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Aktivisten versorgen Flüchtlingskinder, die es über die Grenze geschafft haben, mit einer ersten warmen Mahlzeit auf polnischer Seite. Aus Furcht vor »Pushbacks« polnischer Grenzschützer zurück nach Weißrussland achten die Aktivisten darauf, dass auf den Aufnahmen niemand zu erkennen ist.

Humanitäres Leid

Gießener Hilfe im Niemandsland

Gießener Aktivisten helfen Flüchtlingen im polnisch-belarussischen Grenzgebiet. Die Bedingungen dort sind katastrophal.

Gießen. Leben heißt lernen. Derzeit kann man im polnisch-belarussischen Grenzgebiet lernen, dass ein Kinderanorak in der Signalfarbe Orange kein gutes Geschenk für einen Flüchtlingsjungen ist, dessen Familie gerade versucht, durch den immer dichteren Sperrgürtel zu schlüpfen, mit dem die polnische Regierung bemüht ist, die Grenze zum Nachbarn Weißrussland abzuriegeln.

Seitdem der Machthaber dieses Landes, Alexander Lukaschenko, Immigranten gezielt mit dem falschen Versprechen anlockt, von hier schnell in die EU zu kommen, irren tausende Menschen, zwischen Hammer und Amboss gefangen, durch das sumpfig-unwirtliche Grenzgebiet.

Dieses humanitäre Elend will eine Gruppe Gießener Aktivisten nicht länger tatenlos hinnehmen. Sie haben nicht nur Geld und Sachspenden gesammelt und mit einem Bus nach Ostpolen gebracht, sondern ein Aktivist ist derzeit im Grenzgebiet, um dort gemeinsam mit polnischen Mitstreitern den Menschen zu helfen, denen sonst niemand hilft und die nicht nur durch ein geografisches, sondern auch politisches und moralisches Niemandsland taumeln.

Momentan können wir nicht direkt mit dem Aktivisten - nennen wir ihn Tobi - sprechen, aber wir haben Sprachnachrichten gehört, in denen er seine Eindrücke aus der Sperrzone entlang der polnischen Grenze schildert, die selbst Journalisten nicht betreten dürfen.

Durch ein Moor geschleust

Nach einer kurzen Nacht in Bialystok, der einzigen größeren Stadt am östlichen Rand der Europäischen Union, reiste Tobi zunächst in einen kleinen Ort direkt an der Grenze. Dort hätten Aktivisten mittels kleiner Boote Immigranten über den Grenzfluss geschafft, bis das von den polnischen Grenztruppen entdeckt und unterbunden worden sei. Jetzt versuchten polnische Aktivisten, Flüchtlinge durch ein schwerer zu kontrollierendes Moor zu schleusen.

Die Lage sei ständig in Bewegung, da die belarussischen Grenztruppen Gruppen von Flüchtlingen immer wieder an anderen Stellen aussetzen würden, um ihre polnischen Konterparts auszutricksen. Diese würden deshalb permanent verstärkt. Je weiter man der Grenze gen Süden folge, desto undurchlässiger sei sie.

Tobi hat sich einer Gruppe angeschlossen, die mit Rucksäcken Lebensmittel in die Sperrzone bringt. Die ganze Situation habe etwas Dystopisches, berichtet er. Sobald man die unsichtbare Linie im Hinterland der eigentlichen Grenze überschreite, erhalte man eine automatisierte E-Mail in mehreren Sprachen aufs Smartphone, in der mitgeteilt werde, dass es verboten sei, weiterzugehen.

Man hört dem Gießener an, wie geschockt er darüber ist, mit welchen Mitteln beide Länder hier einen politischen Konflikt auf dem Rücken der Flüchtlinge austragen. Viele Migranten, denen er begegnet sei, zeigten deutliche Spuren körperlicher Misshandlung Das reiche von blauen Augen bis zu Platzwunden am Kopf. Und prügeln würden Polen und Belarusen.

»Wenn du im Wald plötzlich auf elf völlig unterkühlte Menschen triffst, die sich auf unsere mitgebrachten Rationen stürzen«, sagt Tobi, »dann kommst du auch mental an deine Belastungsgrenze«. Die meisten Flüchtlinge, denen er begegnet sei, kämen aus Syrien, auch viele Kurden aus dem Irak seien darunter; andere stammten aus dem Jemen, Somalia, dem Iran oder Nigeria. Einige hätten ihm Fotos von Angehörigen gezeigt, die in Deutschland lebten. Die wollten unbedingt zu ihren Familien. Die meisten, mit denen er gesprochen habe, »wollen halt alle nur nach Deutschland«, sagt Tobi.

Weder Schlafsäcke noch Isomatten

Auf polnischer Seite sind sie so oder so nicht am Ziel ihrer Träume. Tobi hat gehört, dass Flüchtlinge noch 50 Kilometer hinter der Grenze abgefangen und zurückgebracht würden. »Das Asylrecht ist hier faktisch außer Kraft gesetzt«, klagt er. Die Auffangzentren auf polnischer Seite bezeichnet er als »krasse Gefängnisse«. So habe man Helfern verweigert, dort Spenden abzugeben.

Ein Flüchtling habe ihm geschildert, dass er es schon bis ins rund 150 Kilometer entfernte Warschau geschafft hatte, als der Inhaber eines Supermarktes die Polizei geholt habe und er zurück nach Belarus gebracht worden sei. Dies sei nun sein zweiter Versuch, in die EU zu gelangen. Manche hätten das schon bis zu 20-mal probiert.

Noch sei das Wetter in Ordnung, aber der Graupelregen sei in den vergangenen Tagen immer häufiger in Schnee übergegangen. Tobi fürchtet, dass es mit der zunehmenden Kälte zu Erfrierungen und noch mehr Todesfällen unter den Flüchtlingen komme.

Auf der für Helfer unzugänglichen belarussischen Seite fehle es am Nötigsten. Viele hätten weder Schlafsäcke noch Isomatten. Und dies inmitten einer urwüchsigen Moorlandschaft, in der man ohne GPS völlig verloren sei.

Der Gießener Aktivist ist dennoch beeindruckt von der guten Organisation der polnischen Aktivisten und von der enormen Hilfsbereitschaft der Bevölkerung. Die Menschen im Osten Polens seien konservativ, aber auch religiös. Viele würden aus christlicher Nächstenliebe helfen. Allerdings seien auch rechtsradikale Bürgerwehren als selbst ernannte Grenzschützer aktiv, die nicht nur Flüchtlinge, sondern auch Aktivisten angriffen.

Wer die Füße dieses Flüchtlings sieht, bekommt eine Ahnung davon, wie lange er schon durch das polnisch-belarussische Grenzgebiet geirrt sein muss, bevor er von den Helfern gefunden wurde.
Die Bilder díeses Ártikels stammen von der »Grupa Granica« (deutsch: Grenze), einem polnischen Netzwerk, mit dem nicht nur Gießener Aktivisten zusammenarbeiten, sondern auch Organisationen wie Medico International. Fotos (3): Grupa Granica

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