rückkehr nach Berlin setzt Gerlach sich in den Westteil der Stadt ab, von hier aus (er fühlt sich - wie Gansels Recherchen ergeben: zu Recht - verfolgt und bedroht) per Flugzeug in die BRD. Hier wird er aber keinesfalls hofiert oder gar als Widerstandsheld gegen Hitler empfangen - wie seine anderen alten Kameraden vom BDO ihm bald bedeuten, sind in der BRD viele der alten Eliten wieder in einflussreichen Positionen - und für sie sind deutsche Offiziere, die mit den Kommunisten paktierten, nichts anderes als Verräter. Die BDOler sind zahlreichen Anfeindungen ausgesetzt; wie die Personen im Umfeld der "Roten Kapelle" geraten auch sie in das Fadenkreuz des Bundesnachrichtendienstes und unter Verdacht der Spionage; gegen ein BDO-Mitglied, das in einem russischen Arbeitslager als Kapo fungierte, wird ein Prozess wegen "Kameradenschinderei" angestrengt - der Angeklagte wird in erster Instanz rechtskräftig verurteilt.

Damit bietet die Edition nicht nur einen spannenden Beitrag zum Schicksal Heinrich Gerlachs im Besonderen und dem deutscher Kriegsgefangener im Allgemeinen - sie rollt auch ein bislang kaum beachtetes Kapitel des Widerstandes gegen die Hitlerdiktatur auf und unterzieht die deutsche Erinnerungskultur an den Zweiten Weltkrieg einer kritischen Bewertung.

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Heinrich Gerlach: Odysee in Rot. Bericht einer Irrfahrt. Herausgegeben und mit einem dokumentarischen Nachwort versehen von Carsten Gansel, Galiani Verlag Berlin 2017, 928 Seiten, 36 Euro.

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