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Gießens gelassener Patriarch

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Volker Bouffier hat allen Grund zum Lachen. Nachdem er - anders als Helmut Kohl oder Angela Merkel - sein Haus beizeiten bestellt hat, kann Deutschlands dienstältester Ministerpräsident entspannt in den Ruhestand gehen. Foto: dpa © dpa

Zum Abschied als Ministerpräsident gibt es für Volker Bouffier viel Lob, aber auch Kritik von Wegbegleitern und »Gegenspielern« aus Gießen.

Gießen . Volker Bouffier war zuletzt der dienstälteste Ministerpräsident Deutschlands - aber er war auch Gießener und hat seiner Heimatstadt stets die Treue gehalten. Politisch hat er eine bemerkenswerte Wandlung vom konservativen Hardliner und »schwarzen Sheriff« zum über Partei- und Lagergrenzen geschätzten Landesvater gemacht, der ebenso erfolgreich wie geräuschlos die erste schwarz-grüne Landesregierung in einem Flächenstaat führte. Anlässlich des Endes der mehr als 40 Jahre dauernden »Ära Bouffier« baten wir langjährige Wegbegleiter, aber auch Gegner um eine Einschätzung seines Wirkens.

Dr. Helge Braun, Vorsitzender des Haushaltsausschusses des Deutschen Bundestages: »Volker Bouffier engagiert sich seit 50 Jahren politisch für Gießen und Hessen. Deshalb kennt ihn - jedenfalls hier - so gut wie jeder auch persönlich. Sein Abschied aus der aktiven Politik ist ein großer Einschnitt, für ihn und auch für uns. Sein ganzer CDU-Kreisverband dankt ihm von Herzen für sein einzigartiges Engagement für die Menschen in unserer Heimat.«

Anita Schneider, Landrätin: »Volker Bouffier ist ein politischer Mensch, der sich nie gescheut hat, Position zu beziehen. Dabei hat er sich nicht nur auf der Landesebene mehr als 40 Jahre in unterschiedlichen politischen Ämtern für diese eingesetzt, sondern auch auf kommunaler Ebene. Trotz dieser großen politischen Karriere blieb er in seiner Heimatstadt und im Landkreis verwurzelt und nah bei den Menschen. Er war ein Ministerpräsident zum Anfassen!«

Dr. Christoph Ullrich , Regierungspräsident Gießen : »Besonders schätze ich an Volker Bouffier seinen weitsichtigen Überblick über die Themen, die die Menschen im Land bewegen. Seine jahrzehntelange Erfahrung in der Politik, die er auf lokaler Ebene im Landkreis Gießen bis hin zum Bundesrat oder auch im CDU-Bundesvorstand gesammelt hat, haben ihn zu Recht zu einem der anerkanntesten Politiker der Gegenwart werden lassen. Gerade in der Corona-Zeit hat sich seine herausragende kommunikative Fähigkeit gezeigt, wichtige Facetten fachkundig und sachlich zu erläutern.«

Frank-Tilo Becher , Oberbürgermeister : »Parteiübergreifend kann Gießen stolz sein, in der Geschichte Hessens nach Albert Osswald mit Volker Bouffier bereits zum zweiten Mal einen Ministerpräsidenten gestellt zu haben. Unsere Stadt scheint ein gutes Pflaster zu sein für Menschen, die sich politisch für unser Land engagieren. Zu meiner Zeit im Landtag saßen wir uns gegenüber - er auf der Regierungsbank und ich in der Opposition. Trotz dieser unterschiedlichen Rollen schätze ich ihn für seine verbindliche, freundliche und zugewandte Art. Auch sein entschiedenes Engagement für die Jüdische Gemeinde in Gießen sowie insgesamt sein sehr persönliches Wirken für die Versöhnungsarbeit werden mir in Erinnerung bleiben.«

Dr. Klaus Dieter Greilich, FDP-Stadtverordneter: »Auch wenn wir politisch nicht immer einer Meinung waren, habe ich ihn vor allem als Freund und Förderer des Sports geschätzt. Unsere Zusammenarbeit im Sportkreis war stets erfreulich und er hat die heimischen Vereine gut unterstützt.«

