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Gießens vergessene Historiker

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Fritz Heichelheim floh vor den Nationalsozialisten und kehrte nicht mehr nach Gießen zurück. Foto: Leyendecker © Leyendecker

Anlässlich des 60. Jubiläums des Historischen Instituts der JLU haben sich Studierende auf die Spuren von zehn Gießener Geschichtsprofessoren aus der Zeit zwischen 1870 und 1970 begeben.

Gießen . Historiker sind Experten für die Vergangenheit. Doch viel zu selten befassen sie sich kritisch mit der eigenen Geschichte. Sie taten sich schwer, ihre Verstrickungen in die unterschiedlichen politischen Systeme des 20. Jahrhunderts aufzuarbeiten. Es ging schließlich um die eigene biografische Vergangenheit, um akademische Vorgänger, Kollegen und Doktorväter.

Auf Spurensuche

Das sieht vor allem das Historische Institut der Justus-Liebig-Universität (JLU) so. Anlässlich des 60. Jubiläums des Instituts haben sich Studierende auf die Spuren von zehn Gießener Geschichtsprofessoren aus der Zeit zwischen 1870 und 1970 begeben. Denn erst in den 1990er Jahren begannen Historiker, intensiver und systematisch nach dem Engagement der Geschichtswissenschaft im und für den Nationalsozialismus zu fragen. Die Ausstellung »Experten der Vergangenheit?« im Ausstellungsraum der Universitätsbibliothek stellt jetzt die Geschichte verschiedener Professoren ins Blickfeld studentischer Betrachtung. Noch bis zum 26. August können sich Besucher ein eigenes Bild über das Wirken der Gelehrten machen.

Die Liste der Namen ist lang. Wilhelm Oncken, Fritz M. Heichelheim, Gerd Tellenbach, Martin Göhring, Wilhelm Hoffmann, Friedrich J. Lucas, Hans Patze, Hans Georg Gundel, Carlrichard Brühl und der erst 2016 verstorbene Hans-Dietrich Kahl standen in diesem Jahr im Mittelpunkt des Seminars der beiden Professoren Stefan Tebruck und Hannah Ahlheim. Die älteren unter den Professoren gehörten dem 1876 gegründeten Historischen Seminar an, dessen erster Leiter Wilhelm Oncken war und das bis zur Auflösung der Ludwigs-Universität Gießen 1946 bestand.

Die Lebenswege der Wissenschaftler zeigen, dass die meisten von ihnen ihre Karriere über Systemgrenzen hinweg weiterverfolgen konnten. Sie erlebten das Kaiserreich und die Weimarer Demokratie, passten ihre Forschungsthemen in ein nationalsozialistisches Weltbild an und fassten in der jungen Bundesrepublik wieder Fuß. Der kleine Blick in die Geschichte hilft dem Historischen Institut dabei, sich auch kritisch mit dem Verhältnis von Wissenschaft und Politik in der Gegenwart auseinanderzusetzen.

Interessanter Zufallsfund

Wie aber kam das ungewöhnliche Projekt zustande? »Das war erstmal ein Zufallsfund. Herr Tebruck ist in einem seiner Bücher über eine Liste gestolpert, wo die Namen von Professoren am Historischen Institut aufgelistet waren. Er dachte nur: Ach, interessant wer hier alles war in Gießen«, sagt Ahlheim. Eine ganze Reihe bekannter Namen kam zum Vorschein, aber auch einige Namen, die sich nicht mehr einordnen ließen. »Dann hat er mir das erzählt und ich dachte mir: Super, 20. Jahrhundert ist mein Themengebiet. Wie sah es denn aus? Waren welche im Dritten Reich unterwegs und waren die nach 1945 noch unterwegs? Man kennt ein paar Biografien, aber wir wollten etwas über die Institutsgeschichte machen«, betont die Historikerin.

Die Kombination aus Zeitgeschichte (Ahlheim) und mittelalterliche Geschichte (Tebruck) schien passend, da viele der damaligen Professoren Mediävisten waren. So entstand der Plan, auch die Studierenden mit einzubeziehen, die dann im Universitätsarchiv stöberten und die Nachlässe der einzelnen Professoren von damals durchforsteten. Die entstandenen Poster seien, so Ahlheim, ein ausdrucksstarkes Bildnis darüber, dass jede Person seinen eigenen Zugang zu Geschichte habe. »Jeder hat seine Art und Weise Geschichte zu schreiben. Gleichzeitig haben wir auch gemerkt, wie wichtig es ist, sich mit wissenschaftlichen Standards auseinanderzusetzen.«

Das Thema Nationalsozialismus geriet für die Zeithistorikerin Ahlheim schnell in den Fokus. »Wenn man sich Universitätsgeschichte im 20. Jahrhundert anschaut, dann ist der Nationalsozialismus dabei und muss dabei sein. Erschreckenderweise waren die Universitäten überhaupt kein Hort des Widerstandes oder des Andersdenkens, sondern Universitäten waren Orte, wo Menschen sehr früh und engagiert mitgemacht haben am Projekt Nationalsozialismus. Das ist natürlich Thema der Ausstellung, wobei wir auch immer schauen wollten, dass wir diese Zäsuren auflösen. Natürlich fängt Nationalsozialismus vor 1933 an und hört nicht nach 1945 auf«, resümiert Ahlheim. Personen wie etwa Fritz Heichelheim mussten vor den Nationalsozialisten fliehen und kehrten nicht mehr nach Gießen zurück. Diese und weitere Geschichten haben die Studierenden des Historischen Instituts mühevoll aufgearbeitet.

Die Ausstellung ist montags bis sonntags während der UB-Öffnungszeiten von 7.30 Uhr bis 23 Uhr zu sehen.

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