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Gottes Segen und ein roter Faden

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Ein besonderer Gottesdienst fand für die Schausteller der Frühjahrsmesse in Gießen statt. Da, wo normalerweise Autoscooter ihre Runden drehen, wurde die kleine Savanna getauft.

Gießen. Wo sonst bunte Lampen flackern, Autoscooter über die große überdachte Fläche brausen, angefeuert mit fetziger Musik und den Rufen des Betreibers am Mikrofon, und die Fahrenden möglichst viele Begegnungen an den Gummipuffern suchen, herrschte beschauliche Stille.

Rund 50 Schaustellerinnen und Schausteller kamen zum Fahrgeschäft, um am ersten Reisegottesdienst seit zwei Jahren teilzunehmen, bei dem als Besonderheit die kleine Savanna Kreuser getauft wurde. Pfarrer Volker Drewes von der Evangelischen Circus- und Schaustellerseelsorge freute sich, nach der durch Corona bedingten Pause wieder unter den Reisenden zu sein und mit ihnen einen Gottesdienst zu feiern. Doch einen Wermutstropfen verkündete er auch: Die Evangelische Kirche Deutschland will einen drastischen Einschnitt bei diesem speziellen Seelsorgebereich im Jahr 2030 vornehmen. Die Stelle des Leiters wird auf 30 Prozent gekürzt.

Doch weil der schon 2028 aufhört, tritt die krasse Veränderung schon zwei Jahre früher ein. »Es fällt mir sehr schwer, meine Reisegemeinden alleine zu lassen«, bekannte Drewes zu Beginn des Gottesdienstes. Und machte deutlich, er kämpfe um den Erhalt der Institution; einige Schausteller signalisierten Zustimmung. Den Verweis auf Ortspfarrer lässt Drewes nicht gelten, das sei nicht praktikabel, weil die reisenden Menschen unterwegs zu Hause sind und ihre seelsorgerische Betreuung an einer Kirche vor Ort realitätsfern ist. Zu Beginn seiner Predigt holte der reisende Pfarrer einen roten Faden aus seiner Talartasche. Fadenziehen ist ein Glücksspiel und hat in vielen Schaustellerfamilien eine gewisse Tradition. Er finde es immer faszinierend, wie sich Klein und Groß daran erfreuen.

Lange Tradition

Der Faden ist aus mehreren einzelnen Fäden gewoben, die Volker Drewes Gesundheit, Erfolg, Intelligenz, Schönheit, Freundschaften, gute Ausbildung, Charakter, Humor, Gefühle und Liebe nannte. Lauter positive Dinge und menschliche Eigenschaften, die er und die Gemeinde sich auch für den Täufling Savanna wünschten. Doch es sei keine Goldkordel, sondern ein normaler Faden - also gehörten auch schlechte Laune, Enttäuschung, Missverständnisse, Scheitern, Krankheit, Egoismus und weiteres dazu. Die seien aber dem Täufling nicht zu wünschen. Wahrscheinlich würden sie aber doch zu ihrem Leben gehören. Drewes stellte fest: »Ein roter Faden ist wirklich nötig, um im Leben Orientierung zu finden«. Er betonte, in den zwei vergangenen Jahren hätten die Schausteller auf ihren Reisen immer wieder gebraucht, dass ihnen jemand den Faden des Vertrauens in die Zukunft zuwirft, den Faden der Zuversicht, dass sich alles zum Guten wende im Leben.

Mit Wasser in einer kleinen Taufschale auf dem improvisierten Altar mit Kerzen, Kreuz und Kerze taufte der Geistliche das kleine Mädchen. Die Paten und später die gesamte versammelte Gemeinde stimmten mit einem kräftigen »Ja« zur Tauffrage, der Aufnahme des Mädchens in die große Schaustellerfamilie, zu. Der Pfarrer drehte an dem Leierkasten und schmissige Rhythmen schallten durch das Fahrgeschäft.

Jahrmarktorgel

Am Ende des Gottesdienstes mit dem Segen warf Max Wagner die große mobile Jahrmarktorgel, wie man sie früher auf Jahrmärkten und Volksfesten sah und hörte, an und beendete damit eine besinnliche Zeremonie. Die Schausteller mussten nach einem gemeinsamen Mittagessen die Arbeit an ihren Geschäften wieder aufnehmen und auf der Fläche, die sich kurz in ein provisorisches Kirchenschiff verwandelt hatte, kreuzten wieder in gewohnter Manier die Auto Scooter.

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