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»Hast Du ein Problem mit mir?«

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Höchste Aggressivität: Die Polizei erklärt, wie man sich verhalten sollte, wenn es brenzlig wird. Symbolfoto: dpa © Red

Wer unvermittelt auf ein Gegenüber trifft, das gleich mit Schlägen droht, fühlt sich schnell verunsichert. Ein Beispiel aus Gießen - und Tipps der Polizei, wie man sich verhalten sollte.

Gießen . Mit Aggressionen, die Fremde (oder auch Bekannte) gegen einen richten, geht jeder anders um. Für einige bricht ob einer solchen Ausnahmesituation vielleicht sogar eine Welt zusammen, gefolgt von totaler Verunsicherung, schlaflosen Nächten und Hilflosigkeit; andere suchen ihrerseits die Offensive und die direkte Konfrontation. Meist bewegt sich der Umgang damit wohl irgendwo in dem Spannungsfeld dazwischen - was sicher auch davon abhängt, wie brenzlig es in dem jeweiligen Moment tatsächlich wird. Unfreiwillig ist ein Anzeiger-Mitarbeiter nun selbst in eine eher unerfreuliche Auseinandersetzung geraten. Geblieben ist zumindest ein diffuses mulmiges Gefühl. Und weil möglicherweise andere Menschen Ähnliches erleben, hat die Redaktion beim Polizeipräsidium Mittelhessen nachgefragt, wie man sich währenddessen und danach verhalten sollte. Pressesprecher Guido Rehr gibt Antworten.

Was war passiert? Zugetragen hat sich die Geschichte am vergangenen Samstagnachmittag auf dem Parkplatz eines Supermarktes in Gießen, den der Mitarbeiter nach dem Einkauf mit seinem Pkw verlassen wollte. Es gilt dort rechts vor links, demnach wäre er vorfahrtsberechtigt gewesen. Einen anderen Autofahrer hat das allerdings wenig interessiert. Also wollte der Mitarbeiter etwas nachdrücklicher darauf aufmerksam machen und betätigte, vor einem Zusammenstoß warnend, die Hupe. Offenbar eine Provokation! Der Kontrahent - natürlich ein Mann - öffnete das Fenster der Beifahrerseite, auf der noch eine Frau saß, der Mitarbeiter fuhr seinerseits die Scheibe auf der Fahrerseite herunter und versuchte gestikulierend und verbal zu erklären, eigentlich Vorfahrt zu haben. Keine Chance und keine Einsicht! Stattdessen von der ersten Sekunde an höchste Aggressivität. Lautstark schrie das Gegenüber wiederholt, ob der Mitarbeiter ein Problem mit ihm habe und was er von ihm wolle. Und dann gab der Wüterich noch drohend zu verstehen, wenn nicht sofort die Fensterscheibe geschlossen werde, steige er aus, komme zu ihm und schlage ihm »den Arsch voll«. Nicht wissend, wozu der »gute« Herr wirklich fähig sein würde, hat er das getan und beide fuhren weiter.

Wie sollte man sich in einer solchen Situation unmittelbar verhalten?

Die Polizei empfiehlt, ruhig zu bleiben, wenn nötig sofort Abstand zu dem Aggressor herzustellen und nicht weiter in den Konflikt zu gehen. Die Person sollte sich gut eingeprägt werden, um sie der Polizei beschreiben und später wiedererkennen zu können. Dabei sind markante körperliche Merkmale oder Kleidungsstücke sehr hilfreich. Bei einem Autofahrer ist es wichtig, sich das Kennzeichen zu notieren. Zudem sollten Passanten angesprochen werden, ob sie den Sachverhalt beobachtet haben.

Gibt es eine Art Schwelle, ab wann man auf jeden Fall reagieren und Anzeige erstatten sollte?

Entscheidend ist die Betrachtung des Einzelfalls. Eine Schwelle ist sehr schwer zu definieren, sie ist stark von der persönlichen Wahrnehmung und Betroffenheit sowie von der jeweiligen Intensität der Situation abhängig und muss von den Betroffenen selbst festgelegt werden. Im Zweifel rate ich, die Polizei zu informieren.

Welche Straftatbestände liegen hier in Regel vor?