Nina Heidt-Sommer , S PD-Landtagsabgeordnete : »Volker Bouffier hat sich über Jahrzehnte für unsere Demokratie eingesetzt. Auch wenn ich inhaltlich oft andere Positionen vertreten habe, habe ich großen Respekt vor seiner politischen Lebensleistung und empfinde Dankbarkeit.«

Klaus-Dieter Grothe, Grünen-Stadtverordneter: »Mir ist schon ziemlich früh aufgefallen, dass er nicht gerne den ›Schwarzen Sheriff‹ gegeben hat, der ›nette Landesvater‹ lag ihm da schon mehr. Volker Bouffier ist ein Familienmensch und auch ein Patriarch. Er hat ein humanes Herz und menschliche Einzelschicksale sind ihm durchaus nahegegangen. In der Flüchtlingspolitik hat er bereits Lockerungsübungen gemacht, bevor es in Hessen zu einer schwarz-grünen Koalition gekommen ist.«

Gerhard Merz, SPD-Stadtverordneter: »Es gab bei Volker Bouffiers Reden diese Momente, in denen man denkt: Jetzt biegt er in die Schlusskurve. Wer ihn öfter gehört hat, weiß: Jetzt kommen mindestens noch mal zehn Minuten. Sich kurz zu fassen, gehörte nicht wirklich zu seinen Stärken. Aber in fast allen anderen Dingen ist er einer der ausgebufftesten, mit allen taktischen Wassern gewaschenen Politiker, die ich je kennengelernt habe. Wahrscheinlich kennt er jeden Feuerwehrmann, jeden Polizisten, jeden Kommunalpolitiker in Hessen persönlich und vergisst nie einen. Seine große Stärke liegt darin, Nähe herzustellen, nicht nur durch Schulterklopfen und am Ellenbogen fassen (das hat er freilich mit Leidenschaft praktiziert), sondern durch ein durchaus genuines Interesse am Gegenüber. Bei aller beinharten konservativen Grundüberzeugung ist er ein Pragmatiker des politischen Geschäfts - eine Eigenschaft, die es ihm ermöglicht, in vielen politischen Konstellationen genau das zu machen, was ER will.«

Michael Janitzki, früherer Linken-Stadtverordneter: »Als Innenminister war er ein Scharfmacher. Was die AfD heute fordert, hat er schon früher umgesetzt. Er hat zum Beispiel durchgesetzt, dass in der Kriminalitätsstatistik der Anteil der Ausländer ausgewiesen wird, was ich immer kritisiert habe. Auch sein Verhalten in der NSU-Affäre war kein Ruhmesblatt. Über den Verfassungsschutzmitarbeiter Andreas Temme, der über seine Anwesenheit am Schauplatz eines NSU-Mordes in Kassel log, hat Bouffier immer seine schützende Hand gehalten. Dass er sich als Ministerpräsident dann als toleranter Landesvater gerierte, ist wohl auf den Einfluss der Grünen zurückzuführen.«

Prof. Joybrato Mukherjee , Präsident der Justus-Liebig-Universität (JLU) : »Als Alumnus der JLU kann Volker Bouffier auf eine beeindruckende politische Karriere zurückblicken, auf die wir sehr stolz sind. Er hat über mehrere Jahrzehnte die hessische Landespolitik maßgeblich gestaltet und auch die Bundespolitik mitgeprägt. Als Ministerpräsident hat er sich stets sehr interessiert an einer erfolgreichen Entwicklung der Wissenschaft in Hessen gezeigt, wofür ich ihm dankbar bin. Er wird an seiner Alma mater immer gern gesehen bleiben.«

Prof. Matthias Willems , Präsident der Technischen Hochschule Mittelhessen : »Ich habe Volker Bouffier, auch bei Gesprächen im kleinen Kreise, als aufmerksamen, interessierten Zuhörer kennengelernt, der sich um Anliegen gekümmert und niemals leere Versprechen gegeben hat. Er hat dabei eine erstaunliche Kenntnis hochschulpolitischer Themen bewiesen, die seine tiefen Wurzeln in der Bildungsstadt Gießen belegt. Für seine Heimat und die Hochschulen hat er sich eingesetzt, ohne sie anderen Städten, Regionen oder Bildungseinrichtungen gegenüber zu bevorzugen - ein fairer Vermittler. Und ein rhetorisch überzeugender Redner, der besonders in der Corona-Pandemie eine vorsichtig-ausgleichende Politik klar kommuniziert hat.«

