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Goldenes Handwerk, große Sorgen

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Von: Ingo Berghöfer

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Abenddämmerung über dem Industriestandort Deutschland oder Morgenröte eines neuen, goldenen Industriezeitalters? In den nächsten Jahren werden entscheidende Weichen für die Zukunft dieses Landes gestellt. Eine Schlüsselrolle kommt dabei den Handwerksberufen zu, auch wenn das noch nicht allen Schulabsolventen, aber auch nicht der Politik in ausreichendem Maße klar geworden ist. Fotos: dpa © dpa

Alle reden vom Handwerk, auch der Anzeiger. In unserer neuen Serie wollen wir in den kommenden Wochen Handwerksberufe, ihre Voraussetzungen und ihre Perspektiven vorstellen.

Gießen. Vielleicht fing der ganze Schlamassel ja mit Johann Karl August Musäus an. Der - ausgerechnet als Märchensammler zu Ruhm gekommen - soll nämlich im späten 18. Jahrhundert die Deutschen als Erster als Volk der Dichter und Denker bezeichnet haben. Damit schmeicheln sich noch heute auch diejenigen, die nie ein Buch lesen und das Denken den Pferden überlassen. Die Geringschätzung des Handwerks und die Überbewertung der Geistesarbeit hat bei uns also eine lange Tradition. Dass es nicht die Dichter und Denker waren, sondern Ingenieure und Naturwissenschaftler, die hundert Jahre nach Märchenonkel Musäus den Aufstieg Deutschlands vom bettelarmen Agrarland zur führenden Industrienation ermöglicht haben, ist noch einmal gute hundert Jahre später gerade bei denen in Vergessenheit geraten, die ständig gebetsmühlenartig betonen, dass »Deutschland ja ein reiches Land sei«. Das stimmt - noch. Aber das Land lebt längst von seiner rapide schrumpfenden Substanz.

Deutschland 2022, das ist ein Land mit aus allen Nähten platzenden Universitäten voller Studierender, von denen laut einer Untersuchung der Konrad-Adenauer-Stiftung nur jeder vierte die Hochschulreife besitzt, und die Akademiker wie Dr. Britta Lucia Ida Ohm produzieren. Ohm hatte vor drei Jahren in den »Blättern für deutsche und internationale Politik« ihr Leid - exemplarisch für ganze Heerscharen akademischen Prekariats - geklagt.

Trotz zehnseitigen Lebenslaufs und »vollständiger Einbindung in das akademische Leben« habe der Mitarbeiter im Jobcenter der Mittvierzigerin nur einen Job als Erdbeer-Pflückerin offeriert. Der im Internet viel geteilten Jeremiade mangelte es indes am Griff an die eigene, immer noch recht hoch getragene Nase.

Deutschland 2022 ist aber auch ein Land, in dem eine drastische Nachfrage nach Handwerkern und Ingenieuren mit einem ebenso drastischen Nachwuchsmangel kollidiert. Noch nie war es schwieriger für Betriebe, Azubis zu finden. Mehr als vier von zehn IHK-Ausbildungsbetriebe konnten 2021 nicht alle angebotenen Ausbildungsplätze besetzen - der höchste jemals gemessene Wert. Von diesen Unternehmen hat laut IHK mehr als jedes dritte keine einzige Bewerbung erhalten. Damit sind rund 27000 Ausbildungsbetriebe leer ausgegangen.

Gefahr für die Energiewende

»Der Fachkräftemangel ist im Landkreis Gießen genauso ein Thema wie in ganz Deutschland. Es fehlen überall Mitarbeiter«, konstatiert der stellvertretende Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Gießen, Uwe Bock. Und das betreffe nicht nur klassische Handwerksberufe wie Schlosser, Elektriker oder Schreiner, sondern auch den Lebensmitteleinzelhandel. Das würden auch die Kunden merken. Fehlende Mitarbeiter seien der Grund für reduzierte Öffnungszeiten und einer der Gründe für Filialschließungen in Zeiten der Krise, denn die «Kunden können das Geld auch nur einmal ausgeben, und von dem bleibt ihnen ja immer weniger«.

