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Gießen, ein Flammenmeer

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Die Zeitzeugen Kurt Neurath und Wolfgang Schoeßler erinnern sich an die Gießener Bombennächte im Dezember 1944.

Gießen. Kurt Neurath und Wolfgang Schoeßler sind zwei Gießener Urgesteine. Die beiden Herren, Jahrgang 1934, sind auf die gleiche Schule gegangen und kennen sich schon seit Ewigkeiten. Was beide ebenfalls eint, das sind die Erinnerungen an die Bombennächte im Dezember 1944, welche sie als Kinder erlebt haben. Als die Bomben am 3. und 6. Dezember 1944 auf Gießen fielen, waren beide dabei. Der eine am 3., der andere drei Tage später. Die Bürgerinitiative Historische Mitte Gießen ermöglichte anlässlich des Gedenkens an die Bombennächte das Zeitzeugengespräch mit den beiden Gießenern.

»Mir ist es wichtig, die Erinnerung wach zu halten. Zeitzeugen sind ein Geschenk, welches wir nicht mehr lange haben werden«, sagt Jan-Patrick Wismar, der Organisator des Gesprächs.

Blockwart ins Bockshorn gejagt

Die Bürgerinitiative sorgt in diesem Jahr mit einem Liveticker dafür, dass die Erinnerung an die Bombennächte medial verbreitet werden. Die Erinnerung daran ist den Senioren noch nach 77 Jahren präsent, als wären die Erlebnisse erst 77 Stunden her. »Ich habe alle großen Angriffe miterlebt. Wir sollten nach Oppenrod evakuiert werden, aber meine Mutter, die in Gießen bleiben sollte, hat rebelliert. Also blieben wir in Gießen«, erzählt Schoeßler. Seit Ewigkeiten wohnt der frühere Sozialdemokrat in der Schottstraße, im Haus der Großeltern. Sein eigenes Elternhaus in der Nummer 13 fiel damals den Brandbomben zum Opfer, doch an einige Anekdoten erinnert sich der 87-jährige bis heute. »Ich stamme aus einem politisch roten Nest. An Hitlers Geburtstag hat meine Mutter dem Blockwart immer gesagt, dass sie als arme, alte Frau zu schwach ist, um zum Führergeburtstag auf- und abzuflaggen. Das hat sie jedes Mal gemacht und der Blockwart ist immer wieder darauf reingefallen«, erinnert sich Schoeßler.

Seine Mutter Klara tat zur Zeit des Nationalsozialismus weitere Dinge, die gefährlich wären. »Wir haben BBC gehört. Ich habe bis heute noch die Melodie im Ohr. Und wir haben Flugblätter gesammelt. Wir wussten, was Sache ist. Wer es wollte, konnte wissen, was los war«. Schoeßlers eigener Vater war als Waffenmeister in der Ukraine und wollte sogar den eigenen Sohn zum Urlaub machen dorthin einladen. »Da hat meine Mutter gesagt: Auf keinen Fall! Dann war das Thema erledigt«.

Als am 06. Dezember 1944 kurz nach 20 Uhr der erste Voralarm ertönte, war Schoeßler schnell klar, dass heute etwas bevorsteht. »Der Voralarm war noch nicht aus, da kamen uns schon die Fensterscheiben aus dem Treppenhaus entgegen«. Die Brandbomben der Royal Air Force verwandelten das stockdunkle Gießen in ein Flammenmeer. »Mitten in den Keller kam eine Frau mit einer Nikolausuniform. Stellen Sie sich das vor. Über ihnen bebt die Erde und plötzlich steht der Nikolaus vor Ihnen«, erinnert sich der Rentner. Nach einer Weile hielt es die Familie im Keller nicht mehr aus und die Mutter ging auf die Suche nach den Großeltern. Plötzlich stand der damals Zehnjährige mit seinem Bruder allein im brennenden Gießen. »Mein Bruder ging dann auch auf die Suche und ich blieb allein mit unserem Radio auf der Straße zurück. Wir dachten anfangs: Ach, die schießen ja nur mit den Bordkanonen. Aber das waren in Wahrheit die Brandbomben auf den Dächern«.

Die Großmutter Schoeßlers, eine strenge Katholikin, blieb in der Bombennacht in ihrer Wohnung und betete. Nach dem Angriff schleppte die Familie sogar noch die schmutzige Wäsche aus dem brennenden Haus. »Ich werde die Worte meiner Großeltern nie vergessen: Das erlebt ihr nicht mehr, dass das alles aufgebaut wird«. Ein Satz, der Ende des Krieges häufiger fiel.

Kurt Neurath, von seinem früheren Schulkameraden »Kurti« genannt, erlebte den 3. Dezember in Gießen, die Erinnerung an die verheerende Bombennacht drei Tage später blieb aber bis heute. »Am 6. Dezember waren wir in Rödgen und saßen mit der Familie im Keller. Wir sahen, dass sich etwas anbahnte. Es war lautes Gebrumm der Flugzeuge zu hören und dann wurde es draußen sehr hell«.

»Am Abend des 3. war Luftalarm. Wir mussten in unserem Haus in den Luftschutzkeller. Dort trafen sich dann alle sechs Familien, die im Haus wohnten, bestimmt 15 Personen«. Neurath erzählt von der stickigen Luft im Keller. »Es war sehr ungemütlich und erdrückend. Irgendwann erschütterten Bomben unser Haus. Das Licht ging aus und wir saßen im Dunklen. Es machte sich das Gefühl breit, dass jeden Moment das Haus zusammenstürzen könnte«. Das eigene Haus wurde zwar nicht zerstört, aber das Nachbarhaus in der Werrastraße hatte einen Volltreffer von einer Luftmine abbekommen. »Drei Leute sind da gestorben. Alles Leute, die wir persönlich kannten, auch ein 14-jähriges Mädchen«. Am eigenen Haus hatte die Giebelwand einen Riss von etwa 20 Zentimetern über die gesamte Höhe abbekommen. »Am nächsten Tag sahen wir dann, was die Bomben noch so zerstört hatten. Am Anfang des Selterswegs waren Bomben eingeschlagen«, erzählt Neurath. Aus Angst vor weiteren Angriffen beschloss Neuraths Mutter, erst einmal zur Tante nach Rödgen zu ziehen. »Wir packten unsere Wertsachen zusammen und brachten sie zu einem entfernten Verwandten in die Walltorstraße. Der Mann wollte bei nächster Gelegenheit unsere Sachen nach Rödgen mitnehmen, aber dazu kam es leider nicht mehr«. Als am 6. Dezember die Bomben fielen, war die Detonationskraft noch im Keller zu spüren. Einen Tag später besuchte die Familie zu Fuß die zebombte Stadt. »Die Walltorstraße war komplett zerstört. In der Mitte der Straße war noch ein Pfad. Weiter kamen wir nicht, es roch stark verbrannt und es war heiß. Unsere Sachen waren alle verbrannt«, erinnert sich Neurath. Nach dem Krieg seien die Trümmer nach und nach beseitigt worden, »aber es war traurig, unsere schöne Stadt so zu sehen«.

Was Neurath in Erinnerung blieb, war die Solidarität und der Zusammenhalt der Leute in Gießen. »Leute, die wenig hatten, haben trotzdem noch was abgegeben. Es herrschte eine ganz andere Mentalität, die es heute nicht mehr gibt«.

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Die Zeitzeugen Wolfgang Schoeßler (li.) und Kurt Neurath teilen ihre Erinnerung an die Bombennächte. © Leyendecker

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