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Gießener Wahrzeichen im Maßstab 1:50

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Von: Benjamin Lemper

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»Die Hände habe ich noch nie ruhig halten können«, sagt Rico Sauer. Herausgekommen ist dabei nun ein Nachbau des ehemaligen Brauhauses. Fotos: Friese © Friese

Mit beeindruckender Präzision und viel Geduld hat Rico Sauer aus Gießen das ehemalige Brauhaus nachgebaut. Zwei Jahre hat er dafür nun investiert. Das Ergebnis kann sich sehen lassen.

Gießen. Bier hat Rico Sauer noch nie getrunken - er weiß also gar nicht, wie es schmeckt und war in seinem Leben auch »noch nicht einmal besoffen«. Das ist natürlich nichts, wofür man sich rechtfertigen müsste, sondern im Gegenteil sogar ziemlich lobenswert. Und doch ist dem 48-Jährigen gerade deshalb schon häufiger die Frage gestellt worden, warum er es sich dann zur Aufgabe gemacht hat, ausgerechnet das Gießener Brauhaus mit dem markanten Turm und den Anlagen drum herum als Modell nachzubauen: originalgetreu im Maßstab 1:50, mit unglaublicher Präzision und der sprichwörtlichen Liebe zum Detail mit tausenden Einzelteilen. Allerdings kann er auf einen emotionalen Wert verweisen, sein Opa hat nämlich einst im Brauhaus gearbeitet. Und bevor eines von Gießens - ästhetisch zweifelhaften - Wahrzeichen endgültig von der Bildfläche verschwindet, sollte eben etwas Dauerhaftes geschaffen werden, das bleibt. Immerhin zwei Jahre hat Rico Sauer dafür investiert.

Längst steht fest, dass der Mitte der 1970er Jahre errichtete Turm mit den umliegenden Gebäuden Wohnungen und einer gewerblichen Nutzung weichen muss. Er solle aber »auch aus Respekt so lange wie möglich erhalten werden«, versichern die Investoren. Ursprünglich hatte Rico Sauer bloß den Impuls, den wiederholten Vandalismus zu unterbinden und vor Ort ein bisschen aufzupassen, damit das Relikt heimischer Braugeschichte nicht vollends von Rowdys zerstört wird. Doch je öfter er alles von oben bis unten betrachtete, desto mehr reifte die Idee für sein ambitioniertes Vorhaben, »mit dem ich irgendwann jedem auf den Geist gegangen bin«, zumal es - anders als geplant - immer größer und aufwändiger geworden ist.

Unterstützt von seinem Arbeitskollegen Tobias Wystub, hat er mangels Bauplänen stunden- und tagelang mit exakten Vermessungen zugebracht, jede Ecke fotografiert, ist zigmal die 200 Stufen der 13 Stockwerke hoch und wieder runter gelaufen - und hat währenddessen »immer wieder Leute rausgeschmissen«, die nur gekommen waren, um Scheiben einzuwerfen oder etwas zu demolieren.

Richtig knifflig sei es gewesen, danach alles detailliert umzusetzen. Als gelernter Schreiner und Kfz-Mechaniker habe er zwar »noch nie die Hände ruhig halten können«, ein solches Modell bedeutete für ihn trotzdem eine Premiere. Und die verlangte Rico Sauer jede Menge Zeit, Geduld, Kreativität und Handarbeit ab. Viel Alu, Plexiglas und Mitteldichte Faserplatten (MDF) hat er genutzt und selbst vereinzelte Überreste der echten Gebäude integriert. »Die größte Herausforderung bestand dennoch darin, überhaupt geeignetes Material zu finden. Manchmal wusste ich zunächst nicht, wie ich das in diesem kleinen Maßstab hinkriegen soll. Denn es gibt ja keinen fertigen Bausatz und ich konnte nicht einfach mal ins Regal oder die Schublade greifen, ein Teil rausholen und es an passender Stelle wieder anschrauben«, erläutert der Gießener.

