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Gießener Schüler wollen mitreden

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Wenn der Schulausschuss im Rathaus tagt, würde auch der Gießener Stadtschülerrat gerne dabei sein. Symbolfoto: GA-Archiv © Red

Der Stadtschülerrat Gießen möchte stärker in politische Entscheidungsfindungsprozesse eingebunden werden. Kritik wird zudem an »fehlenden Umweltstandards« geübt. Die Dezernentin widerspricht.

Gießen. Dass der Gießener Stadtschülerrat (SSR) zu einer Pressekonferenz einlädt, ist eher ungewöhnlich und kam zumindest in den vergangenen Jahren so nicht vor. Nun gab es die Premiere - noch dazu mitten in den Sommerferien. Doch dem Vorstand war es ein Anliegen, zum Abschluss des Geschäftsjahres einige Projekte vorzustellen, »die noch nicht so bekannt sind«, die den etwa 16 000 Schülerinnen und Schülern, die das Gremium vertritt, aber den schulischen Alltag erleichtern sollen. Darüber hinaus berichteten Paul-Henry Bartz, Maximilian Stock, Julian Maximilian Stein und Junis Poos über eine wichtige Erkenntnis aus der Corona-Pandemie und beklagten zugleich eine fehlende Beteiligung des SSR seitens der Stadt.

Der Ausschuss für Schule, Bildung und Demokratieförderung, Kultur und Sport trifft sich zwar nicht monatlich, aber mehrmals pro Jahr. Und dabei werden natürlich, wie der Name schon sagt, auch Themen behandelt, die die Gießener Schullandschaft tangieren. »Eigentlich ist angedacht, dass wir dazu eingeladen werden«, sagen der noch amtierende Stadtschulsprecher Paul-Henry Bartz und Junis Poos, der im SSR vor allem als Digitalisierungsbeauftragter fungiert. Das sei allerdings nicht geschehen. »Wir haben zwar immer die Chance, hinterher die getroffenen Entscheidungen zu kritisieren. Unserer Meinung nach würde es aber viel mehr Sinn machen, wenn wir schon früher angehört würden und uns in den Entscheidungsfindungsprozess einbringen könnten.«

Für die Stadtverordneten, so sind die Abiturienten überzeugt, dürfte es ebenfalls von Vorteil sein, sich mit denjenigen auszutauschen, die von ihren Beschlüssen direkt betroffen sind - nämlich den Schülerinnen und Schülern. »Unsere Bereitschaft, konstruktiv mitzuarbeiten, ist definitiv vorhanden«, betonen Bartz und Poos. Dabei nehmen sie unter anderem den schlechten Zustand der häufig maroden Schulgebäude und Turnhallen in den Blick. Vielerorts laufen zurzeit entsprechende Sanierungsmaßnahmen. So habe sich der SSR kürzlich eine dieser Instandsetzungen angeschaut und dort den Eindruck gewonnen, »dass gar nicht praxisnah« und »alltagstauglich« gearbeitet werde. Denn eine Schule müsse »pflegeleicht gebaut werden, weil wir doch alle wissen, dass Schüler oft nicht gerade pfleglich mit dem Inventar und Mobiliar umgehen«. An den Wänden im Schultrakt etwa Filz anzubringen, sei deshalb kontraproduktiv. »Wir haben schon Wetten abgeschlossen, wann das erste Kaugummi drinhängt.«

Moniert wird ferner, die Stadt achte nicht darauf, aktuelle Umweltstandards einzuhalten und auf Schuldächern zum Beispiel Photovoltaikanlagen zu installieren oder diese zu begrünen. »Die Politik müsste hier als Vorbild voranschreiten«, meint Bartz. Und auch in der Schulkommission, in welcher der SSR qua hessischem Schulgesetz sogar stimmberechtigt teilnehmen kann, sehe man »Bedarf für mehr Zusammenarbeit«.

Schuldezernentin Astrid Eibelshäuser weist die Vorwürfe auf Anfrage des Anzeigers zurück. »Bei allen Schulsanierungen setzen wir seit Jahren hohe Standards um, dies gilt für die Schaffung von zukunftsfähigen Raumkonzepten, für die energetischen Standards sowie für die Auswahl der Materialien. Dies kann man im Grunde an allen Projekten darlegen«, so die Stadträtin. Und sie fügt hinzu, dass bei den grundlegenden Sanierungen sowie den Dacherneuerungen »standardmäßig Photovoltaik vorgesehen ist, es sei denn, die Statik lässt dies nicht zu«. Weiterhin würden sukzessive geeignete Dachflächen mit Photovoltaik ausgestattet. »Dachbegrünungen gibt es auf einer Vielzahl von Gebäuden.«