Durch das Verhalten des Aggressors könnten die Straftatbestände der Nötigung, Beleidigung und eventuell auch der Bedrohung erfüllt sein. Bei sogenannten Offizialklagedelikten ist die Polizei verpflichtet, diese Straftaten zu verfolgen, sobald sie davon Kenntnis erlangt. Bei Antragsdelikten kann die Verfolgung von einem Strafantrag des Opfers abhängig gemacht werden.

Welche Nachweise werden von jemandem erwartet, der sich an die Polizei wendet? Und ist derjenige, der keine oder weniger Zeugen beibringen kann, automatisch im Nachteil?

Prinzipiell sind wir bei diesen Fällen auf Zeugenaussagen angewiesen. Zeuge ist neben dem Opfer jeder, unabhängig davon, wie viel von der jeweiligen Situation wahrgenommen wurde. Somit existieren auch keine Mindestanforderungen an einen Zeugen. Die Beobachtungen müssen vollständig und wahrheitsgemäß wiedergegeben werden. Ein Aufrechnen von Zeugen gibt es nicht.

Wie ist das weitere Vorgehen der Polizei?

An die Anzeigeerstattung mit Zeugenaussage schließen sich die Ermittlungen zur Identität des Beschuldigten an. Dafür sind die Hinweise der Zeugen von Bedeutung. Wird der Täter ermittelt, bekommt er im Rahmen der polizeilichen Maßnahmen die Gelegenheit, sich zu dem Vorwurf zu äußern oder sich über einen Rechtsbeistand vertreten zu lassen. Außerdem steht ihm das Auskunftsverweigerungsrecht zu. Die polizeilichen Ermittlungen werden letztlich an die zuständige Staatsanwaltschaft übersandt, die über den weiteren Verlauf des Verfahrens entscheidet.

Möglich ist aber auch, dass jemand vor einer Anzeige zurückschreckt - aus Sorge, von dem Kontrahenten bei anderer Gelegenheit richtig Ärger zu bekommen, dass derjenige einem zum Beispiel irgendwo auflauert...

Grundsätzlich empfehlen wir, den Sachverhalt bei der Polizei anzuzeigen. In der Regel sind die Täter von den polizeilichen Ermittlungen beeindruckt, da sie dadurch aus der Anonymität gerissen werden. Darüber hinaus können, bei entsprechenden Drohungen, mit den Tätern Gefährderansprachen durchgeführt werden.

Inwieweit erfährt der mutmaßliche Täter, wer ihn angezeigt hat?

Bei der Zeugenvernehmung müssen Angaben zum Namen und zur Adresse gemacht werden. In Ausnahmefällen - bei besonders hoher Gefährdung - kann von dem Grundsatz abgewichen werden. In diesen Fällen findet eine enge Absprache mit der Staatsanwaltschaft statt.

Eine andere Situation, die auch häufig erlebt wird: Im Straßenverkehr wird jemand von einem anderen Verkehrsteilnehmer durch aggressives Verhalten (Lichthupe, dichtes Auffahren etc.) massiv bedrängt. Oft denkt man »Den zeige ich jetzt an«, lässt es dann aber doch auf sich beruhen. Wie ist das einzustufen?

Dieses Verhalten stellt zumeist eine Verkehrsordnungswidrigkeit dar, die nach dem bundeseinheitlichen Tatbestandskatalog geahndet wird. In extremen Fällen - bei deutlicher Unterschreitung des Mindestabstandes - erfüllen die Autofahrer den Straftatbestand der Nötigung (im Straßenverkehr). Dies muss in jedem Einzelfall geprüft werden.

Und was ist zu tun?

Opfer eines »Dränglers« sollten sich beim kurzen Blick in den Rückspiegel merken, welche Teile der Fahrzeugfront gegebenenfalls nicht mehr erkennbar sind (Kühlergrill, Kennzeichen, Motorhaube etc.). Denn dies lässt unter Umständen eine Einschätzung auf den Abstand zu. Wichtig sind ferner das Kennzeichen, eine Beschreibung des Fahrers und die genaue Örtlichkeit. Über die Halterdaten erfolgen unsererseits erste Ermittlungen im Hinblick auf den Fahrer oder die Fahrerin zur Tatzeit.

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