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Großer Spielplatz für Männer

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Die Spur-0-Tage locken auch Gäste aus Berlin oder Frankreich an die Lahn. Foto: Jung © Jung

Frauen sind eher die Seltenheit bei den Internationalen Spur-0-Tagen, die am Wochenende viele Besucher aus ganz Deutschland und dem nahen Ausland nach Gießen lockten.

Gießen. Die kleinen Dieselloks erzeugten elektronische Motorgeräusche, Dampfloks im Modelbaumaßstab drehten pfeifend ihre Runden über die Anlagen: Funktionsmodelle, alles im Modellmaßstab Spur 0, bestimmten zwei Tage die Szenerie in den Hessenhallen.

Fast ein Dutzend Anlagen sorgten für viel Abwechslung und Bewegung, Fachgespräche gab es gratis. Als ein riesiger Spielplatz für (fast ausschließlich) Männer präsentierten sich die fünf Hallen bei der Neuauflage der »Internationalen Spur 0 Tage«.

»Mein Papa hat mir das in die Wiege gelernt«, berichtet eine junge Frau aus Gütersloh, die mit ihm auf dem Gelände unterwegs ist. Unter dem Arm hat sie das schicke Modell im Maßstab 1:43 eines gelben Postbusses aus den 1950er Jahren. Sie ist Mitglied in einem Club von 50 Modellbaubegeisterten. Und eine der wenigen Frauen, die durch die Halle schlendern und dem zeitintensiven Hobby Eisenbahnmodellbau nachgehen.

Sondermodelle für 8000 Euro

Einmalige Serien bietet ein Familienunternehmen aus Vöcklabrück in Österreich an. Früher produzierte das Unternehmen nur im Maßstab 1:32, das ist Spur 0, jetzt werden auch Lokomotiven in Messingbauweise in der kleineren Ausführung 1:45, gleich Spur 1 gefertigt. Für die Dampflok der Baureihe 52 muss der Kunde tief in die Tasche greifen. Ab 2290 Euro kostet ein solches Schmuckstück, das mit getaktetem Abdampf und getrennt steuerbarem Zylinderdampf ausgestattet ist. Sonderwünsche und -modelle schlagen schon mal mit bis zu 8000 Euro zu Buche, verrät der Verkäufer. »Wir luchsen den anderen Baugrößen Kunden ab«, freute sich Peter Repp, Geschäftsführer von Lenz Elektronik, Gießen. Das Unternehmen war zum dritten Mal Veranstalter der Internationalen Spur 0 Tage, Deutschlands größte Spur 0 Ausstellung, die jetzt um die Spur 1 erweitert wurde.

Die Spur 0 laufe nach wie vor, resümiert der Experte, die Detailtreue bei den Modellen ist hoch. Die »Hardcore«-Besucher kämen nicht nach Gießen, um in den fünf Hallen zu kaufen, sondern sich zu treffen, den Austausch und die Fachsimpelei zu pflegen. Viele Buchungen für zwei Tage erfolgten schon im Vorfeld online. Endlich wieder mit Gleichgesinnten zu plaudern, Expertentipps zu bekommen und sich Neuerungen vor Ort anzusehen, die Sehnsucht danach erschien groß nach der Corona-Pause.

Für sein Hobby sei ihm nichts zu teuer, verrät Michael Behr, der mit dem Auto aus dem Großraum Berlin angereist ist. Bis 2014 war er als S-Bahn Fahrer auf den Berliner Gleisen unterwegs, jetzt widmet er sich der Modelleisenbahn. Und bekommt das, was er sucht, am Stand von Michael Schnellenkamp: Wilden Rhabarber wollte er haben, um damit den Teich auf seiner Anlage verschönern. Der Berliner baut alles, was auf der Anlage steht, selbst. Schon als Kind schlug sein Herz für Eisenbahnen, an den Strecken verbrachte er viele Zeit und fotografierte die Züge.

»Man kann sich ja Anregungen holen, auch wenn die Spur nicht passt«, verraten die Gießener Manfred Fechler und Sohn Michael. Und werden an einem der vielen Stände fündig, kaufen einen Decoder. An der Anlage Spur N bastelt der Vater, ein großer Bahnfan und ehemaliger Eisenbahner, während der Junior sich der Spur H0 verschrieben hat. Aus Pforzheim ist Bastler Udo Nonnemacher angereist. »Wer etwas sucht, wird auf jeden Fall in den fünf Hallen fündig«, ist er sich sicher. Seine Anlage, Spur 0 steht unter dem Dach, seit sechs Jahren tüftelt er schon und ein Ende ist nicht in Sicht. Auf 15 000 Euro schätzt er ihren Wert und meint, »das ist nicht viel«. Früher baute er an einer H0 Anlage, doch mit zunehmendem Alter nimmt bei ihm die Sehkraft ab. Und die großen Schienenfahrzeuge sind filigraner, Details besser ausgebildet.

Meist sind es ältere grauhaarige Herren die man in den Hallen sieht, die Anlagen steuern, Zubehör verkaufen oder auf der Suche nach Neuerungen und Schnäppchen sind. Eine Ausnahme bildet Malte, der mit viel Geschick die Rangierlokomotive auf der Nachbildung vom Hafen Münster steuert. Der 19-Jährige sei schon viele Jahre zuverlässiges Mitglied bei der IG Miniatur-Münsterland tätig, lobt der Vereinsvorsitzende. Die noch im Bau befindliche Anlage zeigt in komprimierter Form den Umschlag von Getreide, Kohle und Baustoffen. Ein Herr aus dem Siegerland ist unterwegs nach einem Käufer für alte H0 Modelle, doch dafür gebe es hier keinen Markt, verrät ein Experte.

Wolfspitz -Welpen in der Halle

Aufregung abseits der schönen und vielfältigen Modelle auf den Gleisen und an den Ständen sowie dem schier nicht überschaubaren Zubehör: Ein Wolfsspitz bringt sechs Welpen gesund zur Welt. Statt in Rendsburg den Nachwuchs zu gebären, wie es bei der Familie eines Ausstellers geplant war, brachte das Tier drei Tage früher die Kleinen an der Lahn zur Welt. »Dann steht eben in der Geburtsurkunde Gießen«, scherzte ein Besucher. Die Familie, die einen Stand betreute, hatte aber vorgesorgt und baute für den erwarteten Nachwuchs eine Welpenbox, die im Wohnmobil stand und wo sich die Kleinen sicher und wohl fühlen konnten.

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