1. Startseite
  2. Stadt Gießen

Gießen hat jetzt eine Wölfin

Erstellt:

giloka_2202_wolf_ebp_220_4c_2
Von Kassel nach Gießen: Die junge Wölfin, die nun Besucher im Foyer der Hermann-Hoffmann-Akademie begrüßt, wurde 2020 zwischen Helsa und Oberkaufungen überfahren. © Pfeiffer

2020 wurde das Tier bei Kassel überfahren, jetzt können Studierende der JLU an dem Präparat lernen.

Gießen . Sie sieht aus, als würde sie gerade einen Spaziergang durch den Wald machen, doch die junge Wölfin hat ein ungewöhnliches neues Revier: das Foyer der Hermann-Hoffmann-Akademie der Justus-Liebig-Universität (JLU). Hier begrüßt »GW1644f«, wie das Tier in der Datenbank des Senckenberg Forschungsinstitutes heißt, seit kurzem die Besucher. Die Wölfin ist das neueste Präparat in der Senckenbergstraße und wurde von den beiden Direktoren der Akademie, Prof. Dr. Volker Wissemann und Prof. Dr. Hans-Peter Ziemek, am gestrigen Montag offiziell vorgestellt.

»GW1644f« ist keine zwei Jahre alt geworden. Am 2. Juni 2020 wurde sie im Landkreis Kassel von einem Auto überfahren. Wenige Monate zuvor war das Tier erstmals genetisch nachgewiesen worden. »Es ist etwas ganz Besonderes, dass sie jetzt dauerhaft hier steht«, betonte Ziemek. Denn: Einen toten Wolf kann man nicht einfach so kaufen. Die Hermann-Hoffmann-Akademie hat das Tier über das Wolfszentrum am Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie erhalten.

Das Präparat steht Studierenden zur Verfügung, soll künftig aber auch Schüler und andere Interessierte zum Staunen bringen. Anhand von »GW1644f« könne man zum Beispiel die Anatomie der Wölfe und ihre Verwandtschaft mit dem Hund erklären, aber auch gesellschaftliche Fragen thematisieren, verdeutlichte Wissemann. Schließlich begrüße nicht jeder die Rückkehr des Wolfes nach Hessen.

Die Tiere wurden in der Vergangenheit massiv bejagt und schließlich in Deutschland ausgerottet. In den vergangenen Jahren wurden in Hessen allerdings nicht nur Wölfe auf der Durchreise beobachtet. Einigen gefiel es hier offenbar so gut, dass sie sesshaft wurden. Als sesshaft gilt ein Wolf dann, wenn er in einem bestimmten Gebiet mindestens zweimal im Abstand von sechs Monaten genetisch erfasst wird.

Über »GW1644f« ist wenig bekannt. Klar ist aber, dass sie nicht aus den Alpen zugewandert ist, sondern zur mitteleuropäischen Flachlandpopulation gehört. Nach ihrem Unfalltod wurde sie zunächst im Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin untersucht, ehe sie der Hermann-Hoffmann-Akademie zur Präparation übergeben wurde. Diese fand allerdings nicht in Gießen, sondern in Sachsen-Anhalt statt. Die Kosten in Höhe von rund 2500 Euro hat der Förderverein der Akademie übernommen. Da der Unterbau selbst gebaut wurde und das Glasgehäuse bereits vorhanden war, ist man etwas preiswerter weggekommen.

Wie der stellvertretende Vereinsvorsitzende, Prof. Martin Bergmann mitteilte, bekommt die junge Wölfin demnächst noch eine »Nachbarin«. Eine Wildkatze aus dem Krofdorfer Forst - die auch einem Auto zum Opfer fiel - wird derzeit präpariert und soll später ebenfalls in der Senckenbergstraße zu sehen sein. Die Präparate sind nicht nur wichtig für Forschung und Lehre, sondern auch für die Öffentlichkeitsarbeit, findet Dr. Alissa Theiß, Referentin für Sammlungskoordination an der JLU. Der Pottwal etwa zieht auch nach über drei Jahren noch Besucher an.

Schon im laufenden Wintersemester konnten Studierende an der Wölfin lernen - etwa am Institut für Veterinär-Anatomie. »Studierende, die sich eigentlich um Haustiere kümmern, können so über den Tellerrand hinausschauen und viel Wissen über Wildtiere generieren«, verdeutlichte Prof. Carsten Staszyk.

Gemäß der Devise »Lernen durch Lehren« wird das erworbene Wissen auch gleich weiter vermittelt: Das Plakat, das neben dem neuen Präparat über die Schädelanatomie von Wolf und Hund informiert, hat mit Annabelle Leistner eine Studentin der Tiermedizin erstellt. Auch im Rahmen einer Veranstaltung der Biologiedidaktik wurden Materialien zur Präsentation der Wölfin erarbeitet.

Aber nicht nur für Studierende der Biologie oder der Veterinärmedizin könnte »GW1644f« nützlich sein. Akademie-Direktor Ziemek sieht auch Schnittmengen für andere Studiengänge, etwa Germanistik. In Märchen wie »Rotkäppchen« oder »Der Wolf und die sieben Geißlein« hat der Wolf die Rolle des Bösewichts inne, der die Helden der Geschichte auffressen will. »Die Angst vor dem Wolf steckt tief in uns drin«, weiß Ziemek. Dabei sei kaum jemand je einem Wolf begegnet. Er hofft, mit dem Präparat auch Missverständnisse über die Tiere auflösen zu können. Denn für den Menschen sei die neue Wolfspopulation keine Gefahr.

Während das Wolfspräparat nun einen prominenten Platz in der Hermann-Hoffmann-Akademie hat, wird hinter den Kulissen bereits am nächsten Großprojekt gearbeitet: »Kiburi«, eine im Mai 2019 im zoologisch-botanischen Garten in Stuttgart verstorbene Giraffendame, wird derzeit in Gießen präpariert. Bis das Skelett seinen Platz neben dem Wal einnehmen kann, wird es aber noch dauern, denn die Knochen müssen erst einmal freigelegt werden. Auch die Knochen der Wölfin »GW1644f« lagert übrigens noch am Fachbereich Veterinärmedizin - vielleicht gibt es das Tier also bald nicht nur von außen zu bestaunen.

Auch interessant