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Gießen will mehr Strom vom Dach

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Von: Ingo Berghöfer

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Der Schornstein einer Gastherme für die Heizung dampft am frühen Morgen auf dem Flachdach eines Frankfurter Reihenhauses, auf dem auch eine Solaranlage installiert ist. Die Stadt Gießen will mit der Gründung der MIT.GIESSEN GmbH den Ausbau der Solarenergie auf städtischen Liegenschaften vorantreiben. Symbolfoto: dpa © Ingo Berghöfer

Die neue »MIT.GIESSEN GmbH« soll den Ausbau der Photovoltaik auf städtischen Dächern erleichtern und beschleunigen.

Gießen . Zwar sind nur rund ein Prozent der Gebäude in Gießen im Besitz der Stadt, aber Kleinvieh spart auch eine ganze Menge Strom, und der wird ja bekanntlich immer teurer. Um die Photovoltaik auf kommunalen Gebäuden künftig strukturierter und schneller auszubauen, hat der Magistrat die Gründung einer Gesellschaft zwischen der Universitätsstadt Gießen und den Stadtwerken Gießen vorgeschlagen.

Ob die »MIT.GIESSEN GmbH« Realität wird, entscheidet das Stadtparlament voraussichtlich in seiner nächsten Sitzung am 17. November. Zuvor stellten Stadträtin Astrid Eibelshäuser und Bürgermeister Alexander Wright aber erst einmal das Projekt der Öffentlichkeit vor.

Bis zu 30 Prozent seines Strombedarfs kann ein Einfamilienhaus mit auf den Dach montierten Solarpaneelen decken. Ganz andere Erträge sind auf den größeren Dächern städtischer Liegenschaften wie etwa Schulen möglich. Laut einer Wirtschaftlichkeitsanalyse könnten bis zum Jahr 2025 Solaranlagen mit einer Gesamtleistung von 882 Kilowattstunden in der Spitze (kWp) in Gießen installiert werden.

Verwaltung entlasten

Um dabei Kosten, Aufwand und Zeit zu sparen, soll nun eine GmbH gegründet werden, die zu gleichen Teilen von der Stadt und den Stadtwerken (als deren hundertprozentiger Tochter) getragen wird. Mit dieser Konstruktion, so Eibelshäuser, entfalle die Pflicht zur Ausschreibung jeder einzelnen Anlage, was bislang erhebliche Kapazitäten der Verwaltung gebunden habe. Diese Schritte könne man auch guten Gewissens gehen, ergänzte der Bürgermeister, da in allen bisherigen Ausschreibungen stets die Stadtwerke den Zuschlag für das günstigste Angebot erhalten hätten.

Sieben Anlagen wurden bislang auf städtischen Gebäuden errichtet, vier weitere sind in Planung. Während man diese Anlagen bisher vor allem für den Eigenbedarf ausgelegt hatte, sollen die Dachflächen künftig maximal genutzt werden und die in den Gebäuden nicht benutzten Strommengen in das allgemeine Netz eingespeist werden, betont Eibelshäuser. Insbesondere vor dem Hintergrund zu erwartender Preissteigerungen beim Strom sei das auch ein wirtschaftliches Vorgehen.

Vor der erhofften reichen Strom-Ernte vom Dach, müssen aber viele Faktoren berücksichtigt werden. Ist die Errichtung von Solaranlagen bei Neubauten noch einigermaßen unproblematisch - sofern diese eine günstige Lage haben und ihre Dächer nicht nach Norden ausgerichtet sind oder wie bei der Mensa der Grundschule Gießen West von Bäumen beschattet werden - ist das bei Altbauten schon schwieriger.

Über die Tragfähigkeit von Bestandsdächern gebe es oft keine Unterlagen mehr, sagt Eibelshäuser, diese müssen also erst einmal überprüft werden. Vor der Installation einer PV-Anlage müssten dann oft die Altdächer saniert und gedämmt werden.

Die Stadträtin lobte die »gute ganzheitliche Planung« der neuen GmbH. Für die wolle man keine umfangreiche neue Stabsstelle einrichten oder neue Stellen und Parallelstrukturen schaffen, sondern in enger Kooperation mit den Stadtwerken das Know-how und die Expertise des eigenen Energieversorgers nutzen.

Speicher-Bedarf

Wichtig dabei auch: Die Ausbau-Arbeiten sollen in der Region bleiben und sie sollen in enger Zusammenarbeit mit dem heimischen Handwerk erfolgen. Auch soll die neue MIT.GIESSEN GmbH ein engmaschiges Monitoring einrichten, um frühzeitig Defekte oder Störungen der einzelnen Anlagen zu erkennen, um diese zeitnah beheben zu können. »Eine Anlage, die wochenlang keine Strom liefert, weil das keiner bemerkt, wird es dann nicht mehr geben«, verspricht Wright.

Eibelshäuser betonte, dass die geplante Gründung der GmbH keine Reaktion auf die aktuelle Krise sei, sondern ein schon vor dem russischen Einfall in die Ukraine geplanter Beitrag zur Gießener Energiewende.

Eibelshäuser sagte auch, dass man bei allen neuen Gebäuden Platz für künftige Energiespeicher bereithalte, auch wenn diese derzeit leider noch nicht marktreif oder noch zu teuer seien. Dabei erinnerte sie an den Modellversuch im Neubaugebiet auf dem Motorpool-Gelände, wo die Stadt im Rahmen des Forschungsprojektes »EnEff: Stadt FlexQuartier Gießen« zusammen mit der THM, den Stadtwerken, dem Netzbetreiber Mittelhessen Netz GmbH MIT.N und der Smart Power GmbH & Co. KG einen neuartigen Hochtemperatur-Speicher errichtet hat. Der soll in Kombination mit einem multifunktionalen Batteriespeicher für Strom und einem zentralen Warmwasser-Schichtenspeicher für Abwärme das neue Quartier weitgehend energieautark machen.

Wright erinnerte in diesem Zusammenhang daran, wie wichtig Speicher für die Funktionsfähigkeit des Stromnetzes seien. Bevor etwa die geplante große Solaranlage auf dem 130 000 Quadratmeter großen Zalando-Logistik-Center in Betrieb genommen werden könne, müsse das Umspannwerk in Gießen umgebaut werden, damit das Netz auch bei Schwankungen der Strommenge duch viele volatile Produzenten stabil bleibe.

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