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Gesichter aus Deutschland

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Der Musiker und Rezitator Oliver Steller gastiert bis Sonntag in Lich - diesmal als Porträtfotograf. Und er hat nicht nur schöne Bilder, sondenr ein besonderes Angebot mitgebracht.

Lich. Sie schauen ernst oder verschmitzt, stolz oder lachend, konzentriert oder abwesend - und gleichzeitig immer so, dass man als Betrachter eine Idee von ihrer Persönlichkeit erhält. Oliver Steller, den das Licher Publikum seit vielen Jahren vor allem als Musiker und Rezitator klassischer Autoren wie Goethe oder Hölderlin kennt, ist in dieser Woche erneut in der Stadt zu Gast - diesmal als Porträtfotograf. In der Galerie »Dazwischen« zeigt er bis Sonntag, 24. Juli, großformatige Arbeiten, die unter dem Titel »German Faces« zusammengefasst sind. Denn zu allen diesen Gesichtern gehört ein deutscher Pass - auch wenn das nicht immer unmittelbar ersichtlich ist.

Ausrüstung im Wert eines Kleinwagens

Auf die Idee zu seinem Thema kam Steller, der als freischaffender, vor allem von Bühnenauftritten lebender Künstler wie viele Kollegen hart von den Auftrittsabsagen der vergangenen zwei Jahre getroffen wurde, während der Corona-Pandemie. Denn anstatt sich dem erzwungenen Nichtstun hinzugeben, besorgte sich der leidenschaftliche Fotograf hochwertiges Kamera-Equipment - »im Gegenwert eines Kleinwagens« - und begann zunächst, im Familienkreis mit der neuen Ausstattung zu experimentieren. So entstand das Bild eines selbstbewusst in die Kamera blickenden jungen Mannes mit dunklen Haaren, bei dem es bald darauf einem Betrachter entfuhr: der kommt aus Mexiko! Doch mitnichten. Bei dem Porträtierten handelt es sich um Leander, den Sohn Oliver Stellers, und damit »einen echten kölsche Jong«, wie der Vater lacht.

Leander war, wie Steller bald feststellte, nicht der einzige, der vom Publikum geografisch falsch einsortiert wurde. Eine porträtierte dunkelhäutige Krankenschwester kommt nicht aus Afrika, sondern aus der Nähe von Speyer. Die mit Steller befreundete Lehrerin Jule lebt seit vielen Jahren in Den Haag. Ein Kölner Koch mit scharf geschnittenem Gesicht hat vietnamesische Wurzeln. Also fragte sich Steller: »Wie sehen die Deutschen eigentlich aus?« Seine persönliche Antwort, zu der übrigens auch der Kabarettist Gerhard Polt und der Dichter Heinz Kahlau gehören, lässt sich nun in der Galerie betrachten.

Um sich die Kunst der Porträtfotografie zu erschließen, hat sich der 54-jährige Steller tief ins Thema eingearbeitet. Hat sich intensiv mit der berühmten Annie Leibowitz, einer seier Lieblingsfotografinnen, beschäftigt. Hat sich bei Fotografen aus seinem Bekanntenkreis Ratschläge in Sachen Technik und Material eingeholt. Und hat regelmäßig Aufträge angenommen, um seine Gegenüber ins rechte Licht zu setzen. Die Ergebnisse sind, wie nun in der Licher Galerie zu sehen ist, ganz unterschiedlich ausgefallen. Mal gestochen scharf und perfekt ausgeleuchtet, mal verschattet und mit bewusst eingesetzten Unschärfen. Mal schwarz-weiß, mal in Farbe. Je nach Person und Persönlichkeit.

Dafür nimmt sich der Fotograf eine Menge Zeit. »Zwei bis drei Stunden«, sagt er, in denen erst einmal locker gequatscht wird, um sich gegenseitig kennenzulernen. Hat Steller dann eine Idee, einen Eindruck vom Wesen seines Gegenübers bekommen, kann es an die Inszenierung gehen. Abgeschaut hat er sich diese Herangehensweise auch bei dem Kölner Dieter Eikelpoth, »eine Fotografie-Legende«, der von Franz Beckenbauer über Georg Baselitz bis Harry Belafonte unzählige Promis vor der Linse hatte.

Auch Steller wurde von Eikelpoth vor einigen Jahren für seine Pressebilder in Szene gesetzt - auf ausdrücklichen Wusch des Fotografen mit einem offenen Schnürsenkel. »Auf den wurde ich dann jahrelang angesprochen«, erzählt der Künstler mit breitem Grisen.

Von seinem eigenen Können kann nun auch das Licher Publikum profitieren. Täglich bietet er zu den Öffnungszeiten der Galerie von 15 bis 18 Uhr an, Besucher zu porträtieren. Das dauert etwa 10 bis 15 Minuten und kostet 49 Euro, von denen ein Teil an KünstLich gespendet wird. Die Kamera mit ihrem riesigen Objektiv und die künstliche Beleuchtung stehen schon bereit. Im kommenden Frühjahr ist dann die nächste Fotoausstellung in Lich geplant: Dann will Oliver Steller Menschen in ihrem persönlichen Umfeld zeigen. Der Titel: »Ein Gott ist der Mensch, wenn sie träumt« - frei gegendert, nach einem von Stellers Lieblingsdichtern: Hölderlin.

Die Foto-Ausstellung »German Faces« in der Licher Galerie Dazwischen (Gießener Straße 5) endet an diesem Sonntag. Dann stellt Oliver Steller um 11 Uhr sein Programm »Von Goethe bis heute« mit Musik und Texten vor. (bjn)

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Musiker ist er auch: Oliver Steller. © Red

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