Freizeit

»Gurkentruppe« weiht »Pumptrack«-Anlage ein

Alle, die in Gießen auf Rollen und Rädern unterwegs sind, können ab sofort im Stadtpark Wieseckaue die neue »Pumptrack«-Anlage nutzen. Die »Gurkentruppe« macht den Anfang.

Gießen. Ein gut Dutzend Jungs im Teenageralter stehen am Sonntagvormittag ungeduldig mit ihren Mountainbikes auf dem Startbahnhügel des neuen »Pumptracks« im Stadtpark Wieseckaue. Sie harren der unmittelbar bevorstehenden Eröffnung der Anlage, die in der näheren und weiteren Umgebung ihresgleichen sucht.

Was ein Pumptrack ist, konnten bislang wohl nur Insider erklären. Es handelt sich um eine Rollsportanlage mit einer speziell gestalteten Mountainbike-Strecke auf einem geschlossenen Rundkurs. Dazu zählen unterschiedlich hohe Bodenwellen und Steilkurven sowie Sprünge. All das in verschiedenen Schwierigkeitsgraden. Ziel ist es, ohne in die Pedale zu treten, den Rundkurs durch Hochdrücken des Körpers zu bewältigen.

Der Begriff »Pumptrack« kommt aus dem Englischen und beschreibt mit »Pump« das Be- und Entlasten des Sportgerätes beim Befahren der Wellen. »Track« ist die Strecke, die zu meistern ist. Das »Pumpen« funktioniert mit vielen Sportgeräten: Mit einem Skateboard, Longboard, Scooter (Stunt-Roller) oder Inlineskates. Selbst mit dem Laufrad können Kleinkinder ihre motorischen Fähigkeiten auf dem Kids-Pumptrack trainieren.

225 Meter Länge

In einer Endlosschleife angelegt, gilt es, den großen Rundkurs zu meistern, ohne zu treten oder anzuschieben. Laut der Firma Radquartier aus dem bayrischen Gattendorf, das die hiesige Anlage als Generalunternehmen konzipiert und hergestellt hat, »überzeugt der »Pumptrack« durch seine hohe Sicherheit, da das fahrtechnische Können die maximale Geschwindigkeit vorgibt.« Deshalb gälten Anlagen dieser Art als sehr sicher und stünden auf gleicher Gefahreneinstufung wie Kinderspielplätze.

Eingebettet ist der neue Pumptrack in der Wieseckaue zwischen dem Skaterplatz, zwei Kinderspielplätzen, der Halfpipe und dem Vereinsheim von Blau-Weiß Gießen. Auf einer Fläche von 2500 Quadratmetern wurde hier eine vielseitig nutzbare Anlage gebaut. Ermöglicht durch das Landesförderprogramm »Hessenkasse« mit der Projektfinanzierung in Höhe von 410[000 Euro. Nur zehn Prozent der Summe musste die Stadt beisteuern. »Sonst hätten wir das nicht stemmen können«, betonen Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz und Stadträtin Gerda Weigel-Greilich bei der Eröffnung. Die Fertigstellung erfolgte nach nur wenigen Wochen Bauzeit. Am 18. Oktober rollten die Bagger an, vor einer Woche wurde der Rollrasen verlegt. 210 Tonnen Asphalt bedecken im Untergrund 3670 Tonnen Schotter.

Der Gießener »Pumptack« besteht aus zwei Bereichen. Der große Rundkurs hat eine Länge von 225 Metern. Zudem bietet der Kids-Pumptrack mit 40 Metern erste Rollsporterfahrungen für Kinder ab zwei Jahren. Die breiten Fahrbahnen erlauben eine sichere Nutzung von mehreren Fahrern gleichzeitig.

Trotz des spektakulären Neubaus wollte die Stadt aufgrund der Corona-Pandemie keine Vorberichterstattung der Presse, weil ansonsten eine »Massenveranstaltung« befürchtet worden war. So wurde laut Sportamtsleiter Tobias Erben auch auf die zunächst in Erwägung gezogene Einladung von BMX-Profi Lukas Knopf verzichtet, der als einer der größten Social-Media-Stars im deutschsprachigen Raum Millionen Follower aufweist. »Da wären Hundertschaften aus ganz Deutschland gekommen.«

Erben erzählt, dass er aus der Radsportszene angesprochen worden sei. »Erfahrung mit einer Dirtbike-Geschichte im Bereich des Waldsportes hatten wir bereits gemacht.« Der mit Erde modellierte Rundkurs sei allerdings sehr arbeitsintensiv im Erhalt gewesen. Angesichts der Möglichkeiten, die die »Hessenkasse« bot, habe er im Mai 2019 das Projekt der Oberbürgermeisterin vorgetragen, im Mai darauf sei es auf die Liste gesetzt worden. Schon im Sommer darauf habe es den Zuschlag bekommen. In diesem Jahr habe dann die Zusammenarbeit mit der örtlichen Radsportszene, den beiden Hochschulen und Thomas Linnemann von der Bikeschool Liebigschule begonnen. Ein Planungsworkshop mit 18 Personen aus vielen Bereichen hat Anfang Oktober seine Arbeit beendet.

Viel Potenzial

Einige Wünsche und Erwartungen wurden allerdings bislang (noch) nicht erfüllt. So fehlt auch Profanes wie etwa Mülleimer. Prof. Alexander Jendorff und Helmut Appel, die Vorsitzenden vom angrenzenden Blau-Weiß Gießen, beklagen schon jetzt eine ständiger Vermüllung rund um ihr Vereinsheim.

Doch das Potenzial ist groß. Lio-Sportlehrer Linnemann erzählt von sechs weiterführenden Schulen in Gießen, die als Bikeschool eigene Fahrräder besitzen. »Diese Anlage wollen wir auch für den Schulsport nutzen. Ich verspreche mir davon ganz, ganz viel.« Auch eine bessere Verkehrssicherheit werde dadurch geübt.

Selbstironisch als »Gurkentruppe« bezeichnen sich die zur Eröffnung erschienenen Mountainbike-Jungs. Dass hier ein Pumptrack im Entstehen war, hatte sich wie ein Lauffeuer unter ihnen herumgesprochen. Seit einiger Zeit schon hätten sie die Anlage trotz Verbots befahren. »Wir haben die Frequenz der Polizeistreife beachtet«, berichten sie verschmitzt. Schon lange vor der symbolischen Freigabe haben sie sich auf dem Rundkurs ausgetobt. Jetzt loben sie ihn in höchsten Tönen. Der 13-jährige Josef freut sich, »dass nun hier das Fahren legal ist«. Julius, ebenfalls 13, sieht mit der Bahn eine Entzerrung der Konflikte, die es mit dem Andrang auf der danebenliegenden Skateanlage gegeben habe. Tilman (14) ganz begeistert: »Das ist hier was Besonderes. Das gibt’s nicht überall.« Yazan (13) findet es gut, »dass auch Benachteiligte wie Rollstuhlfahrer hier auf die Piste können«.

Das könnte Sie auch interessieren