1. Startseite
  2. Stadt Gießen

Gießen - Eine Stadt voller Barrieren

Erstellt:

giloka_0705_lhIMG_14512__4c
Auch der zweite Wurf ist drin: OB Becher versuchte sich als Rollstuhlbasketballer. © Schäfer

Am europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen gab es auch in Gießen verschiedene Aktionen. OB Becher versuchte sich beispielsweise als Rollstuhlbasketballer.

Gießen. »Ich will jetzt sehen, ob das nicht nur ein Zufallstreffer gewesen ist«, sagt Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher, als er mit seinem zweiten Versuch den Basketball in den 3,05 Meter hoch angebrachten Korb versenkt hat. Nach einem weiteren Treffer zeigt er sich zufrieden. Geworfen hat er aus einem Rollstuhl, von denen etliche an diesem Donnerstag in der Sonnenstraße platziert sind. Dorthin hatte die Lebenshilfe zu einem inklusiven Event eingeladen. Denn am 5. Mai finden bundesweit Aktionen zum Europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung statt. In den letzten Jahrzehnten hat sich beim Thema Inklusion zwar schon viel getan, aber in vielen Teilbereichen gibt es nach wie vor großen Handlungsbedarf. Die vielfach noch fehlende Barrierefreiheit, die in diesem Jahr im Fokus des Protesttages steht, gehört dazu.

Mit dem Motto »Tempo machen für Inklusion - barrierefrei zum Ziel« soll sie in das Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken. Jede Barriere verhindert die gesellschaftliche Teilhabe und individuelle Mobilität von Menschen mit Behinderung.

Für die Lebenshilfe Gießen geht es darum, gemeinsam mit den Rollstuhlbasketball-Profis des Rollstuhlsportvereines (RSV) Lahn-Dill, dem Basketballbundesligisten Gießen 46ers und der Aktion Mensch ein Zeichen für Inklusion zu setzen und zu mehr Barrierefreiheit aufzurufen. Besucher hatten die Gelegenheit, gegen Spieler der 46ers anzutreten - und das in Sport-Rollstühlen des RSV. Die Kooperation zwischen der Lebenshilfe und den 46ers trug schon vor Start der Veranstaltung Früchte: Die 46ers vergaben 50 Freikarten für ihr letztes Heimspiel an Mitarbeiter der Lebenshilfe Gießen - mit und ohne Handicap. Laut Kerstin Ahrens, die die Veranstaltung organisiert hat, will die Lebenshilfe an diesem Nachmittag Barrieren »auf spaßige Weise« beseitigen. »Die Passanten sollen sich hier in die Lage von Menschen versetzen können, die permanent im Rollstuhl sitzen.«

Maren Müller-Erichsen, Aufsichtsratsvorsitzende der Lebenshilfe Gießen, eröffnet die Veranstaltung zusammen mit dem OB. Sie freute sich auf ein lebendiges Ereignis im Herzen der Stadt: »Menschen mit Beeinträchtigungen müssen die gleichen Rechte zugestanden werden wie allen anderen auch«, so ihr Credo. Dies beginne mit dem Kindergarten und der Schule.

Bereits 1998, habe die Lebenshilfe die Sophie-Scholl-Schule mit inklusiven Klassen bis in die Jahrgangsstufe 10 gegründet. Ihr Wunsch: Dass das in weiteren Schulen umgesetzt wird. In der Ausbildung gelte es zu unterstützen, was die Jugendlichen wirklich wollten. Im Kompetenzzentrum der Lebenshilfe in der Siemensstraße würden Praktika beispielsweise beim Bäcker oder Gärtner vermittelt. »Auch Werkstattplätze bei uns bieten wir an.«

Ein Problem stelle dort der nicht vorhandene Mindestlohn dar. »Die Mitarbeiter möchten schon ein bisschen mehr haben.« Menschen mit Behinderung wünschten sich auch einen adäquaten Wohnplatz. Ganz oben auf der Liste stehe, »möglichst selbstbestimmt durchs Leben zu gehen.« Jeder Mensch mit Behinderung habe Fähigkeiten, »die wir manchmal erst suchen müssen und dann auch finden.«

Als Vertreter der Landesarbeitsgemeinschaft der Werkstatträte (LAG Hessen) spricht Daniel Tabert die Tatsache an, dass nur jeder Fünfte seine Beeinträchtigung seit der Geburt habe - 80 Prozent erst später. Irgendwann könne das Schicksal durch einen Unfall oder eine Krankheit zuschlagen. Als Beispiele dafür benennt er derzeit in der Lebenshilfe-Werkstatt arbeitende ehemalige Polizisten und Studenten. »Inklusion kann jeden treffen - von heute auf morgen.«

Für das Verwaltungsoberhaupt der Stadt ist das Aktionsmotto prioritär: »Tempo machen bei der Inklusion.« Mit der aktuellen Aktion solle gezeigt werden, dass durch gemeinsames Engagement unsere Zukunft inklusiv gestalten werden könne. Von Gießen spricht Becher jedoch als einem Ort »noch voll von Barrieren« und benennt zahlreiche Beispiele. »Auch ein Brief in nicht leichter Sprache kann eine Barriere sein.«

Karten einer Kampagne der Aktion Mensch wurden an den Infotischen verteilt. »Daumen hoch für Barrierefreiheit, wenn du eine gute Lösung findest«, heißt es.

»Fotografiere dich davor mit diesem grünen Daumen-hoch-Schildchen und poste dein Bild in den sozialen Medien #OrtefürAlle.« Wer eine Teilhabe verhindernde Barriere finde, solle dies mit der roten »Daumen-runter«-Seite tun. Der OB berichtet von den Special Olympics World Games, die im nächsten Jahr in Berlin stattfinden: Es ist die weltweit größte inklusive Sportveranstaltung. Tausende Athleten mit geistiger und mehrfacher Behinderung werden dort miteinander in fast dreißig Sportarten antreten. Zu den 200 Host Towns, die den Empfang für die internationalen Delegationen der Special Olympics World Games Berlin 2023 vorbereiten und inklusive Projekte vor Ort umsetzen, gehöre auch Gießen, so Becher, der zugleich Sportdezernent ist.

Am Vormittag hatte eine Aktion des Gießener Arbeitskreises für Behinderte mit dem städtischen Behindertenbeauftragten Samuel Groß sowie mit Kornelia Steller-Nass (Arbeitskreis für Behinderte) in die Awo-Kita Lotte Lemke im Spenerweg geführt, in der auch Gießens Sozialdezernent Francesco Arman als Erzieher arbeitet. Im Areal rund um die Kita - auch Fröbelstraße und Trieb - wurden bauliche Barrieren für körperlich behinderte Menschen erkundet.

Auch interessant