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Große Sorge um Mitarbeiterstellen

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Das Fachbereichsdekanat soll dem Präsidium bis Ende März einen Sparplan vorlegen. © Mosel

Ein gewaltiges Minus im Etat des Fachbereichs Sozial- und Kulturwissenschaften der JLU Gießen erfordert erhebliche Einsparungen. Hochschule und Studierende geben einen Einblick in die Situation.

Gießen . Der Fachbereich (FB) 03 Sozial- und Kulturwissenschaften der Justus-Liebig-Universität (JLU) muss sparen. Und das in einem Ausmaß, das auf studentischer Seite für heftige Proteste sorgt. Bei dem Finanzloch im Etat, das es zu stopfen gilt, handelt es sich um »einen sechs- bis siebenstelligen Betrag«, teilt die JLU-Pressestelle auf Nachfrage des Anzeigers mit. Laut einer gemeinsamen Pressemitteilung der Fachschaften Gesellschaftswissenschaften, Musik, Lehramt und Erziehungswissenschaft sowie des Allgemeinen Studierendenausschusses (Asta) liege die Summe »zwischen 1,1 und 1,8 Millionen Euro«. Die genauen Zahlen würden mit dem Dekanat »in den nächsten Wochen geklärt und abgestimmt werden«, lässt die Hochschule wissen. Die Studierenden befürchten derweil, dass die Einsparmaßnahmen »vor allem auf Kosten der Mitarbeitenden gehen«, und beklagen eine »intransparente Kommunikation« seitens der Verantwortlichen.

Qualität der Lehre und Betreuung

Neben der Qualität der Lehre und studentischen Projekten sehen die Verfasser auch »einige Hilfskräftestellen« in Gefahr. Wie viele hier ganz gestrichen oder zeitlich gekürzt werden sollen, dazu möchte die JLU derzeit keine Angaben machen, »da die Planungen noch nicht abschließend erfolgt und bewertet worden sind«. Bis dies erfolgt ist, sei jedoch sichergestellt, dass Verträge zur Erreichung von Qualifikationszielen sowie wegen der Betreuung eines Kindes verlängert werden, versichert man. Im Übrigen würden »keine Mitarbeiter entlassen. Allenfalls konnten und können Verträge nicht verlängert oder aufgestockt werden«.

Als Grund für das Defizit gibt die Pressestelle an, dass sich die Finanzen der JLU im Rahmen des letzten Hochschulpakts 2016-2020 »leider nicht wie erwartet entwickelt haben. Gleichzeitig sind die Ausgaben stark gestiegen und steigen aktuell und absehbar weiter.« Diese Mehrausgaben bestünden zum Teil aus Tariferhöhungen, zum Teil aus steigenden Energiepreisen, aber auch aus Baukosten. Weniger Geld für die Universität bedeutete in den letzten Jahren auch weniger Geld für die Fachbereiche. Bis 2020 hatten diese genügend Rücklagen, um solche Mehrausgaben kurzfristig auszugleichen, heißt es. Langfristig aber mussten sie ihre Stellen- und Finanzpläne anpassen. »Diese Herausforderung ist für einen so großen und komplexen Fachbereich wie den FB 03 besonders hoch. Wir arbeiten gemeinsam daran, einen Weg für die nächsten Jahre zu finden, wie die Situation gelöst werden kann.«

Hierbei macht der Hochschulpakt 2021-2025 Hoffnung, denn durch diesen wie auch das neue JLU-Budgetierungsmodell »bekommen alle Fachbereiche seit diesem Jahr mehr Geld«. Dies werde voraussichtlich auch in den kommenden Jahren so sein. Im Fachbereich 03 seien die Ausgaben dennoch weiterhin höher. »Bisher war dies kein Problem, weil genügend Rücklagen vorhanden waren. Diese sind nun aufgebraucht, sodass die Stellenpläne für die kommenden Jahre angepasst und finanziell bewertet werden müssen«, lautet die Erklärung. In diesem Zusammenhang ist es der JLU wichtig, zu betonen, dass ihre Fachbereiche »seit Jahren in aller Regel verantwortungsvoll und gut mit ihren Budgets wirtschaften und sich Einnahmen und Ausgaben in der Waage halten«. Es komme trotzdem hin und wieder vor, dass in einzelnen Fachbereichen Sonderprobleme durch übermäßige Ausgaben auftreten, die gemäß Hessischem Hochschulgesetz mit JLU-Kanzlerin Susanne Kraus als Haushaltsbeauftragter »angegangen werden müssen, bis ein Konsolidierungspaket steht. Aktuell ist dies ausschließlich im FB 03 der Fall«, heißt es weiter.

An einer von den Fachschaften organisierten digitalen Vollversammlung nahmen Ende vergangener Woche mehr als 270 Studierende teil. Zugeschaltete Vertreter des Dekanats berichteten dort, dass man dem Präsidium bis zum 28. März einen umfassenden Sparplan vorlegen soll. Die Sorge der Studierendenschaft gilt hierbei insbesondere der Zukunft vieler wissenschaftlicher Mitarbeiter, die den sogenannten akademischen Mittelbau bilden, der für den Betrieb einer Hochschule in Lehre wie auch Forschung unverzichtbar ist. »In den nächsten Jahren sollen noch deutlich mehr Stellen von wissenschaftlichen Mitarbeitenden abgebaut werden. Die Lehrqualität und Betreuung der Studierenden nehmen dadurch massiv ab«, befürchtet etwa Emely Green von der Fachschaft Gesellschaftswissenschaften in der Mitteilung der Fachschaften.

Kundgebung vor Hauptgebäude

Darin äußert man erhebliche Zweifel, dass die Studierenden die Sparmaßnahmen im kommenden Sommersemester nicht spüren würden, wie das Dekanat immer wieder betone. Vor allem die Betreuungsrelation, also die Anzahl der Mitarbeitenden pro Studentin oder Student, werde »sich noch schlechter entwickeln als ohnehin schon«, prognostiziert Pablo Höfer von der Fachschaft Erziehungswissenschaft. »Studierende werden in Zukunft wohl oft Mühe haben, eine Betreuung für die Abschlussarbeit zu finden.«

Auch bei der Fachschaft der Lehrämter sorgt man sich um die Qualität der Lehre. Laut Mayra Heinz betreffe es diese Studiengänge in besonderem Maße, »da durch die hohen Studierendenzahlen eine Aufstockung der Seminargröße und Reduzierung der Seminarvielfalt besonders leichtfällt«. Während sich für Jenny Jörges vom Referat Digitalisierung, Studium und Lehre des Asta sowie für ihre Mitstreiter »der Eindruck verfestigt, dass dieses Finanzdefizit ein hausgemachtes Problem aufgrund einer mangelhaften Buchhaltung ist und nun auf Kosten des wissenschaftlichen Nachwuchses behoben werden soll«. Auch um sich mit den betroffenen Mitarbeitern solidarisch zu zeigen, haben die Studierenden für Mittwoch, 9. Februar, um 13.30 Uhr eine Kundgebung auf dem Vorplatz des Uni-Hauptgebäudes in der Ludwigstraße angekündigt. Pünktlich zur kurz danach beginnenden Sitzung des Senats.

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