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»Gießen zu Fuß« und mit dem Herz entdecken

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Norbert Schmidt (r.) und Marc Schäfer stellten in einer launigen Lesung ihren Stadtführer »Gießen zu Fuß« im Schuhhaus Darré vor. Als Büste mit dabei: Peter Kurzeck. Foto: Czernek © Czernek

Gießen. Über Gießen gibt es viele Zitate, die meisten davon sind wenig schmeichelhaft: »Das Beste an Gießen ist sein Bahnhof« (Justus von Liebig) oder: »Gießen ist abscheulich, eine hohle Mittelmäßigkeit in allem« von Georg Büchner. Fragte früher man bei den Einwohnern nach, so fiel deren Urteil häufig ähnlich abfällig aus, manche entschuldigen fast dafür, hier zu wohnen und zu Zeiten der zentralen Studienplatzvergabe verirrte sich kaum ein Studierender freiwillig hierhin.

Das hat sich mittlerweile geändert.

Ein Beispiel für dieses neue Selbstvertrauen ist das Büchlein »Gießen zu Fuß«, das Norbert Schmidt und Marc Schäfer gemeinsam mit einigen Co-Autoren verfasst haben. Die beiden »Gießener aus Leidenschaft« stellten das Buch am Mittwoch im Schulhaus Darré auf Einladung des BID Seltersweg vor. In lockerer Atmosphäre zeichneten sie ihr eigenes Bild der Stadt an der Lahn, dessen Eindruck das durch geniale Fotos von den lokalen Fotografen noch verstärkt wurde. Die Veranstaltung traf den Nerv der Zeit: Innerhalb weniger Stunden waren sämtliche Lesungen ausgebucht.

Zwei bekennende Gießener, beide als Lokaljournalisten bestens vernetzt, haben sich der Aufgabe gewidmet, Ecken und Wege in Gießen aufzuzeigen, die es lohnt, einmal näher zu betrachten. Daraus sind zwölf Spaziergänge durch die Stadt geworden, die man je nach Lust und Laune gehen kann, um Orte, Häuser und ihre Geschichten besser kennenzulernen. »Es ist ein Stadtführer von und für Gießener«, sagte Marc Schäfer zu Beginn der Lesung, der jedoch nicht in Konkurrenz zu den herkömmlichen Stadtführern treten möchte.

Jeder der beiden sieht die Stadt aus einer eigenen Perspektive, nimmt unterschiedliche Wertigkeiten wahr. Es ist der Blick von zwei Generationen auf die Stadt, wie es Schmidt bei der Lesung formulierte. Entsprechend bunt und vielfältig sind die einzelnen Kapitel geworden. Die Geschichten sind glänzend recherchiert. Sie stechen damit erfreulich positiv aus den üblichen Stadtführern hervor, da sie die Geschichte hinter der Geschichte erzählen.

Norbert Schmidt, gewitzter Kenner der Gießener Vergangenheit, konnte einmal mehr sein Wissen um den Gießener Lokalkolorit einstreuen. Ausgestattet mit einem profunden Hintergrundwissen haben die beiden Autoren, unterstützt von ihren Kollegen Ulla Sommerlad, Christine Littau-Rust, Burkhard Möller und Guido Tamme, Routen durch die Universitätsstadt ausgearbeitet und sind dabei auf Geschichten gestoßen, die auch vielen Einheimischen kaum bekannt sind. Wer weiß denn beispielsweise, dass im Rahmen des »River Tales Street Art Festivals« international renommierte Street-Art-Künstler nach Gießen kamen und mehr als 30 Werke in der Stadt hinterließen und Gießen in der entsprechenden Szene im gleichen Atemzug mit New York, London und Paris genannt wird? Diese zu entdecken ist nicht immer leicht, und mit Sicherheit sind viele an ihnen auch schon achtlos vorbeigegangen. Diese einmalige Open-Air-Galerie aus ihrem Dornröschenschlaf zu holen, ist dem Autor wirklich gelungen.

Weitere Wege führen vom Bahnhof zum Seltersberg, zum Universitätsviertel, in die Innenstadt oder zu dem neuen Stadtviertel rund um das ehemalige Flughafengelände, wo früher das amerikanische Militär stationiert war. Selbstverständlich darf dabei ein Abstecher zum Gießener Hausberg, dem Schiffenberg, nicht fehlen.

Mit dabei, wenn auch nur als Büste und aus dem Off eingespielt, war der Autor und Schauspieler Peter Kurzeck. In seinen Erzählungen berichtet er immer wieder über Gießen. Schmidt regte an, ob man ihm nicht auch eine Büste in der Reihe Gießener Köpfe widmen könne, um ihm einem möglichen Vergessen zu entreißen. Doch Schmidt wäre nicht der gewitzte Journalist, wenn er nicht noch eine kleine Spitzfindigkeit über das Schuhhaus gefunden hätte, das er ebenfalls zu Gehör brachte. Ebert nahm dies mit Gelassenheit auf, schließlich konnte er nicht gemeint sein. Die beiden Autoren wollen das aktuelle Lebensgefühl der Stadt widerspiegeln. Das ist ihnen gelungen.

Norbert Schmidt und Marc Schäfer: Gießen zu Fuß, Societätsverlag, 2021, 220 Seiten, 14 Euro.

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