1. Startseite
  2. Stadt Gießen

Harte Sanktionen drohen

Erstellt:

giloka_1404_jcs_Hunde_15_4c
Neben dem Artenschutz ist auch die starke Verunreinigung der Wiesen mit Hundekot für die Futtermittelgewinnung durch die Landwirte ein großes Problem. © Schäfer

Die Wieseckaue in Gießen ist ein europäisches Schutzgebiet und ein Lebensraum für viele seltene Tiere und Pflanzen. Daher wird künftig stärker überwacht, dass Hunde angeleint sind.

Gießen . Die Hunde-Anleinpflicht beim Gassigehen im nordöstlichen Teil der Wieseckaue sollte ab sofort im besonderen Maße befolgt werden. Denn sie wird strikt überwacht werden. Die Anleinzone beginnt ab dem Weg zwischen Kantstraße und Waldbrunnenweg und führt nach Nordosten bis über den Segelflugplatz hinaus.

»Hier haben Natur, Flora und Fauna absoluten Vorrang. Im Gegensatz zum Stadtpark, der den Menschen zur Entspannung und Erholung dienen soll«, meint Umweltdezernentin Gerda Weigel-Greilich. Mit ihr sind an diesen beschriebenen Weg Gerd Hasselbach vom städtischen Amt für Umwelt und Natur sowie Carsten Trittin von der Ordnungspolizei erschienen. Der Presse soll an dieser Grenzlinie erläutert werden, wieso die Anleinpflicht gerade jetzt und in den nächsten sechs Wochen so wichtig ist und dass in diesem Zeitraum besonders strikt kontrolliert werden wird.

Trittin spricht für seine Kollegen der Ordnungspolizei: »Wir wollen mit den Leuten ins Gespräch kommen und bei ihnen Verständnis finden.« Unbelehrbare drohen Sanktionen in Form von Verwarnungs- und Bußgeldern. »Da können dann schon mal 20 bis 100 Euro fällig werden.«

Hinweisschilder

Wieso gerade jetzt das Pressegespräch? Wieso gerade jetzt die Hundebesitzer sensibilisieren? Dafür gibt es eine einfache Erklärung. Ab Mitte des Monats April beginnen wieder die Bodenbrüter mit dem Ausbrüten ihrer gelegten Eier. Als Bodenbrüter werden in der Ornithologie (Vogelkunde) die Arten bezeichnet, die ihre Nester am Erdboden anlegen. Meist sind sie sehr versteckt. Die Eier häufig in Tarnfarbe. »Hier brüten und rasten viele Vögel« heißt es auf 14 Schildern, die im Fauna-, Flora-, Habitat-Gebiet (FFH) in der nordöstlichen Wieseckaue aufgestellt sind - von der Oberen Naturschutzbehörde, angesiedelt beim Regierungspräsidium Mittelhessen.

Die Wieseckaue ist ein europäisches Schutzgebiet. Es ist ein offener Auenraum, der sich von Gießen entlang der Wieseck Richtung Trohe und Rödgen erstreckt. Sein besonderer Reiz liegt in den großflächigen, blütenreichen, bunten Wiesen. Zahlreiche gefährdete Tier- und Pflanzenarten haben sich dort bis heute erhalten. Aufgrund der extensiven landwirtschaftlichen Nutzung mit Kuh- und Schafbeweidung konnte sich ein Mosaik aus vielen verschiedenen Wiesengesellschaften entwickeln, die Lebensraum für viele Tiere und Pflanzen von europaweiter Bedeutung sind. Dazu gehören auch Flachlandmähwiesen, die seit 1. März durch das Bundesnaturschutzgesetz besonders geschützt sind. Die »Wieseckaue östlich Gießen« ist als FFH-Gebiet und als Vogelschutzgebiet ausgewiesen. Zu den Tieren, die europaweit gefährdet sind, zählen auch zwei Schmetterlingsarten, der Helle und der Dunkle Ameisenbläuling. Sie leben in den Wiesenbereichen, die abwechselnd feuchte und frische Bodenverhältnisse aufweisen.

Hier wächst der Große Wiesenkopf, in den sie ihre Eier ablegen. Von herausragender Bedeutung ist dieser Lebensraum auch für den stark gefährdeten Wachtelkönig, der in der Wieseckaue mehrere Jahre nicht mehr gebrütet hat. Der Vogel gehört zu den sogenannten Wiesenbrütern, die ihre Eier auf dem Boden in den Wiesen ausbrüten. Typisch für den Wachtelkönig ist, dass er nur unregelmäßig erscheint und nicht unbedingt jedes Jahr wiederkommt. Für Weigel-Greilich wäre vieles »sicherlich besser, gäbe es keine Hundebesitzer, die ihre Hunde frei in der Wieseckaue laufen lassen. Und keine Spaziergänger, die querfeldein durch die Wiesen marschieren.« Die Stadträtin sieht darin den Hauptgrund für das Fernbleiben von Auen-typischen Brütern. So hätten auch andere Wiesenbrüter wie Kiebitz und Braunkehlchen die Wieseckaue gemieden. »Bereits eine einmalige Störung kann zum Verlust der Eier und der Jungen führen.«

Enge Abstimmung

Was wurde in den letzten Jahren schon alles an verschiedenen Maßnahmen zum Schutz und Erhaltung der Vögel im Vogelschutzgebiet durchgeführt. An vielen Wegen Hinweisschilder für Hundehalter und Infotafeln über das Gebiet. Auch wurde ein Hundespielplatz angelegt. Als Barriere für den direkten Eingang vom Weg am Beginn des FFH-Gebietes wurde als größere Maßnahme die Oberlache in Höhe der Kantstraße umgeleitet und als natürliche Teichbarriere für den direkten Eingang in das Gebiet ausgestaltet. Schlussendlich war dies nicht erfolgreich, weil viele Hundebesitzer hinter dem Teich in die Landschaft hineingingen.

Deswegen wurde die angrenzende Fläche umfangreich und kostenintensiv eingezäunt. Nun können die Spaziergänger sich zwar über Rinder fast mitten in der Stadt erfreuen. Doch diese Vergrämungsmaßnahme führte zu neuen Schlupflöchern. Nun wurde weiter hinten in das Gebiet hineingelaufen. Auch der Versuch, einen extra Hunde-Weg mit beiderseitigen Grassäumen anzulegen, führte nicht zum gewünschten Erfolg.

In dieser Setz- und Brutsaison der Bodenbrüter soll es den Uneinsichtigen ab Ostern so richtig an den Kragen gehen. Dies werde Spaziergänger betreffen, die das Gebiet betreten, als auch Besitzer von Hunden, die an sehr langen Leinen geführt werden. »Das Ordnungsamt und das Umweltamt werden sich dazu eng abstimmen«, bemerkt die Umweltdezernentin. Die Aktion werde auch von der Oberen Naturschutzbehörde und dem Ortsbeirat Wieseck unterstützt.

Auch interessant