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Gießen: Richtfest für 30 Millionen Euro teuren Neubau des Fraunhofer-Instituts für Bioressourcen

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Von: Frank-Oliver Docter

GIESSEN - (fod). Die einen ekeln sich vor Insekten und nehmen lieber schnell Reißaus oder schlagen nach ihnen. Andere sehen in den Krabbel- und Flugtierchen, von denen weltweit fast eine Million Arten bekannt sind, eine unerschöpfliche Quelle für biologische Wirkstoffe mit den unterschiedlichsten Anwendungsgebieten. Sei es nun für neue Medikamente in der Medizin - hier allen voran für aufgrund zunehmender Resistenzen dringend benötigte Antibiotika -, als alternative Proteinquelle zur Bekämpfung von Unterernährung in armen Ländern oder für umweltschonenden Pflanzenschutz gegen Schädlinge:

All das und noch so einiges mehr wird künftig im Fraunhofer-Institut für Bioressourcen in Gießen von rund 100 Mitarbeitern aus aller Welt erforscht. Am Dienstag feierte man in dem etwa 30 Millionen Euro teuren Neubau an der Ecke Leihgesterner Weg/Ohlebergsweg, der je zur Hälfte von Land und Bund finanziert wird, Richtfest. Und das mit allerlei Prominenz, an der Spitze Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier.

Mitte 2019 soll das fünfgeschossige Gebäude, das über eine Hauptnutzfläche von circa 4000 Quadratmetern verfügt und neben Laboren auch ein Gewächshaus und eine der weltweit größten Stammsammlungen von Mikroorganismen beinhalten wird, in Betrieb genommen werden.

Partner aus Industrie

"Meilenstein", "Leuchtturmprojekt", "Hier entsteht Zukunft" "Strahlkraft weit über Gießen hinaus": Die Redner überschlugen sich geradezu mit Lobesworten, um die Bedeutung dieses Ereignisses zu würdigen. Und das angesichts des enormen Potenzials zu Recht. So ist es europaweit das erste Forschungszentrum dieser Art für die zukunftsträchtige Insektenbiotechnologie, die schon jetzt ein Milliardengeschäft ist. Zusammen mit Partnern aus der Wissenschaft - wie etwa der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM) - und der Industrie - hier unter anderem der Pharmariese Sanofi - möchte man die Erkenntnisse aus dem Labor in praktische Anwendungen umsetzen. Bereits seit über zehn Jahren forschen Prof. Andreas Vilcinskas - eigentlicher "Vater" des Gießener Erfolgsprojekts und bekannt für sein Motto "Von Insekten lernen, heißt siegen lernen" - und sein Team an der Justus-Liebig-Universität (JLU) auf diesem Gebiet, wozu auch Tiergifte, Bakterien und Pilze gehören. Derzeit noch geschieht dies am Zentrum für Insektenbiotechnologie und Bioressourcen, dem aus dem hessischen Forschungsförderprogram "Loewe" ebenfalls schon ein hoher zweistelliger Millionenbetrag zugeflossen ist. Das künftige Institut, dessen Neubau Teil des Technologie- und Gewerbeparks Leihgesterner Weg ist, wird das erste der renommierten Fraunhofer-Gesellschaft in Mittelhessen sein und noch dazu das erste außerhalb der Gießener Universität.

Als Beispiel aus der aktuellen Forschung nannte Vilcinskas die aus Japan auch nach Deutschland eingewanderte Kirschessigfliege. Ihre Weibchen würden erst kurz vor der Ernte, wenn Insektizide nicht mehr gespritzt werden dürfen, ihren Stachel in reife Früchte bohren. Die Folge seien Ernteausfälle in Milliardenhöhe, auch in Mittelhessen. Seinem Team sei es jedoch gelungen, einen Virus zu entdecken, "der nur dieses Insekt attackiert" und der in großen Mengen produziert werden kann. Als ein weiteres Insekt erforsche man die "Schwarze Soldatenfliege", an die laut Vilcinskas sämtliche organische Abfälle "verfüttert" werden könnten und deren Larven als Futterersatz für Nutztiere infrage kommen. Auf diese Weise könnte der riesige Flächenverbrauch für den Anbau von Futtermitteln, der auch die Regenwälder immer weiter schrumpfen lässt, minimiert werden.

Gegen Unterernährung

Das weltweit größte Problem, das der Unterernährung von heute noch rund 800 Millionen Menschen, sprach Andreas Meuer an, der Vorstandsmitglied der Fraunhofer-Gesellschaft ist. Seinen Worten nach würden für 2050 über neun Milliarden auf der Erde lebende Menschen prognostiziert, was alternative Lebensmittelquellen erfordere, wie sie aus Insekten gewonnene Proteine böten. "Dieses Umdenken findet hier bereits statt", lobte er wie auch andere Redner die Gießener Experten rund um Andreas Vilcinskas für ihre Weitsicht.

Institut und Neubau sollten daher "dem Wohl der Wissenschaft und der Menschheit dienen", brachte es Prof. Joybrato Mukherjee, Präsident der JLU, auf den Punkt. Das Projekt zeige, dass es drei Dinge brauche, um erfolgreich zu sein: "Eine exzellente Idee, exzellente Unterstützer und Weitblick", so Mukherjee, der allen Beteiligten und Förderern, insbesondere Land und Bund, seinen Dank aussprach. Ein Dank, dem sich auch Vilcinskas anschloss. Volker Bouffier zeigte sich überzeugt, dass "hier etwas entsteht, was in der ganzen Welt beachtet werden wird". Und das noch dazu neue Arbeitsplätze schaffe. Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz "erhofft" sich von dem Neubau nichts weniger als "eine Strahlkraft von hier aus für die gesamte Stadtentwicklung".

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