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»Habe das Gefühl, da kommt noch was«

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Steht noch immer mit großem Enthusiasmus auf der Bühne: der seit heute 80 Jahre alte Fredrik Vahle. Foto: Paul Alexander Probst, Evolair © Paul Alexander Probst, Evolair

Heute wird der in Lollar lebende Kinderliedermacher Fredrik Vahle 80 Jahre alt - und legt ein Album mit seinen »Lebensliedern« vor.

Lollar. Generationen von Kindern sind mit seinen Liedern aufgewachsen. Zu »Anne Kaffeekanne«, »Der Cowboy Jim aus Texas« oder »Der Hase Augustin« hat wohl nahezu jeder umgehend eine Melodie im Kopf. Am heutigen Freitag wird Fredrik Vahle 80 Jahre alt. Von Bühnenmüdigkeit ist bei dem bemerkenswert agil wirkenden Mann mit dem langen weißen Haar aber kaum eine Spur. Und auch neue Projekte hat Vahle schon im Kopf. Wenngleich sich sein Lebenskreis nun langsam zu schließen beginnt, wie er im Gespräch mit dem Anzeiger sagt.

Musik macht er noch immer regelmäßig, auf der Bühne wie für sich alleine. Gerade erst war er wieder im Wald nahe seines Hauses in dem idyllischen Lollarer Ortsteil Salzböden unterwegs. Mit der Flöte, mit der Vahle ebenso regelmäßig übt wie mit der Gitarre. Mal stellt er sich bei seinen Streifzügen dazu in eine Bahnunterführung, »weil es dort so eine schöne Akustik gibt, für die man keine Verstärker braucht«. Oder er musiziert bei seinen Streifzügen vor Schafen oder Kühen. Vor allem aber spielt Fredrik Vahle noch immer regelmäßig vor Kindern. Bei einem Festival in Mainz etwa, bei dem er zusammen mit Gießens Ex-Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz auf der Bühne stand, waren es vor wenigen Tagen 600 Besucher: viele kleine, aber auch manche große, die sich mit den wohlbekannten Tönen an die eigene Kindheit erinnern.

Denn Fredrik Vahle, als Sohn eines Künstlerehepaares 1942 in Stendal geboren, später in Darmstadt aufgewachsen, stand bereits als Gießener Student erstmals öffentlich auf der Bühne. Mit seinem Kommilitonen Ulrich Freise spielte das Liedermacherduo Duo Uli und Fredrik zunächst für Erwachsene. Stücke mit Texten von Heinrich Heine, Bertolt Brecht sowie erste eigene Lieder. »In Gießen waren wir damit relativ bekannt«, erinnert er sich.

Während der Arbeit an seinem Examen lernte der junge Mann dann die Marburger Studentin Christiane Knauf kennen. Die beiden zogen mit drei weiteren Mitbewohnern in eine Wohngemeinschaft in Salzböden - »das lag genau zwischen Gießen und Marburg« - dort lebt Vahle bis heute. Die ersten Lieder für Kinder spielten die beiden dann in einer nahen Schule für Lernbehinderte. Dort wurden Gruppenleiter gesucht und das Duo widmete sich seinen neuen Schützlingen mit Musik. »Die alten Kinderlieder erschienen uns zu kindisch. Neue Popmusik konnte man schlecht nachsingen«, erzählt Vahle. Und so suchten er und seine Partnerin nach Stücken zum Mitsingen, aber auch nach Themen, die ihre Schüler selbst betreffen.

Mit der »Rübe« ging es los

So entstand 1973 auch das Album »Die Rübe«, das sich sofort zu einem großen Erfolg entwickelte. »Wir wollten keinen platten Agit-Prop für Kinder machen, sondern sie im Herzen erreichen. Dazu wählten wir tradierte Stoffe, alte Märchen aus verschiedenen Kulturen« und übersetzten sie auf eigene Weise.« Die »Rübe« etwa hat Vorlagen aus China und Russland. So traten er und Christiane Knecht fortan regelmäßig auf, in Kindergärten, Buchhandlungen und auf Festivals im In- und Ausland. Die Musik führte Vahle auch um die ganze Welt. Er spielte in Indien, in Neuseeland, in Russland oder Nicaragua.

Und er schlug einen neuen Ton an. »Ich habe mich stark an großen US-Folksängern orientiert, Woody Guthrie, Pete Seeger, die haben auch Kinderlieder geschrieben.« Vahle hat deren Songs übersetzt und »in ihrem Geist weitergeschrieben«. Nicht, um sich von anderen Liedermachern zu unterscheiden, »sondern einfach aus der Begeisterung heraus, weil mich das selbst interessiert hat«.

