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»Großer Respekt vor dieser Leistung«

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»Mein persönlicher Lieblingsblick auf die Alte Post«: Kai Laumann (3.v.r.) erläutert den Jury-Mitgliedern, dass von diesem Standort aus das markante Dach und die prägende Struktur von Fassade und Fenstern besonders gut zur Geltung kommen. Foto: Lemper © Lemper

Für die Sanierung der Alten Post und des ehemaligen Telegraphenamtes in Gießen ist Kai Laumann für den Hessischen Denkmalschutzpreis nominiert. Die Jury ist beeindruckt.

Gießen . So viel steht schon mal fest: Sollte auch die Leidenschaft in die Bewertung einfließen, mit der ein Eigentümer für sein nominiertes Objekt wirbt, dürfte Kai Laumann einige Pluspunkte gesammelt haben. Der Unternehmer hatte am Mittwochmittag die Juroren des Hessischen Denkmalschutzpreises zu Gast und »freute sich wie ein Keks«, in 45 Minuten bei einem Rundgang darlegen zu können, was in der Alten Post (erbaut 1862/63) und dem ehemaligen Telegraphenamt (1927 bis 1929) binnen zwei Jahren Bemerkenswertes geschafft worden ist - und welche erstaunlichen Details dabei zu bedenken waren. »Großer Respekt vor dieser Leistung«, attestierte danach der Jury-Vorsitzende Prof. Markus Harzenetter, der zugleich Präsident des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen ist.

Laumann schwärmte zwar wiederholt von einem »geilen Projekt« und einem »tollen Team«. Sehr deutlich gab der Zimmerer aber ebenfalls zu verstehen, »dass noch mehr drin gewesen wäre, wenn man schon 30 Jahre früher mit der Sanierung begonnen hätte«. Dann hätte noch mehr an originalen Elementen und Strukturen »gerettet werden können«. Für diese Verzögerung trägt freilich nicht er die Verantwortung. »Ich konnte nie nachvollziehen, dass ein so wertvolles Gebäude in genialer Lage einfach verwahrloste und leer stand«, bedauert Laumann.

Auch Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher erinnerte an den »mühsamen Weg«, der beschritten werden musste, und an den »erlittenen und durchlittenen Verfall«. Über Jahrzehnte sei die Alte Post aufgrund der fehlenden Investitions- und Handlungsbereitschaft des vorherigen Eigentümers zu einem »Magengeschwür der Stadtgesellschaft« avanciert. Was daraus entstanden ist, weil sich Kai Laumann »spürbar verliebt« an die aufwändige Revitalisierung gemacht habe, gleiche wiederum einem »Wunder« und einer »Märchengeschichte für unsere Stadt«.

Der so Gelobte warf den Ball bereitwillig zurück und bescheinigte der Verwaltung euphorisch, sich letztlich in »Champions League-Manier« um Baugenehmigung und Planungsrecht gekümmert zu haben. Sein Dank galt darüber hinaus seinem »super Architekten« Dietmar Moos (Wettenberg), der Laumanns Ideen umgesetzt und sich als ruhender Pol erwiesen habe, wenn er selbst zu impulsiv an die Sache herangegangen sei.

Fenster und Fassade

Gelernt habe er insbesondere, »wie wichtig es ist, Bauzeitliches nicht wegzuwerfen, sondern zu reparieren und zu erhalten«. Das sei zu großen Teilen gelungen. Bewahrt werden konnten nahezu alle 100 historischen Fenster der Alten Post, Deckenkonstruktionen, Klappläden, gusseiserne Stützen und die Treppenhäuser. Beim Telegraphenamt seien weitere 100 bauzeitliche Fenster instandgesetzt worden. Große Herausforderungen seien ferner gewesen, die Sandsteinfassade behutsam und »lebendig« zu sanieren sowie den Raumcharakter des zwei Stockwerke hohen Telegraphenamtes zu konservieren und zu einem modernen Veranstaltungs- und Medienzentrum umzuwidmen. Bei alledem habe die Wirtschaftlichkeit nicht aus dem Blick verloren werden dürfen, mussten Baukosten und Denkmalschutz miteinander in Einklang gebracht werden. Eine wesentliche Rolle habe zudem gespielt, geeignete Mieter zu gewinnen; die künftigen Nutzer sollten »abgeholt und mitgenommen werden«. Zu finden ist dort ein Mix aus Gastronomie, Gesundheit, Wissenschaft und Dienstleistungen.

Heute prägt das imposante Ensemble wieder das unmittelbare Umfeld des Bahnhofs. Alte Post und Telegraphenamt gehörten deshalb nicht nur zu den bedeutendsten Kulturdenkmälern Gießens, so das Landesamt für Denkmalpflege, sie seien auch »wichtige Zeugnisse der Industrie- und Technikgeschichte in Hessen«.

Realistische Chance

Rund 20 Bewerbungen sind diesmal für den Denkmalschutzpreis eingegangen, der jährlich vom Land Hessen vergeben wird und mit insgesamt 27 500 Euro dotiert ist (inklusive eines Ehrenamtspreises für gemeinschaftliches Engagement). In Gießen sind zuletzt der Förderverein Bismarckturm (2020) und der von Dr. Wolfgang Lust herausgeputzte Alte Schlachthof (2019) prämiert worden.

Die Jury, die aus Vertretern der Denkmalbehörden, des Handwerks, Preisträgern des vergangenen Jahres und den Stiftern besteht, hat nun neun Kulturdenkmäler bereist, die in die engere Auswahl kommen. Die Entscheidung sollte bei einer Sitzung direkt im Anschluss fallen, wird allerdings erst bei der Verleihung am 21. Juli verkündet. Maßgebliche Kriterien sind »die Präzision der handwerklichen Fertigung, die Einbettung ins Stadtgefüge, das entwickelte Nutzungskonzept sowie vor allem der Umgang mit der historischen Bausubstanz, wie sie interpretiert und an das moderne Leben angepasst wird «, erläutert Dr. Katrin Bek, zuständig für Öffentlichkeitsarbeit im Landesamt für Denkmalpflege, im Gespräch mit dem Anzeiger. Und Markus Harzenetter ergänzt: »Alle Objekte, die wir besuchen, sind grundsätzlich preiswürdig und haben eine realistische Chance.«

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