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Heimat von rund 8000 Pflanzenarten

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gihoch_1903_Botanischer__4c © Frank-Oliver Docter

Der Garten der Universität Gießen öffnet ab Sonntag wieder seine Pforten. Bei einem Rundgang zeigte der Technische Leiter Holger Laake, was sich in den vergangenen Monaten alles getan hat.

Gießen . Der Blick durch den Zaun vom Brandplatz in den Botanischen Garten hinein weckt bereits die Lust auf einen ausgedehnten Spaziergang durch das grüne Kleinod inmitten von Gießen. Überall macht sich hier der Frühling bemerkbar: Krokusse, Märzenbecher, Osterglocken oder Schneestolz sorgen für unzählige Farbtupfer. Am morgigen Sonntag hat das monatelange Warten auf Einlass ein Ende. Der vor 413 Jahren gegründete Garten der Justus-Liebig-Universität (JLU) öffnet endlich wieder seine Pforten. Die Neugier vieler Gießener und Bewunderer des Botanischen Gartens dürfte groß sein, was sich hier während Schließzeit und Bauarbeiten alles getan hat. Zumal rund acht Millionen Euro in den Bau und die Einrichtung neuer Gewächshäuser investiert wurden - mit dem elf Meter hohen Palmenhaus und dem runden Victoriahaus als »Highlights« - und auch sonst umfangreiche Außenarbeiten vonstattengingen. Der Technische Leiter, Diplom-Ingenieur Holger Laake, nahm den Anzeiger mit auf einen Rundgang und wusste dabei so einiges zu erzählen.

»Die Natur ist schon weit fortgeschritten und diesmal sogar eine Woche früher dran als letztes Jahr«, berichtet er. Gleichzeitig zeigt sich Laake aber auch »froh«, dass die Nächte noch recht kalt seien. Denn dadurch werde das bereits angeworfene »Programm der Pflanzenentwicklung« ein wenig gedrosselt. Schließlich haben die Beschäftigten des Universitätsgartens auch so alle Hände voll zu tun, die Aufgaben zu erledigen, die zu dieser Jahreszeit an allen Ecken und Enden des circa drei Hektar großen Areals anfallen.

QR-Codes für Infos

Zumal auf dem Außengelände und in den Gewächshäusern zusammengerechnet etwa 8000 verschiedene Pflanzenarten beheimatet sind. Von denen übrigens bislang rund 800 auf den Schildchen mit QR-Codes versehen wurden, um bei Interesse per Scan mit der Smartphone-Kamera mehr über die jeweilige Pflanze zu erfahren. »Unser langfristiges Ziel ist es, dies bei allen zu tun«, gibt Laake Einblick in zukünftige Vorhaben.

Doch zurück in die Gegenwart. Und die ist leider auch im Botanischen Garten ein wenig getrübt durch die Corona-Pandemie. Denn die neuen Gewächshäuser können deswegen vorerst von Besuchern nicht besichtigt werden. Angesichts der fortschreitenden Lockerungen dürfte das aber nur eine Frage der Zeit sein. Der Schreiber dieser Zeilen durfte ausnahmsweise schon mal einen Blick hineinwerfen. So führte der Weg zunächst ins Palmenhaus, das nach dem Vorbild des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Vorgänger-Baus errichtet wurde. »Es hat dieselbe Größe und bietet denselben Platz«, erklärt Laake. Derzeit stehen hier noch unzählige Pflanzen in Kübeln und Töpfen verschiedenster Größen, die in den kommenden Wochen nach und nach aufs Außengelände umziehen werden. Danach soll das Palmenhaus für Ausstellungen, die »Grüne Schule« und als Veranstaltungsort der Universität dienen.

Ein weiterer Blickfang ist das nur wenige Meter entfernte Victoriahaus mit seiner markanten rundlichen Form. Nach dem Hineingehen muss man zunächst einmal Luft holen, herrscht hier doch bei 25 Grad Celsius eine nahezu 100-prozentige Luftfeuchtigkeit und ein tropisches Klima. Die Blätter der im Becken in der Mitte wachsenden Victoriaseerose können über einen Meter im Durchmesser erreichen. Ringsum gedeihen in kleinen Becken unter anderem Lotuspflanzen und Reis.

