Hart und wahr

Der Fall der Gießener Allgemeinmedizinerin und Frauenrechtlerin Kristina Hänel landete dieser Tage einmal mehr in den Schlagzeilen. Denn nachdem bekannt wurde, dass der im neuen Koalitionsvertrag der Paragraf 219a Strafgesetzbuch - das Werbeverbot für Schwangerschaftsabbrüche - gestrichen werden soll, äußerte manch ein Konservativer wie der CSU-Politiker Alexander Dobrindt »sehr große Sorge, was das für die Zukunft bedeutet«.

Ihm und allen anderen, die sich mit diesem Thema beschäftigen, sei das schmale neue Buch der Französin Annie Ernaux empfohlen. Wobei es tatsächlich bereits vor 20 Jahren im Original erschienen ist und erst jetzt auch endlich in deutscher Übersetzung vorliegt - offenbart es doch leider eine zeitlose Aktualität. Man muss dazu nur einen Blick nach Polen oder Texas werfen.

Wie stets macht die Schriftstellerin ihr eigenes Leben auf reflexive Weise zum künstlerischen Material für die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Phänomenen. In diesem Fall ist es ihr Schwangerschaftsabbruch. Ernaux geht dabei zurück in das Vor-Pille-Jahr 1963. Die junge Studentin wird ungewollt schwanger, von einem Mann, mit dem sie nicht mehr zusammenlebt und mit dem sie kaum mehr etwas verbindet. Nun steht die Existenz der in einfachen Verhältnissen aufgewachsenen jungen Frau auf dem Spiel. Denn als uneheliche Mutter müsste sie in den 1960ern womöglich ihr Studium abbrechen, das ihr doch den Weg aus den beengenden Verhältnissen ihres Elternhauses befreien soll.

So versucht sie, verschiedene Ärzte für einen Schwangerschaftsabbruch zu gewinnen. Vergeblich, die junge Frau ist gänzlich auf sich allein gestellt. So landet sie in ihrer Verzweiflung schließlich bei einer Pariser »Engelmacherin«, die in ihrer eigenen Wohnung für »das Ereignis« sorgt -- und sie in Lebensgefahr bringt.

Annie Ernaux schreibt davon in einer harten, klaren Sprache. Und erzeugt mit diesem Ton eine besondere Tiefenschärfe, die eine unglaublichen Verlogenheit und Heuchelei der Gesellschaft in den 60ern offenbart. Die mittlerweile 81-jährige Schriftstellerin macht es sich dabei nicht einfach. Sie ergeht sich nicht in Sentimentalität oder gar Selbstmitleid. Gleichzeitig ist allein die Szene im Pariser Hinterzimmer von solcher schonungslosen Härte, dass sich jeder (Mann) davor hüten sollte, mit selbstgerechten Kommentaren über Frauen in solchen Notlagen zu urteilen.

Annie Ernaux: Das Ereignis. 104 Seiten. 18 Euro. Suhrkamp.

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