Gefragt war daher sein Einfallsreichtum. Zudem habe er auf jedem Flohmarkt gestöbert - auf der Suche nach Zubehör. Für die Braukessel im Sudhaus hat der 48-Jährige zum Beispiel Trichter verwendet, die dortigen Geländer sind aus Zahnstochern konstruiert, die Schornsteine aus den Stielen von Gartenlampen. Bei den Behältnissen für den Treber - also die bei der Bierherstellung anfallenden Rückstände des Braumalzes - handelt es sich um umgestaltete Shampooflaschen, für die Gärfässer kamen Farbdosen, Aschenbecher und Spiegelhalter zum Einsatz. Um die Struktur des Daches nachzuempfinden, hat Rico Sauer derweil kleine Steinchen aus dem »Zooparadies« besorgt, mit denen normalerweise Terrarien für Schlangen ausgestattet werden. Die Lagerhalle ist wiederum mit Wellpappe bedacht. »Nichts stammt aus dem 3D-Drucker, alles ist handgefertigt«, betont der Modellbauer. Genauso stolz ist Rico sauer darauf, »dass alles identisch ist, jedes Gitter, jedes Fallrohr, sämtliche Stütz- und Querbalken«. Selbst die Abstände von Türen zu Wänden, die Platzierung des Schriftzuges »Gießener Brauhaus« an der Fassade des mit 370 einzelnen Resopalplatten verkleideten Turms sowie die Farbe der Tischdecken im einstigen Schankraum stimmen mit dem Original überein. Auch die charakteristischen Kugellampen, den Zapfhahn, eine Tontafel an der Eingangstür, die Litfaßsäule im Foyer und das Vogelhäuschens in gut 45 Metern Höhe hat der Handwerker nicht vergessen. Nur Bäume und Sträucher fehlen noch »für den farblichen Kontrast«.

Einmal, räumt Sauer ein, habe er indes vorübergehend den Faden verloren und ans Aufgeben gedacht, sich nach eine »kurzen Phase der Verzweiflung« aber erneut aufraffen können, um das Projekt zu Ende zu bringen. Eine gute Entscheidung. Denn obwohl nicht das komplette Areal nachgebildet worden ist, »weil man irgendwann auch mal aufhören muss«, ist das Ergebnis beeindruckend und kann sich wahrlich sehen lassen. »Jetzt kann ich das abhaken und eine Pause einlegen«, sagt der 48-Jährige zufrieden, »mal schauen, was mir als nächstes einfällt«.

Wer Interesse hat, das Modell zu erwerben oder für die Öffentlichkeit auszustellen, kann sich bei Rico Sauer melden: E-Mail an rico_sauer@web.de. Die Grundfläche beträgt zwei mal zwei Meter, der Turm ist einen Meter hoch. Die Bauteile können auseinandergenommen werden.

Bier wird auf dem Gelände zwischen Marburger Straße, Teichweg und Hangelsteinstraße schon länger nicht mehr gebraut. Im Februar 2015 war das Insolvenzverfahren über das Vermögen der Privatbrauerei Gießen GmbH eröffnet worden. Das Grundstück erwarben schließlich 2018 Jochen Ahl und Samuel Jakob für die Braumaxx GmbH. 2021 hat sich die Regio Bau- und Bodenentwicklungsgesellschaft mbH (RBB) gegründet, um die Umnutzung des Gebiets in »prominenter Stadteingangslage« voranzutreiben. Es werden große Pläne mit prognostizierten 1000 bis 2000 Arbeitsplätzen und einem Mix aus Gewerbe und Wohnen verfolgt. Die Koalition hat im vergangenen Jahr beschlossen, das Projekt mit weitreichenden Auflagen zur Energieversorgung und zum Sozialwohnungsbau zu flankieren. Inzwischen habe eine Testplanung mit drei Architekturbüros stattgefunden, informiert Stadtsprecherin Claudia Boje. Einvernehmlich habe man sich auf eine Variante geeinigt, die nun weiterverfolgt werde. Die Kooperation mit RBB als größtem Eigentümer laufe gut. »Wir gehen von einer zügigen weiteren Bearbeitung auf allen Ebenen aus«, so Boje. Im nächsten Schritt gelte es, wichtige Rahmenbedingungen zu klären. Unter anderem sei aktuell ein Verkehrsgutachten »zum sinnvollerweise einzurichtenden Anschluss an die Marburger Straße beauftragt« worden. Die Ergebnisse werden danach mit »Hessen Mobil« als Baulastträger erörtert. Die Beteiligung von Behörden habe zudem zusätzliche Erfordernisse erbracht, zum Beispiel ein Bodengutachten, Voruntersuchungen für ein Entwässerungskonzept und ein Energiekonzept, ein Artenschutzgutachten sowie Gutachten für geschützte Biotoptypen. Diese müssten zunächst abgearbeitet werden, bevor es an den Vorentwurf des Bebauungsplanes geht. 2023 sei erneut vorgesehen, Öffentlichkeit, Ämter und Behörden zu beteiligen. Jochen Ahl hofft, »dass die Offenlegungsbeschlüsse Mitte nächsten Jahres getroffen werden«. Und er versichert: »Wir freuen uns auf den Dialog.« (bl)

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Blick ins Sudhaus: Die Kessel sind aus Trichtern, die Geländer aus Zahnstochern gestaltet. © Katrina Friese
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Mit Liebe zum Detail und Kreativität: Auch die Lkw-Waschanlage und die Behälter für den Treber sind maßstabsgetreu. © Katrina Friese

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