Ebenfalls ganz neu ist das Ernst-Küster-Haus, das in drei Abschnitte unterteilt ist. Betritt man es von der zur Innenstadt gewandten Seite aus, steht man in einem mediterranen Klima. »Mittelmeer-Pflanzen wachsen hier aber keine«, sagt Laake. Stattdessen stammen die meisten Gewächse aus Südafrika, Australien oder Neuseeland, wo ein ähnliches Klima herrsche. Über einen geschwungenen Weg, der es ermöglicht, auch die sonst im Hintergrund stehenden Pflanzen in Augenschein zu nehmen, geht es als Nächstes durch eine Tür in den Subtropen-Bereich. Der befand sich auch im abgerissenen Gewächshaus an dieser Stelle. Und so ist es gelungen, den 1858 gebauten Brunnen zu erhalten. »Wir haben alles wiederverwendet, was nur irgendwie möglich war«, erklärt der Technische Leiter. Das gelte auch für Steine aus dem Fundament der sanierten Mauer hin zur Senckenbergstraße.

Der dritte Abschnitt des Ernst-Küster-Hauses ist schließlich der Sukkulenten-Bereich. Hier gedeihen Kakteen in den unterschiedlichsten Formen, vom runden »Schwiegermutterstuhl« bis hin zu hochgewachsenen schmalen Arten, die einem aus Western-Filmen bekannt vorkommen. Irgendwie nicht hineinpassen will hier eine auf dem Boden wachsende Welwitschia, die aber auch zur riesigen Familie der Sukkulenten gehört. »Sie stammt aus der Namib-Wüste und kann 2000 bis 3000 Jahre alt werden«, weiß Laake Erstaunliches zu berichten.

Eine andere wichtige Veränderung betrifft den Garteneingang in der Senckenbergstraße. Dieser wird ab sofort nur noch bis 14 Uhr geöffnet sein. »Das Problem mit Radfahrern, die quer durch den Botanischen Garten fahren, um abzukürzen, hat leider zugenommen«, berichtet Laake. Zudem sei nun die Steuerung der Besucherströme einfacher.

Problem mit Staren

Zurzeit abgeraten werden muss hingegen von einer Besichtigung des »Darwin-Pfads«, der sich etwa in der Mitte des Gartens befindet. Der in Gedenken an den Evolutionsforscher Charles Darwin aus Bambus geschaffene Rundpfad werde »jeden Abend von 1000 bis 1500 Staren« besetzt, die dann dort natürlich auch ihr Geschäft verrichten, schildert Laake. Der durch den Vogelkot entstehende Geruch sei so unangenehm, dass selbst die Gärtner »nur mit Atemmaske reingehen«, wenn dort Arbeiten zu erledigen sind. Dennoch wolle man den »Darwin-Pfad« auf keinen Fall entfernen. Dass hier regelmäßig so viele Stare »in der Dämmerung einfallen«, erklärt er mit dem Klimawandel: Aufgrund der wärmeren Wintertemperaturen würden die Vögel »nicht mehr wegziehen«, wie sie das früher taten.

Noch einige Arbeit nötig ist am mit Wasser gefüllten Löwenbrunnenbecken hinter dem Palmenhaus, das von dem markanten steinernen Löwenkopf geziert wird und denkmalgeschützt ist. »Wir hätten die Sanierung gerne in einem Zug gemacht«, sagt Holger Laake. Voraussichtlich bis zum Herbst werde jedoch auch dieser Teil des Universitätsgartens fertig werden. Auffällig sind zudem die vielen neuen Kanaldeckel entlang der Wege. »Hier gibt es kaum einen Meter Boden, wo keine Kabel oder Rohre verlegt worden sind«, blickt er zurück auf die umfangreichen Umgestaltungsmaßnahmen. Das Außengelände bietet dafür den gewohnten Anblick, denn hier sei die Umgestaltung schon vor einigen Jahren erfolgt. Ziel all dieser Maßnahmen sei es, »das klassische Bild eines Botanischen Gartens zu bewahren«, betont Laake. Im Falle von Gießen ist man da über die Jahrhunderte sehr konsequent vorgegangen. Gilt der hiesige Universitätsgarten doch als ältester seiner Art in Deutschland, der sich noch immer an seinem ursprünglichen Standort befindet.

Die Öffnungszeiten sind ab 20. März montags bis sonntags wie auch feiertags 8 bis 16 Uhr. Ab 1. Mai verlängert es sich in der Woche bis 19 Uhr und am Wochenende und an Feiertagen bis 18 Uhr. Der Eingang Senckenbergstraße ist immer nur bis 14 Uhr geöffnet. Die Gewächshäuser bleiben zunächst noch geschlossen.

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