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»Guck dir diese Kulisse an«

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Ein Ort, den sich die Musiker gegenseitig empfehlen: Die Veranstalter (von rechts) Markus Pfeffer und Dennis Bahl sowie Gastronom Markus Urich dort, wo im Sommer wieder eine große Freilichtbühne stehen soll. © Gauges

Die Veranstalter des »Kultursommers Gießen 2022« im Gespräch: über Verluste, das Publikum, die Branche und einen ganz besonderen Ort.

Gießen. Kaum eine Branche, die so unter der Corona-Pandemie zu leiden hatte wie die der Konzertveranstalter. Auch der Gießener Kultursommer fiel in den beiden vergangenen Jahren aus. Doch diesmal, da sind sich Dennis Bahl und Markus Pfeffer, Geschäftsführer und Produktionsleiter des verantwortlichen Konzertbüros Bahl, sicher, wird sich das Publikum wieder auf Stars und Konzerte unter freiem Himmel freuen können. Bei einem Treffen auf dem Schiffenberg berichteten sie über entgangene Einnahmen, treue Besucher und die Zukunft der Branche.

Zwar stehen die Zeichen derzeit grundsätzlich auf Lockerung, doch die Fans von Pop- und Rockkonzerten müssen sich weiter gedulden, wenn sie ihre Lieblinge wie früher auf der Bühne erleben wollen. Jan Delay etwa, der am 23. August vor der Basilika spielen soll, hat gerade seine aktuelle Clubtour abgesagt. »Das wird bei uns zu 99 Prozent nicht passieren«, versprüht Markus Pfeffer Optimismus. Für seine Prognose führt er gleich drei Gründe an: »Wir sind draußen. Wir haben Platz. Und es ist im Sommer.«

Um die Verluste der beiden vergangenen Jahre aufzufangen und gleichzeitig die vielen ausgefallenen Konzerte nachzuholen, haben die Gießener Veranstalter die Schlagzahl erhöht. Statt der üblichen zehn bis zwölf Konzerte werden es diesmal am Ende wohl eher um die 17, 18 sein. Das erhöht natürlich auch den Aufwand und wird laut Dennis Bahl 2023 in dieser Größenordnung ganz sicher nicht wiederholt. Doch noch steht das komplette Line-up des Kultursommers 2022 nicht fest. Bislang 14 Bands und Musiker gehören zum Programm, für die meisten gibt es noch Karten.

Es ist also quasi ein anderthalbfacher Kultursommer für den Zeitraum von drei Jahren. Das reicht aber natürlich nicht, um alle Verluste zu kompensieren: »Was weg ist, ist unwiederbringlich weg«, sagt Bahl. Immerhin: Mehr als 90 Prozent der Leute haben ihre Karten von verschobenen und nun nachzuholenden Auftritten behalten. Die Veranstalter machen das auch an ihrer eigenen Arbeit fest. »Man merkt, dass die Leute uns kennen und vertrauen«, ist Markus Pfeffer überzeugt.

Weiterhin unklar ist auch, unter welchen Bedingungen die Livekonzerte stattfinden werden. »Wir können ja noch nicht einmal sagen, wie es in drei Wochen im Seltersweg aussieht.« Dennoch gehen die Beiden davon aus, wie in den vergangenen Jahren die maximale Auslastung genehmigt zu bekommen. Das wären 4800 Zuschauer pro Konzert. »Für uns als Veranstalter ist es wichtig, dass die Kapazitäten bei diesem hochwertigen Line-up auch ausgeschöpft werden«, betont Dennis Bahl.

Hoffen auf volle Auslastung

Ein Dämpfer für die Branche war zuletzt die Absage des Hessentages, der Anfang Juni in Haiger stattfinden sollte. Denn schlechte Nachrichten wie diese schlügen sich immer unmittelbar auf den Vorverkauf aus. Dabei sei die Planungssicherheit ungemein wichtig. »Die Kulturbranche lebt davon, dass sich Leute frühzeitig entscheiden. Tun sie das nicht und kommen alle an die Abendkasse, könnten wir nicht kalkulieren. Das würden wir nervlich nicht verkraften«, lacht Pfeffer. Um ernster zu ergänzen: »Wenn die Leute keine Karten mehr vorab kaufen, geht diese Branche wirklich unter.«

