1. Startseite
  2. Stadt Gießen

Harte Zimmermannsarbeit

Erstellt:

Von: Hans Bahmer

giloka_2910_holzbieneDSC_4c
Trinken und Bestäuben: Die Blauschwarze Holzbiene ist sowohl im Stadtzentrum als auch im Umland an den verschiedensten Blütenpflanzen zu beobachten. Foto: Larve © Larve

Die Weibchen der Blauschwarzen Holzbiene nagen Nester für den Nachwuchs. Das imposante Insekt hat sich über Jahre nach Norden ausgebreitet und ist längst auch in Gießen heimisch.

Gießen (red).Streifte die Blauschwarze Holzbiene (Xylocopa violacea) lange Zeit nur durch die klimabegünstigten Flusstäler Deutschlands, hat sie sich in den letzten 30 Jahren nach Norden und Nordosten ausgebreitet, was wahrscheinlich durch aktuelle Klimaveränderungen gefördert wurde. Selbst in der Bundeshauptstadt Berlin ist die synanthrope Holzbiene schon gesichtet worden, auch in Gießen ist sie seit vielen Jahren zuhause. Für das Jahr 2022 wurde dieses Insekt von der Heinz Sielmann Stiftung zum »Gartentier des Jahres« gewählt.

Gerade im Siedlungsbereich löst die größte einheimische Wildbiene wegen ihres wuchtigen Körpers, ihrer düsteren Farbe und gefährlich klingender Fluggeräusche bei unkundigen Zeitgenossen immer wieder Angst und Schrecken aus. Der berühmte französische Naturforscher Jean Henri Fabre schreibt von einem »furchteinflößenden großen Insekt«. Als Mitglied der Stechimmen können die Weibchen selbstverständlich stechen. Und ausländische Arten sollen das auch ganz ordentlich machen. Die einheimischen Arten aber verhalten sich dem Menschen gegenüber als geradezu vorbildlich pazifistisch. Rangeleien gibt es schon einmal zwischen den Männchen, wenn ihnen bei der Suche nach einer Bienenbraut am blühenden Kirschbaum ein Konkurrent in die Quere kommt. Aggressiv werden die Weibchen allenfalls gegenüber anderen Artgenossinnen, wenn es um die Verteidigung der Nester geht. Das ist auch nachvollziehbar, werden die Nester doch mühsam von den Weibchen mit ihren kräftigen Kiefern gegen Ende April in das Holz genagt. Wenn auch mehr oder weniger mürbes Baummaterial genutzt wird, ist es immer noch eine ordentliche Schufterei, die da vollbracht werden muss.

Brutzellen

Diese Zimmermannsarbeiten bedingen die im Deutschen gebräuchlichen Namen Holzbienen und Holzschneiderbienen. Diese holzbearbeitende Fähigkeit steckt ebenso im Gattungsnamen Xylocopa (gr. xylon: Holz, gr. copa: Messer, Schwert). In einem bis zu elf Zentimeter langen Gang befinden sich hintereinander liegende Brutzellen, die voneinander durch Wände aus abgeschabtem, mit Drüsensekret vermischtem Holzpulver abgetrennt sind. In diese Natur-Spanplatten müssen später von den Bienen der neuen Generation Löcher genagt werden, um an das Tageslicht zu gelangen. Die Öffnung des Gangsystems nach außen bleibt unverschlossen.

Die überwinterten und unverpaarten Tiere machen im Frühling Hochzeit. Die Männchen unterscheiden sich deutlich von den Weibchen durch eine grau behaarte Thoraxoberseite und s-förmig gebogenen Fühlerspitzen mit einem orangefarbenen Ring. Den Futterpollen für die Larven sammeln die polylektischen Tiere an Blütenpflanzen aus mindestens elf Pflanzenfamilien. Blüten aus den Familien der Schmetterlingsblütler und Lippenblütler scheinen sie besonders gern zu mögen. Insgesamt wurden diese Wildbienen an 742 Pflanzenarten beobachtet, die ihnen zur Versorgung mit Nektar oder Pollen dienen. Zum Transport des Blütenstaubes nutzt diese Wildbiene zwei Verfahren. Pollen, der an den Vorderbeinen haftet, wird mit einer Art Kamm der Mundwerkzeuge aufgenommen, verschluckt, im Kropf zum Nest gebracht und dort wieder ausgespuckt. Der Kropf als Transportspeicher gilt als ursprüngliches Merkmal. Zusätzlich wird der Pollen auch über die Hinterbeine in die Brutzellen geschafft, was leicht zu erkennen ist, wenn man die Tiere an den Blüten beobachtet. Durch das Sammeln von Pollen betätigen sich die Holzbienen so ganz nebenbei noch als Bestäuber ihrer bevorzugten Blütenpflanzen. Der eiweißreiche Blütenstaub dient den Larven in den Brutzellen als Futter. Wenn die neue Bienengeneration im Spätsommer ihre Brutkammern verlässt, dann kann sie tatsächlich noch ihrer Mutter begegnen, die sich nämlich das Nest noch bis zu ihrem eigenen Ende mit dem frisch geschlüpften Nachwuchs teilt. Holzbienen zeichnen sich also durch eine rechte lange Lebensspanne aus.

Nisthilfe

Stand die Blauschwarze Holzbiene 1998 in Deutschland auf der Vorwarnliste gilt sie inzwischen als ungefährdet. Trotzdem lohnt es sich allein schon wegen der Beobachtungsmöglichkeiten die polylektische Art durch ein vielfältiges Blütenangebot zu unterstützen. Genauso wichtig aber ist die Schaffung geeigneter Nistmöglichkeiten. Mürbes Laubholz an sonnigen Stellen deponiert, sind eine große Hilfe. Mit vorgebohrten Löchern im Durchmesser 12 bis 14mm wird die Attraktivität noch größer. Denn diese Wildbiene versucht sich das Leben nach Möglichkeit leicht zu machen, baut ihre Nester in weiche Baumpilze, Hartschaumstoffe oder in Südeuropa in die Stängel von Riesenfenchel oder Agaven.

Bereits Jean Henri Fabre machte sich zu seiner Zeit Gedanken darüber: »Aber kann der kräftige Zimmermann, der seine Müdigkeit nicht achtet, Glücksfälle nutzen? Nutzt er Behausungen, die er nicht selbst gebohrt hat?« Nachdem der Insektenforscher den »Brummis« Schilfrohre als Nisthilfen angeboten hatte, beantwortete er seine eigene Frage: »Aber ja: Ein kostenloses Logis behagt ihm.«

Auch interessant