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Gewaltexzess vor Hessenhallen

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Immer wieder versuchen Gruppen von Exil-Eritreern auf das zuvor schon angegriffene Festivalgelände zu gelangen. In Einzelfällen muss die Polizei auch hier Pfefferspray einsetzen, um die aggressiven Jugendlichen zurückzudrängen. Fotos: Berghöfer © Berghöfer

Millitante Oppositionelle überrumpeln die Polizei in Gießen und erzwingen den Abbruch eines Eritrea-Konzerts in Gießen.

Gießen . »Wír sind für den Frieden« und »Nein zum Gewaltaufruf«, tönt es immer wieder aus dem Lautsprecher im Kofferraum von Klaus-Dieter Grothe. Direkt hinter dem Elektro-Auto des langjährigen grünen Kommunalpolitikers läuft ein älterer Eritreer der die ständigen Friedensbeschwörungen auf deutsch, englisch und in der eritreischen Landessprache Tigrinya wie ein Vorbeter ins Mikrofon ruft. Und wie der Chor antworten ihm rund 200 Demonstranten, die in der nachmittäglichen Gluthitze um den Anlagenring ziehen.

Es sind überwiegend Männer, die den Protestzug gegen ein Konzert eritreischer Musiker in den Hessenhallen anführen. Vor allem der Auftritte des eritreischen Superstars Awel Said, der sich in seinen Videos wie eine Mischung aus Gangsta-Rapper und Fidel Castro inszeniert, macht viele Demonstranten wütend, gilt er ihnen doch als Chefpropagandist des herrschenden Regimes

Erst friedlich ....

Den wenigen Passanten, die den Protestzug zumeist verwundert zur Kenntnis nehmen, werden Flugblätter in die Hand gedrückt, die über die Ziel der Demonstranten aufklären.

Die eritreische Gemeinde in Deutschland ist tief gespalten. Während viele Ältere und deren Kinder den seit 31 Jahren diktatorisch das Land am Horn von Afrika beherrschenden Isayas Afewerki noch immer als den Freiheitshelden feiern, der Eritreas Unabhängigkeit vom großen Nachbarn Äthiopien erkämpft hat, sind jüngere Menschen, die in immer größerer Zahl nach Europa fliehen, dessen erbitterte Gegner. Sie wollen zumeist dem mittlerweile unbefristeten Wehrdienst entgehen, der im »Nordkorea Afrikas« für alle Menschen zwischen 16 und 50 gilt.

Vor allem die Grünen unterstützen seit Jahren die Opposition, die alljährlich gegen die regelmäßig in den Hessenhallen stattfindenden Veranstaltungen der regierungstreuen Eritreer demonstriert. Neben Grothe hat sich auch der Kasseler Bundestagsabgeordnete der Partei, Boris Mijatovic, dem Protestzug angeschlossen. Auch Bürgermeister Alexander Wright marschiert einen Teil der Strecke bis zum Berliner Platz mit.

Am Vortag hatten sieben exil-eritreische Vereine noch vergeblich mit einem Eilantrag am Verwaltungsgericht versucht, das Konzert in den Hessenhallen zu stoppen. Das hat noch einmal den Unmut unter den Teilnehmern gesteigert, die sich gegen 16.30 Uhr der Absperrung nähern, die die Grenze markiert, bis zu der sich die Gegendemonstranten dem Festival nähern dürfen. Dann geht plötzlich alles ganz schnell.

... dann brutal

Eine Gruppe junger Männer jagt eine andere Gruppe über den schmalen Fußweg an der Lahn zurück zur Sachsenhäuser Brücke. Vorne an den Absperrgittern schlägt die bislang friedliche Stimmung um, wird immer aggressiver. Ordnungsamtsmitarbeiter scheuchen die Demonstranten zur Seite, um Platz für Rettungsfahrzeuge zu schaffen, die in hohem Tempo zu den Hessenhallen fahren.

Zeitgleich mit der Demonstration haben rund hundert oppositionelle Eritreer den Zaun des Messeplatzgelände umgerissen und die Helfer, die gerade das Festival vorbereiten, mit Stöcken, Eisenstangen und Messern angegriffen. Weder die Mitarbeiter des Messe-Sicherheitsdienstes noch die rund zehn überrumpelten Polizisten können - trotz Einsatzes von Schlagstöcken und Pfefferspray - die brachiale Blitzattacke stoppen. Bei der werden nicht nur Autos demoliert, ein Imbiss-Wagen verwüstet und die Eingangstüren im Steinhagel zertrümmert, sondern auch Dutzende Menschen zum Teil schwer verletzt. Im Eingangsbereich sind Blutspuren. Auch die Polizisten werden mit Steinen beworfen. Die Attacke kann man auch vom Sofa verfolgen. Die Angreifer streamen sie live im Internet

Obwohl im Laufe der folgenden Stunden zusätzliche Kräfte aus den Polizeipräsidien Mittelhessen, Frankfurt, Nordhessen, Osthessen, Südosthessen und Südhessen sowie der Hessischen Bereitschaftspolizei in Gießen zusammengezogen werden, bleibt die Lage bis in die Nachtstunden angespannt. Immer wieder versuchen Gruppen von 40 bis 50 Männern auf das Festivalgelände zu gelangen. Auch kommt es vor der Messe und offenbar auch im ganzen Stadtgebiet zu Angriffen auf anreisende Festivalbesucher.

Gegen 19.15 Uhr brandet Jubel bei den Demonstranten am Absperrgitter auf. Die Polizei teilt per Lautsprecher mit, dass »aufgrund gefahrenrechtlicher Gründe«, das Konzert abgesagt worden ist. Mehre Dutzend auf dem Gelände festgenommene Angreifer werden nach der Identitätsfeststellung und der Sicherstellung von Messern und Schlagstöcken vor der Messe wieder freigelassen.

Ihre Kameraden feiern sie lautstark als Helden.

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Die zertrümmerten Eingangstüren zeigen, mit welcher Brachialität die Regime-Gegner die Hessenhallen attackieren. © Ingo Berghöfer
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Zunächst ziehen rund 200 Eritreer friedlich über den Anlagenring. Zur gleichen Zeit greifen andere Oppositionelle zur Gewalt. © Ingo Berghöfer

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