Wie sich die Pandemie langfristig auswirkt, das wird sich für die Gießener erst noch erweisen. Während Pfeffer auf die vielen Fans verweist, die nach zwei Jahren ohne Live-Erlebnisse »schon Entzugserscheinungen« hätten, macht sich Bahl Sorgen um die »Langzeitschäden«, die er auf psychologischer Ebene befürchtet. Neben dem Klientel, das für Konzerte brennt, gäbe es eben auch andere, die gerne ab und an einen schönen Abend mit Musik verbringen. Nun haben sie sich an die Abstände gewöhnt, an Fernsehcouch und Bequemlichkeit. »Das ist ein Punkt, der uns zu denken gibt. Hat die Pandemie Auswirkungen auf die Bereitschaft, wieder mehr rauszugehen? Haben wir diese Leute vielleicht an die Streaminglandschaften verloren?«

Und noch ein Problem gelte es mittelfristig zu lösen: den Personalmangel. »Viele sind uns verloren gegangen, haben während des Lockdowns andere Jobs gefunden«, sagt Produktionsleiter Pfeffer. Auf rund 25 Prozent schätzt er den Aderlass. Das treibe auch die Kosten für die Infrastruktur in die Höhe, weil sie entweder »nicht verfügbar oder unsagbar teuer ist«, wie Bahl erklärt. »Dann noch die Energiekosten, der Mindestlohn.« Für 2023 prognostiziert er daher, dass die Konzertpreise klettern werden.

Gleichzeitig betonen die Veranstalter wie ihr Partner, Schiffenberg-Gastronom Markus Urich, dass ihr Publikum in diesem Jahr auf jeden Fall das bekannte Angebot auf dem Gelände vorfinden werde. Und das dank lokaler Sponsoren und Förderer zu moderaten Preisen. »Hier steckt ein eingespieltes Team dahinter. Und unser Gastropersonal haben wir halten können«, sagt Urich. Zudem setzt er darauf, dass die Konzerte draußen stattfinden. »Den Trend merken wir auch am Kiosk. Die Leute finden das toll und fühlen sich sicher.«

Schwärmen von der Atmosphäre

Pfeffer ergänzt: »Das Gelände ist groß. Es gibt Bereiche weiter hinten, in denen man sich nicht zu nah kommt und immer noch einen super Blick und eine tolle Akustik hat.« Das mache dieses Gelände aus.« Bahl betont, dass Sicherheit oberstes Gebot sei. »Das ist unser Baby, unser Produkt, das wollen wir nicht gefährden.« Daher lehne man auch Bands ab, die auf dem Schiffenberg spielen wollen und ihn ganz sicher füllen würden, die aber nicht zum Konzept der Reihe passten.

Über den Zuspruch der Künstler müssten sie sich sowieso nicht sorgen, betonen die Veranstalter. Johannes Oerding etwa spiele in Gießen vor knapp 5000 Leuten, in der Frankfurter Festhalle aber vor 11000. »Und so viele Karten hätten wir auch hier verkaufen können.« Mit den Erlösen anderer Standorte könne man zwar nicht mithalten, dafür seien die Bühne und das Ambiente einzigartig. Oerding etwa sei gekommen, weil sein Kollege Gregor Meyle zu ihm gesagt habe: »Du musst hier spielen«, erzählt Pfeffer. Die deutschen Musiker würden sich untereinander absprechen und den Ort gegenseitig empfehlen. Und auch immer mehr internationale Künstler würden auf den Schiffenberg aufmerksam und fragten an, ob sie vorbeikommen dürfen.

»Wir haben ein tolles Catering, den schönen Backstage-Bereich, eine familiäre Atmosphäre. Und vor allem: Guck dir mal diese Kulisse an. Das macht es einmalig. Wir wollen das hier noch viele, viele Jahre machen«, schwärmt Dennis Bahl.

Bislang 14 Termine sind bislang beim Gießener Kultursommer 2022 bestätigt. Dazu zählen auch sieben Konzerte, die im vergangenen Jahr gestrichen und um ein Jahr verschoben wurden. Los geht es mit der deutschen Metalband »Blind Guardian« (19. August), es endet mit dem Schweizer DJ Bobo und seinen »Greatest Hits«. Dazwischen kommen so unterschiedliche Künstler wie Adel Tawil, Wincent Weiss, Sido, Jan Delay, Santiano, Silbermond, Broilers, Hammerfall, Johannes Oerding, Alvaro Soler, Ben Zucker und The BossHoss. Infos und Tickets gibt es über die Homepage der Veranstalter: www.giessener kultursommer.de/. (bj)

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