Prinzipiell offen zeigt sich Eibelshäuser zudem dafür, den SSR in den Sitzungen des Schulausschusses einzubeziehen, »allerdings trifft die Stadtverordnetenversammlung Regelungen zur Geschäftsordnung auch der Ausschusssitzungen«. In der Vergangenheit sei bereits immer mal die Gelegenheit eingeräumt worden, dass die Schülervertreter dort über ihre Aktivitäten informieren können. »Dies ist natürlich jederzeit wieder möglich.« Sie selbst sei wiederum persönlich allen Einladungen des SSR gefolgt und zuletzt im Rahmen des Schülerratstreffens Anfang des Schuljahres im Gespräch mit den Schülern gewesen. Dass die Schulkommission zuletzt im Januar 2021 tagte, hänge damit zusammen, dass in den vergangenen Jahren »Pandemie-bedingt immer sorgsam überlegt worden sei, welche Gremiensitzungen unabdingbar sind«. Ein nächstes Treffen sei noch vor den Herbstferien geplant.

Zusätzlich zum Wunsch, die politischen Partizipationsmöglichkeiten zu optimieren, hat der SSR noch eine Reihe weiterer Forderungen, Ideen und Vorhaben präsentiert:

Kleinere Klassen : In der Hochphase der Corona-Pandemie gab es mitunter geteilte Klassen. Mal war die eine Hälfte in Präsenz anwesend, während die andere Hälfte im Distanzunterricht Arbeitsaufträge erledigte, dann wurde gewechselt. Eine vom SSR durchgeführte Evaluation habe das Ergebnis erbracht, dass die Schülerinnen und Schüler davon profitiert hätten. Eine Mehrheit von ihnen habe erklärt, dass sie besser lernen und mitarbeiten konnten und sich dadurch auch ihre mündlichen Noten stark verbessert hätten. Umgekehrt seien die Lehrkräfte viel intensiver auf die Jugendlichen eingegangen, wenn sie nicht 30, sondern vielleicht nur 15 Schüler gleichzeitig betreuen mussten. »Wir plädieren deshalb dafür, die Klassengrößen deutlich zu reduzieren«, lautet ein Appell des SSR. Wohlwissend, dass es schwierig werden könnte, dies auch angesichts des Lehrermangels tatsächlich zu realisieren. Zumindest habe sich im Zuge dieses »Praxisexperiments« gezeigt, »was möglich wäre«.

Kostenloser ÖPNV : Im Interesse der Chancengleichheit spricht sich der SSR ferner dafür aus, dass jeder Schüler - einschließlich der Oberstufe - ein kostenloses Ticket für den Öffentlichen Personennahverkehr bekommen sollte.

Schulgärten : Um die »Verbindung zur Natur zu wahren«, sollten wieder wie früher mehr Schulgärten angelegt werden, fordert die AG Umwelt und Nachhaltigkeit des SSR. Ein geeigneter Platz würde sich dazu sicher finden, heißt es, nur fehle oft »der Wille zur Umsetzung«.

Mülltrennung : Kritik übt der SSR auch an den Mitschülerinnen und Mitschülern. Denn meist würden die Unmengen an Müll, die an Schulen anfallen, nicht ordentlich getrennt, sodass Reinigungskräfte gezwungen seien, doch wieder alles zusammenzuschütten. »Wir mahnen bei Demos regelmäßig mehr Nachhaltigkeit an«, sagt Stadtschulsprecher Paul-Henry Bartz, »dann müssen wir uns aber auch hier an die eigene Nase fassen«.

Neu eingerichtet hat der SSR die Online-Börse Gibook.de , auf der als »nachhaltige Alternative zu einem Neukauf« gebrauchte Schulbücher weitergegeben werden können. Bisher seien über 50 Bücher hochgeladen worden. Offizieller Startschuss ist im nächsten Schuljahr.

Geplant ist ab November eine Gießen-weite Online-Schülerzeitung, genannt » Giblog «. Gegründet werde dafür eine eigene Redaktion, die thematisch nicht eingeschränkt sei, unabhängig vom SSR arbeiten und diesen auch kritisieren könne. Der SSR kümmere sich lediglich um den organisatorischen Rahmen.

Als nicht-kommerzielle Starthilfe beim Aufbau einer Website versteht sich zudem die Plattform schuelervertretung.net . Gießener Schülervertretungen können sich auf diesem Weg technische Unterstützung für einen eigenen Internetauftritt holen, über den sie ihre Klassenkameraden datenschutzkonform informieren können. (bl)

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