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Gießen als »gutes Umfeld« für Inklusion

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Inklusion und gesellschaftliche Teilhabe im Alltag gehören zu den zentralen Herausforderungen für den neuen Behindertenbeauftragten Samuel Groß. Francesco Arman und Ines Müller erleben ihn als »sehr engagiert«. © Lemper

Samuel Groß hat die Aufgabe des Behindertenbeauftragten in Gießen übernommen. Er habe selbst schon sehr von dem Inklusionsgedanken profitiert, »aber auch viele Kämpfe austragen müssen«.

Gießen . Gießen biete grundsätzlich »ein gutes Umfeld, um die Themen ›Teilhabe‹ und ›Inklusion‹ voranzubringen«. Davon ist Samuel Groß überzeugt. »Richtig genervt« ist der 27-Jährige allerdings von so mancher Ampelschaltung. Denn es gebe hier Ampeln, »da kommt kein Sportstudent in der Grünphase drüber«. Selbst mit E-Rollstuhl schaffe er es oft nicht einmal auf die Zwischeninsel, weil die Taktung dies nicht zulasse. Und damit beschreibt Groß gleich ein so bekanntes wie komplexes Problem, das er als neuer städtischer Behindertenbeauftragter ebenfalls alsbald in Angriff nehmen möchte.

Seit November übt der gebürtige Butzbacher diese Aufgabe aus, die gewiss auch von seiner eigenen Biografie geprägt sein wird. »Ich habe selbst sehr von dem Inklusionsgedanken profitiert, aber auch viele Kämpfe austragen müssen«, erzählt Samuel Groß bei seiner offiziellen Vorstellung. Beispielhaft nennt er die Beurteilung, wie er schulisch einzustufen gewesen sei, die notwendigen Fahrdienste zur Schule oder den erzwungenen Verzicht auf extracurriculare Veranstaltungen, da schlicht die barrierefreie Infrastruktur fehlte. Glücklicherweise sei er dabei immer auch auf Personen getroffen, die ihn unterstützt und gefördert haben. All diese Erfahrungen möchte er künftig nutzen, um anderen Menschen in ähnlicher Situation zur Seite zu stehen.

Stelle aufgestockt

Gut anderthalb Jahre war die Position nach dem Ausscheiden von Jürgen Becker vakant. Die verschiedenen Anliegen seien aber natürlich trotzdem bearbeitet worden, versichert Ines Müller, Leiterin des Amtes für soziale Angelegenheiten. Teils habe man dafür an andere Beratungseinrichtungen verwiesen. Für die Baustellungnahmen sei wiederum Heinrich Hainmüller, der ehemalige Vorsitzende des inzwischen aufgelösten »Club 68 - Verein für Behinderte und ihre Freunde« eingebunden worden. Dass die Neubesetzung etwas länger dauerte, habe indes einen guten Grund: die Aufstockung von einer viertel auf eine halbe Stelle und die finanziell bessere Eingruppierung.

Schon Groß’ Vorgänger Jürgen Becker hatte betont, dass die zweimal fünf Stunden pro Woche zu knapp bemessen gewesen seien. »Wer etwas anpacken will, gerät schnell in Terminnöte«, sagte der Wiesecker damals im Gespräch mit dem Anzeiger. An Tatendrang mangelt es Samuel Groß jedenfalls nicht. »Ich erlebe ihn als sehr engagiert, er möchte sofort in die praktische Arbeit einsteigen«, bestätigt Sozialdezernent Francesco Arman (Gießener Linke). Und skizziert als Ziel eine Stadt, »in der es nur wenige oder gar keine Barrieren mehr gibt und sich Bürgerinnen und Bürger mit Beeinträchtigung genauso wohlfühlen wie Familien«.

Die Städte seien jedoch zu Zeiten gewachsen, als noch ein anderes Denken vorherrschte. Doch der Diskurs habe sich längst verändert. Diesen Wandel gelte es aktiv zu begleiten, hin zu einer »positiven Zukunftsvision«. Dazu passt, dass Samuel Groß Inklusion, »etwas philosophisch formuliert«, als Utopie versteht - nicht in dem Sinne, »dass es sich um etwas Fantastisches und nicht Realisierbares handelt«, sondern dass es vielmehr schwierig sei, »alle Belange gleichzeitig berücksichtigen zu können«. Gerade deshalb diene die Utopie aber als Ansporn dafür zu schauen, was zu tun ist und Ideen zu sammeln, »wie es besser gemacht werden kann«.

Diesen Weg möchte der 27-Jährige, der ab 2016 an der Freien Theologischen Hochschule (FTH) im Schiffenberger Tal Evangelische Theologie studiert hat, gemeinsam mit allen Gremien, der Verwaltung sowie den Gießenern beschreiten. Besonders dankbar sei er, dass bereits ein sehr gutes Netzwerk existiert, etwa über den Beirat für die Belange von Menschen mit Behinderungen oder den Gießener Arbeitskreis für Behinderte. Zugleich verspricht Samuel Groß, »Ansprechpartner für alle Bürger sein zu wollen, nicht nur für jene, die von Beeinträchtigungen betroffen sind«. Wer eine Anregung hat, könne sich jederzeit bei ihm melden. Er werde dann versuchen, die Vorschläge in die zuständigen Gremien hineinzutragen und im Idealfall umzusetzen.

Barrierefreiheit

Ein Schwerpunkt seiner Tätigkeit wird sicher sein, bei öffentlichen Bauvorhaben darauf zu achten, dass die Barrierefreiheit nicht zu kurz kommt und die Interessen von Menschen mit Handicap frühzeitig in die Planungen einbezogen werden. Mit Blick auf das Ansinnen, die autoarme Innenstadt zu verwirklichen, müsse er als Behindertenbeauftragter mit dafür sorgen, den Fuß- und den Radverkehr barrierefrei zu gestalten. Noch in diesem Jahr wird zudem die Infobroschüre »i-Börse« als Wegweiser und Leitfaden zur Erleichterung der gesellschaftlichen Teilhabe aktualisiert. Auf seiner Agenda hat er darüber hinaus einen ungelösten Dauerbrenner, die Zugänglichkeit des Stadttheaters für Rollstuhlfahrer, die Erweiterung des Blindenleitsystems in der Innenstadt, die öffentlichen Toiletten sowie den wiederkehrenden Konflikt zwischen Fragen des Denkmalschutzes und der Barrierefreiheit.

Ines Müller hebt obendrein hervor, dass neben räumlichen Hürden auch bei der Sprache ein noch stärker inklusiver Ansatz verfolgt werden müsse. Unabhängig von konkreten Projekten, so Samuel Groß, müsse es gelingen, die Bevölkerung generell noch umfassender für die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung zu sensibilisieren.

Termine mit Samuel Groß können per E-Mail an behindertenbeauftragter@giessen.de vereinbart werden. Telefonisch ist er vormittags von 8 bis 12 Uhr unter der Nummer 0641/306-1828 zu erreichen.

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