Jörg Bergstedt, Politaktivist: »Ich mag Parlamente und Parteien nicht, daher kenne ich Volker Bouffier nur aus politischen Begegnungen. Als CDU-Kreischef deckte er CDU-Prügel gegen mich. Als Innenminister ließ er mich mehrfach illegal verhaften - und stolperte darüber nicht. Als Ministerpräsident fraß er dann soviel Kreide, dass er die Grünen zu einer Pro-Auto(bahn)-Partei formte. Aus Sicht der Macht kein schlechtes Ergebnis.«

Prof. Werner Seeger und Prof. Friedrich Grimminger, Uniklinikum Gießen: »Die Verbindung von Volker Bouffier zum Universitätsklinikum in Gießen geht schon über Jahrzehnte zurück. Nicht nur, dass er seine Kanzlei in unmittelbarer Nähe hatte, er war und ist mit den Höhen und Tiefen, alltäglichen Bedrängnissen und visionären Plänen bestens vertraut. Besonders dankbar sind wir, dass auch in seiner Zeit als Ministerpräsident, trotz der immensen Verantwortungs- und Arbeitsbelastung, diese direkte Verbindung niemals abgerissen ist. Im Gegenteil, er war mit hohem Einsatz und bis an die Grenzen seiner Zeitreserven stets bereit, sich persönlich in die Zukunftsgestaltung dieses Klinikums einzubringen, mit professioneller Kompetenz und hohem emotionalem Engagement.«

Dietlind Grabe-Bolz, Ex-Oberbürgermeisterin: »Bei allen Unterschieden der Überzeugungen und der Einstellung habe ich in meiner Zeit als Oberbürgermeisterin immer mit ihm als Ministerpräsidenten kooperiert. Unsere Beziehung war geprägt von Verlässlichkeit und Vertrauen. Ich hatte stets einen kurzen Draht zu ihm, hoffe aber, dass ich ihn auf seiner Handynummer nicht allzu inflationär angerufen habe. Sein politisches Herz schlug in all seinen Ämtern immer für Gießen, das war auch wichtig für die Entwicklung unserer Stadt. Für den Ruhestand wünsche ich ihm, dass er für ihn genauso erfüllend wird wie für mich der meinige.«

Heinz-Jörg Ebert , Vorsitzender BID Seltersweg : »›Unser‹ Ministerpräsident. Sein Wirken war so wertvoll für unsere Stadt, zum Beispiel bei der Landesgartenschau, der Entscheidung zum ›Factory Outlet Center‹ oder dem BID-Gesetz. Die ersten BIDs in einem deutschen Flächenland gab’s in Gießen. Als ›Drei Stimmen‹ durften wir für das Kabinett im Kloster Eberbach oder vor Bundeskanzler Helmut Kohl singen. Unvergessen: Bouffiers Seltersweg-Spaziergang mit Ole von Beust, als ein dort nicht mehr agierender Juwelier aus seinem Laden sprang, um dem bekennenden homosexuellen Hamburger Bürgermeister ›einen Ring für dessen Frau‹ schmackhaft zu machen. Es sind wunderbare Erinnerungen an Volker Bouffier - und an seine bezaubernde Frau, die uns Rotariern vom Gießener ›Alten Schloss‹ sieben Jahre eine empathische Schirmherrin der ›Gießen Hilft‹-Konzerte war. Und die Schuhe der beiden beim Queen-Besuch: die stammten vom Selterstor!«

Johannes Zippel, Stadtrat der Freien Wähler: »Ich kenne Volker Bouffier seit den Zeiten der Stadt Lahn. Damals waren wir ja noch Parteifreunde. Ich bedauere sehr, dass er aufhört. Er hat in jedem seiner zahlreichen Ämter immer sehr viel für Gießen geleistet.«

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