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»Größtmögliche Rücksicht nehmen«

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Der Strauchgürtel, hier zwischen Damm und Schwanenteich, bietet vielen Tieren Rückzugsmöglichkeit. Foto: Schäfer © Schäfer

Gießener Naturschützer sind besorgt wegen der geplanten Sanierung am Schwanenteich-Damm. Sie fordern größtmöglichste Rücksicht auf gefährdete Vogelarten.

Gießen. Die Stadt will den kompletten, mehr als 300 Meter langen, an einigen Stellen undichten Damm zwischen Schwanenteich und Wieseck komplett abtragen und neu aufbauen, wie der Anzeiger bereits mehrfach berichtete. Für die Umweltdezernentin Gerda Weigel-Greilich ist das ein »Muss«, wie sie Anfang Mai verkündete. Nachdem bereits im Frühjahr 2021 der Damm im vorderen Bereich zwischen THM-Terrasse und Schwanenteichbrücke für Fußgänger langfristig gesperrt worden war, soll nach Vergabe einer Planung der Schwanenteich im kommenden Herbst für lange Zeit trockengelegt und entschlammt werden. Im folgenden Frühjahr könnte dann mit dem Aufbau des neuen Dammes begonnen werden, so die Umweltdezernentin.

Geschützte Arten gefährdet

Dagegen regt sich Widerstand bei den drei Naturschutzverbänden Hessische Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON) und den Kreisverbänden des Naturschutzbundes (NABU) sowie des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND). Die Entscheidung, den Damm auf kompletter Länge zu sanieren, berge ein hohes Risiko für die arten- und individuenreiche Vogelwelt des Schwanenteiches, weil sich die Bauarbeiten über einen sehr langen Zeitraum ziehen würden, so deren Stellungnahme. Diese Gefahr bestehe dadurch, dass der Teich im Vorfeld abgelassen und gesömmert (also ohne Wasserfüllung belassen) werden soll. »Der Schwanenteich war und ist das wichtigste Brutgewässer für Wasservögel im gesamten Stadtgebiet Gießens. Er beherbergt die derzeit größte Graureiherkolonie im Landkreis Gießen und die fünftgrößte in Hessen. Er ist darüber hinaus Brutgewässer für andere Wasservogelarten wie Eisvogel, Haubentaucher, Stock- und Reiherente, Teich- und Blässhuhn, Höckerschwan sowie Grau-, Kanada- und Nilgans. Es handelt sich um teils streng geschützte Arten. Insbesondere das Teichhuhn hat bis dato hier einen hessenweit bedeutsamen Bestand.«

Das Gartenamt und die Umweltdezernentin stünden also in der Pflicht, den Lebensraum für diese Vogelarten nach der Sanierung wiederherzustellen. Das wichtigste Element dabei sei der fast geschlossene Strauchgürtel an den Längsufern. »Dieser ist Schutzwall vor Störungen, Brutplatz und Nahrungsquelle für die Wasservögel. Darüber hinaus liefern die Sträucher das Baumaterial für die Graureiherhorste.« Eine Planung, die dies nicht berücksichtige und entsprechend umsetze, sei aus Sicht der Verbände inakzeptabel. Auch Befestigungen mit beispielsweise Gittersteinen, um das Ufer dann besser mähen zu können, sei nicht hinzunehmen, führe es doch zu einem Verlust der hier notwendigen naturnahen Ufergestaltung. Der Einsatz einer Spundwand vor dem Damm im Teichuferbereich sollte geprüft werden. So bestünde gegebenenfalls die Möglichkeit der Verbreiterung des Strauchgürtels. »In Zeiten des Verlustes der Biodiversität ist es mehr als geboten, bei der notwendigen Sanierung größtmögliche Rücksicht zu nehmen und danach die Entwicklung naturnaher Ufer zu fördern.«

Nicht am Reißbrett planen

Begrüßt wird von den Naturschutzverbänden die Sanierung des maroden Dammes zwar grundsätzlich. Doch spricht er sich gegen eine Sanierung in einem Stück aus, bevorzugt eine Teilsanierung. »Eine Teilsanierung eröffnet die Möglichkeit, den Teich nur abschnittsweise trocken zu legen und somit während der Sanierungsphase Wasserlebensraum anzubieten.«

Es stelle sich zudem die Frage für den Naturschutz, auf welcher Grundlage der gesamte Damm saniert werden soll. »Gibt es dazu lediglich Beobachtungen des Gartenamtes oder liegt eine fundierte, fachliche Untersuchung vor?« Wenn es weiteres gebe, sollte es veröffentlicht werden, »damit eine Akzeptanz für diese kostenintensive und umfangreiche bauliche Maßnahme in einem sensiblen Biotop entsteht«, so die Naturschützer. Die Verbände erachten es als sinnvoll, dass an der Planung auch sach- und ortskundige Vogelkundler beteiligt werden und die Planung nicht nur am Reißbrett stattfindet. Zudem sei in der Sache ein neues wasserrechtliches Verfahren zu eröffnen und hätte eine artenschutzrechtliche Prüfung zu erfolgen. »Es muss das Regierungspräsidium Gießen mit eingeschaltet werden, da es sich um ein Landschaftsschutzgebiet handelt«, so die Forderung.

Wilhelm Pastoors war zusammen mit Dietmar Jürgens, der als Diplom-Biologe und Ornithologe (Vogelkundler) wöchentlich das Geschehen am Schwanenteich kartiert, 2012 beim erfolgreichen Bürgerbegehren »Rettet den Schwanenteich« engagiert. Zusammen haben sie eine umfassende Homepage zum Schwanenteich im Netz: www.teichein derwieseckaue.de. Pastoors stellt sich voll gegen ein kostenintensives Abtragen und Wiederaufbauen des Dammes. Die jetzt noch vorhandenen Bäume seien Erlen und damit standsicher. Er bevorzuge ein Ausgraben der alten Wurzel und die Verfüllung dieses Abschnitts, was wesentlich günstiger wäre. Auch frage er sich, wieso die Wieseck nicht aufgestaut werden dürfe, um den Schwanenteich zu fluten. Abgesehen von der Verdunstung verbliebe das Wasser im Lauf der Wieseck. »An der einen Seite fließt es in den Schwanenteich hinein, am Ende - oder an den Sickerstellen - fließt es in die Wieseck zurück.« Dietmar Jürgens fordert eine Offenlegung der vom Gartenamt geprüften Sanierungsvarianten, um Transparenz herzustellen, »statt der Geheimniskrämerei zu frönen«.

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