Gießen steht vor einem spannenden Superwahljahr

  • schließen

Jetzt ist es raus: Dietlind Grabe-Bolz wird nach bald zwölf Jahren nicht mehr für eine dritte Amtszeit kandidieren. Man mag es der 63-Jährigen abnehmen, dass sie wirklich lange mit sich gerungen hat, bevor diese Entscheidung doch in Richtung mehr selbstbestimmter Zeit gefallen ist. Denn eines wird niemand bestreiten können - stets hat sie sich zu hundert Prozent engagiert und leidenschaftlich für ihre Stadt ins Zeug gelegt.

Das werden selbst jene anerkennen müssen, die inhaltlich vielleicht nicht immer mit ihr einer Meinung sind. Vor allem hat die Sozialdemokratin durch ihren offenen und zugewandten Politikstil in Gießen viele Sympathien gewonnen. Noch ist es freilich zu früh, eine Bilanz zu ziehen, zumal Dietlind Grabe-Bolz noch fast ein Jahr an der Spitze der Rathausverwaltung steht. In jedem Fall verdient es Respekt zu sagen, dass es auch noch ein anderes Leben jenseits von Akten, Ausschüssen, Gremiensitzungen und Co. gibt und private Gründe für den Abschied eine zentrale Rolle spielen. Und es zeugt von Verantwortungsbewusstsein, sich die Frage zu stellen, "ob ich noch für volle sechs Jahre die nötige Frische, Motivation und Begeisterung mitbringe". In der Politik, wobei das vermutlich eher die Herren betrifft, ist es nämlich gar nicht so selbstverständlich, im geeigneten Moment den Absprung zu schaffen.*Apropos richtiger Zeitpunkt: Die politische Konkurrenz, aber auch die Koalitionspartner von CDU und Grünen, zeigten sich durchaus überrascht davon, dass die SPD noch vor der Kommunalwahl mit ihrem Personalangebot für eine Wahl, die wahrscheinlich erst Ende September stattfindet, vorgeprescht ist. Zumindest das hatte Dietlind Grabe-Bolz allerdings in den Silvester-Interviews beider Gießener Tageszeitungen mitgeteilt. Und möglicherweise ist es auch aus taktischer Sicht klug gewesen, sich nicht bereits vor einem Jahr - wie ursprünglich mal angekündigt - zu erklären. Sonst wäre die Gefahr deutlich größer gewesen, als "Lame Duck", also als "Lahme Ente", zu gelten. *Nun geht es zwar bei einer Kommunalwahl nicht ganz so sehr wie bei der Abstimmung über ein direkt gewähltes Stadtoberhaupt um die jeweilige Persönlichkeit (Okay, angeblich geht es allen sowieso immer nur um die Inhalte), trotzdem ist es transparent und ehrlich, schon im Vorfeld zu signalisieren, dass sich eine maßgebliche Personalie in den Monaten danach ändern wird. Zugleich scheint sich die SPD davon auch einen Schub zu versprechen. Eine Botschaft - oder wie es heutzutage heißt: das Narrativ - für die Kommunalwahl könnte jedenfalls sein: Wenn Ihr wollt, dass wir den Chef(innen)sessel mit Frank-Tilo Becher als unserem Kandidaten behaupten, ebnet ihm den Weg und stattet ihn am 14. März schon mal mit einer soliden sozialdemokratischen Mehrheit aus. Dass der ehemalige Evangelische Dekan und jetzige Landtagsabgeordnete selbst unter schwierigen Vorzeichen für die SPD Wahlen gewinnen kann, hat er ja schon bewiesen. Darauf dürften die Genossen vertrauen. Und insofern verwundert es auch nicht, dass sein Name als potenzieller Nachfolger von Dietlind Grabe-Bolz seitdem öfter mal gefallen ist.*Ganz sicher steht den Gießenern trotz aller Unwägbarkeiten durch die Corona-Pandemie ein spannendes Superwahljahr bevor. Prognosen, welche Regierungskoalition sich nach der Kommunalwahl - deren Ergebnis sich weniger stark an den Kräfteverhältnissen auf Landes- und Bundesebene orientieren muss - herausbildet, sind schwer möglich; leichter wird die Mehrheitsfindung angesichts von zehn antretenden Listen und mangels Fünf-Prozent-Hürde nicht. Von diesem Ausgang dürfte wiederum abhängen, mit welchen Konkurrenten es Frank-Tilo Becher zu tun haben wird. Denn es wäre wohl ein schlechter Start in eine gemeinsam zu gestaltende Legislaturperiode, dem stärkeren Partner die Tour zu vermasseln und bei der OB-Wahl Stimmen abspenstig zu machen. Deshalb ist es nachvollziehbar, dass sich die meisten Parteien und Wählergruppierungen noch mit einer Äußerung zurückhalten. Dass die CDU jemanden aufstellen wird, versteht sich dennoch von selbst. Und es wäre eine faustdicke Überraschung, sollte dies nicht Bürgermeister Peter Neidel sein. Interessant ist aber insbesondere, wie sich die Grünen verhalten. Je nachdem, wie gut sie in sechs Wochen erneut abschneiden, werden ihre Anhänger vielleicht sogar erwarten, dass die sich im kontinuierlichen Aufschwung befindliche Partei den Wettbewerb um das Amt der Oberbürgermeisterin oder des Oberbürgermeisters nicht mehr nur anderen überlässt.*Einer der politischen Neulinge in Gießen, Die PARTEI, kam bei der Umfrage zu den Plänen zur OB-Wahl noch nicht zu Wort; das soll hiermit nachgeholt werden: "Wenn wir nicht antreten, wem sollen die Gießener Bürger:innen denn sonst bei dieser Schicksalswahl ihr Vertrauen schenken? [...] Sicher ist, Die PARTEI wird sich in den kommenden Wochen mit einer möglichen Kandidatur auseinandersetzen. Das kommt uns, in Verbindung mit dem Kommunalwahlkampf, den wir rigoros und unerbittlich führen wollen, natürlich etwas ungelegen, aber wenn uns Gießen danach fragt, Verantwortung zu übernehmen, dann antworten wir. Zumindest lesen wir die Nachricht, sodass die Häkchen blau werden. Sicher ist, in uns ist der Machthunger erwacht und das interne Gerangel und Geschubse um den Posten hat begonnen. So oder so sind wir uns sicher, bald die nächste Oberbürgermeisterin (auch wenn es ein Mann sein sollte) Gießens zu stellen." Das kann ja heiter werden! Bestimmt kann auch in der Politik ein bisschen Humor und Satire nicht schaden - solange daraus kein Klamauk und die politische Interessenvertretung als Witz betrachtet wird, sodass jegliche Ernsthaftigkeit auf der Strecke bleibt.

Das könnte Sie auch interessieren