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Heilloses Geplapper

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Wir sind eine Gesellschaft der sich selbst bespiegelnden Selfie-Knipser - hier asiatische Touristen in der Schweiz. Foto: dpa © dpa

Dass Douglas Coupland, der 1991 mit »Generation X« den Roman der Postmoderne, des langsam sich heranschleichenden Internet-Zeitalters und einer völlig neuen Definition der Popkultur schrieb, Emily Segals Buch »Rückläufiger Merkur« als »nächsten historischen Sprung in der Literatur« definiert, mag mehr als ein Hinweis darauf sein, wo Segals Roman anzusiedeln ist.

In der mal New Economy, mal sinnleerer Kapitalismus genannten sogenannten Post-Post-Moderne, wo Arbeitszeit und Freizeit in eins fallen, Konsum als Sinnstiftung und Sinnstiftung als Konsum definiert wird und ein Logo und Branding jede Art weitreichender und also tiefgehender Kommunikationsformen als überholte Reliquien erscheinen lassen.

Eine Haltung namens Normcore

Die 1988 in New York geborene Segal hat dabei als Teil des Künstlerkollektivs K-Hole unter anderem den Begriff »Normcore« mitgepägt, der in ihrem sogenannten Roman, der doch mehr ein aus Stückwerk zusammengesetztes Produkt ist, eine entscheidende Rolle spielt. Normcore gilt als eine Haltung, die in einer immer mehr auf Individualisierung und Identität ausgerichteten Gesellschaft, deren Mitglieder sich nur noch selbst bespiegeln und als selfiesüchtige Egomanen durch die Welt laufen, Werte der Enfachheit propagiert.

So weit, so gut. Soziale Zugehörigkeit und Anpassungsfähigkeit, Normalität statt überbetonter Extravaganz, das ist Normcore. Der Begriff zog, kaum geprägt, rasch in die Welt der Mode ein, Unauffälligkeit ist dabei deren Merkmal. Nun ist nach der langen Vorrede noch nicht viel über den Roman gesagt, was vielleicht das Problem ist, das man mit diesem Roman haben kann als alter weißer Mann, der in dieser Ratlosigkeit sich aber eher als älterer weiser Leser sieht. Denn dass wir in einer nahezu unheilbaren Gegenwart leben, wird durch heilloses Geplapper darüber zwar abgebildet, aber die Frage ist: Wollen wir das wirklich lesen?

Und das ist nicht umsonst als Frage formuliert, denn die in 43 Kapitel aufgeteilten 220 Seiten weisen Passagen von höchster literarischer Qualität auf, nach deren Ende und eben der Ablösung durch ein Geplapper-Kapitel man sich fragt, warum die junge Autorin nicht einfach so weiter geschrieben hat wie zuvor? Das liegt in der Natur der Sache. Ein Roman über unsere Bildschirm-wisch-und-weg-Welt kann keine stringente Geschichte mehr erzählen, er muss die Zerstückelung spiegeln, schon klar. Aber dass Segal »die kulturellen Codes der Gegenwart« bestechend »klug entschlüssele«, wie der Klappentext sagt, hilft nicht weiter, wenn einen die Codes ebenso langweilen und anöden wie deren Entschlüsselung.

Zitat: »(...) und das Konzept der Vaterschaft selbst ist die Meme-Art, zu unterminieren und zu unterdetiminieren, indem man unterschiedliche Geschichte an einer einzigen Ursache festmacht, die einen Penis hat.« Echt jetzt? Wenn das Ironie ist (oder Entschlüsselung), mag man nicht wissen wollen, wie das ernst gemeint klingen würde. Im Übrigen: Das unvermeidliche »Meme«, es kommt ständig vor - sagt in jedem Zusammenhang alles und nichts. Wie im richtigen Leben. Emily Segal hat einen autofiktionalen Roman geschrieben über eine junge Frau, die in einer Werbeagentur arbeitet, sich ihrer Liebe und Beziehungen nicht sicher ist und sich im Umfeld dieses neokapitalistischen Gemetzels nicht wohlfühlt. Diesen Plot kennen wir von Michel Houellebecq seit über 30 Jahren in vielen Varianten - nur deutlich lesbarer.

Douglas Coupland ist Jahrgang 1961 und lobt den Roman. Vielleicht hat er es besser verstanden, weil er ähnlich tickt. Als alter weißer Mann. Meme. Und wen es sonst interessiert: Passagenweise lohnt sich die Lektüre.

Emily Segal: Rückläufiger Merkur. 220 Seiten. 22 Euro. Matthes & Seitz.

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