Mittlerweile gefährde der Facharbeitermangel sogar das ambitionierteste Ziel der Bundesregierung: die Energiewende. Der gleichzeitige Ausstieg aus Kohle und Kernkraft und die Dekarbonisierung Deutschlands möglichst bis 2030 ist der gewaltigste Umbau der deutschen Volkswirtschaft, den es je gegeben hat. Wie soll der aber gelingen, wie wollen wir unsere hochgesteckten Klimaziele erreichen, wenn überall die Menschen fehlen, die diesen Umbau gestalten müssen?

Verschärft wird die Lage durch den demografischen Wandel. Noch nie lebten so wenig junge Menschen in diesem Land, und die müssen schon bald die Renten für die geburtenstarken Jahrgänge erwirtschaften, die in wenigen Jahren in Rente gehen.

Politik hat lange geschlafen

Nun sind Krisen aber immer auch Chancen. Wer sich in diesen Tagen für einen Handwerksberuf entscheidet, hat in vielen Branchen exzellente Zukunftsperspektiven.

Da ist zum einen die Politik, die zwar spät aufgewacht ist, aber immerhin. Angehende Handwerksmeister müssen ihre Ausbildung selbst finanzieren. Durch Gebühren und ausbleibende Verdienstmöglichkeiten kommen da schnell mittlere fünfstellige Beträge zusammen.

Inzwischen trägt der Staat durch das Meister-Bafög 50 Prozent der Kosten. Wird die Prüfung erfolgreich absolviert, übernimmt er noch mal ein Viertel der Gesamtkosten. Vom Land Hessen gibt es eine zusätzliche Meisterprämie von 1000 Euro.

»In den vergangenen Jahren ist viel passiert«, lobt Bock, »die Politik hat nachgebessert«. Gleichwohl hofft er auf eine komplette Übernahme der Ausbildungskosten und einen Zuschuss zum Lebensunterhalt der Auszubildenden, der kein Darlehen mehr ist, um die völlige finanzielle Gleichstellung einer Handwerksausbildung zu erreichen.

Wie stiefmütterlich Vater Staat in den vergangenen Jahrzehnten das Handwerk behandelt hat, kann man auch daran sehen, welche antiquierten Vorstellungen über Handwerksberufe mangels Aufklärungskampagnen in Schulen und Öffentlichkeit noch immer in vielen Köpfen herumgeistern.

Die Zeiten, in denen Maurer 50 Kilo schwere Zementsäcke und 25 Kilo schwere Maurersteine schleppen und verarbeiten mussten, sind vorbei, meint Bock. Heute würden auf Baustellen bereits im Werk vorgefertigte Bauteile oder ganze Wände zusammengesetzt. Das ist kein Knochenjob mehr, aber Präzisionsarbeit. Auch der Kfz-Mechaniker komme heute nicht mehr jeden Abend ölverschmiert nach Hause, sondern überprüfe eher mit dem Laptop das On-Board-Diagnose-Modul eines Fahrzeugs.

Befriedigung, etwas geleistet zu haben

Noch immer muss im Handwerk angepackt werden, aber viele der rund 150 Ausbildungsberufe, die es in Deutschland gibt, fordern heute mehr Grips und weniger Schweiß.

Was aber bleibt, ist die Befriedigung, etwas geleistet zu haben, etwas geschaffen zu haben, das man anfassen kann, denn: »Was wäre das Leben ohne das Handwerk?«, wie es in einem spektakulären und kinoreif inszenierten Werbespot heißt, den die Handwerkskammern bereits vor zwölf Jahren veröffentlicht haben und der in dieser Zeit gerade mal 319 Likes auf Youtube generiert hat. Es wird Zeit, dass sich daran etwas ändert.

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