So entstand auch »Anne Kaffeekanne«, der wohl bekannteste Song des seit heute 80-Jährigen. Dafür griff er auf eine spanische Melodie zurück, war aber zunächst selbst nicht restlos vom Ergebnis überzeugt. »Ich dachte erst, so richtig gut ist das Lied nicht«, lacht er. »Aber die Kinder waren gegenteiliger Meinung.«

Der neue Ton stieß damals allerdings nicht nur auf Begeisterung. In den stark politisierten 70er Jahren gab es auch Widerstände gegen seine Auftritte, manch konservative Eltern vermuteten in ihm einen linken Revoluzzer, der ihren Nachwuchs agitieren wollte. So erhielt er teils Briefe mit »hanebüchenen Drohungen«, eine damalige Form des Shit-Storms. Doch die Rübe war ein Erfolg weit über das linke Lager hinaus. »Weil sie sich mit allgemeingültigen Themen befasst«, ist Vahle überzeugt, während über viele politische Lieder - auch meine« - die Zeit hinweggegangen ist.

Doch Fredrik Vahle war nicht allein auf die Laufbahn als Musiker beschränkt. Er schrieb eine Dorfchronik seiner Wahlheimat Salzböden, promovierte mit einer soziolinguistischen Arbeit und habilitierte sich schließlich mit dem Thema Kindersprache und Kinderlieder. So entstanden zahlreiche Projekte nebeneinander, die Auftritte vor Publikum und die Arbeit an der Universität befruchteten sich gegenseitig.

Den Draht zum jungen Publikum hat der kinderlos gebliebene Künstler dabei immer leicht gefunden, wie er erzählt. Auf seinen Reisen etwa waren sie die ersten, mit denen er - vor allem dank seiner Gitarre - in Kontakt kam. Und es »ist das Publikum, mit dem ich immer am besten arbeiten konnte«. Kinder sind für den Musiker »lebendiger, spontaner, neugieriger, offener, aber auch kritischer - das zeigen sie sofort an ihrer Körperhaltung.«

Doch haben sie sich, hat sich seine Ansprache in diesen 50 Bühnenjahren nicht verändert? Der Zugang sei eigentlich immer gleich geblieben, lautet seine Antwort. Allerdings waren seine Konzerte früher eher Liedvorträge, heute dagegen sind es eher Klangexperimente, auch Aufmerksamkeitsübungen, zu denen er Geschichten erzählt. »Eine musikalische Spielwiese mit nachdenklichen Momenten«, nennt er das Konzept. »Und immer auch ein Experiment: klappt es oder klappt es nicht«.

Auch in diesem Jahr wird er noch einige Konzerte spielen. Auch wenn er den Radius lieber etwas enger zieht als früher. »Ich genieße lieber die Abenteuer rundherum«. Dazu zählten während der intensivsten Corona-Phase etwa Ausflüge in den nahen Wald, in den er - mit dem nötigen Abstand - kleine Sessions für Schulkinder spielte, die ihn über die Klänge suchen und finden mussten. Oder seine regelmäßigen Balkonkonzerte, die er mittwochs und sonntags von seinem Haus auf einer Anhöhe aus über das Dorf schickt. »In Salzböden pfeift entweder der Wind - oder der Fritz. So hat es einmal ein Nachbar formuliert.

Zuletzt gab es die »Lebenslieder«

Sein 80. Geburtstag ist nun eine wichtige Wegmarke für den Musiker, »weil ich mich darauf besinnen muss, dass jetzt die letzte Phase meines Lebens gekommen ist«. Wichtig sind ihm daher auch die »Lebenslieder« (Argon Verlag), sein aktuelles Album, auf dem er die eigene Biografie in den Mittelpunkt stellt. Vom Aufbruch der Jugendjahre bis in Jetztzeit kreisen die Stücke, die mal heiter und gewitzt, mal nachdenklich und tiefgründig sind. Und er bereitet sich langsam auf »die letzte Lebensreise vor: Wie haben die Menschen früherer Jahrtausende das gehandhabt mit dem Irdischen und den Nachirdischen?« Vahle ist sich sicher: Es geht auf eine Weise weiter, die sich unserer unmittelbaren Wahrnehmung entzieht. Ich habe das Gefühl, da kommt noch was.« Das können auch musikalische Projekte sein: ein Album mit religiösen Liedern und eins mit Kinderballaden - das würde Fredrik Vahle gerne noch verwirklichen.

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