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Heimspiel für den Dirigenten

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Gießen. Ein richtiges Wohlfühlprogramm bekamen die Besucher des Konzerts der Neuen Philharmonie Rhein Main (NPRM) am Sonntag zu hören. Im fast voll besetzten Levi-Saal des Rathauses bot das Ensemble ein Programm mit Werken von Mozart, Grieg und Tschaikowsky. Das Publikum war von Programm und Vortrag dieses Neujahrskonzertes höchst angetan.

Gründer Jochen Heibertshausen wurde 1967 in Gießen geboren. Seine musikalische Ausbildung absolvierte er an den Musikhochschulen Köln und Karlsruhe. Schon während des Studiums begann er, sich intensiv mit dem Dirigieren zu befassen. Auch als Kontrabassist wirkte und wirkt er in den unterschiedlichsten nationalen und internationalen Ensembles, aktuell am Stadttheater in der Studiobühnen-Inszenierung »Das Tagebuch der Anne Frank«. Auch einige der Mitglieder der 2021 von ihm gegründeten NPRM sind in anderen Gruppen in der Region aktiv.

Eröffnet wurde das Programm mit Mozarts Evergreen »Eine kleine Nachtmusik«. Die perfekt ausgetüftelte Komposition wurde fröhlich musiziert, schön akzentuiert und gefühlvoll aufgelöst. Mozarts Wohlfühlserenade funktionierte jedenfalls auch dieses Mal. Es folgte »Aus Holbergs Zeit«, op. 40, eine fünfsätzige Suite in G-Dur von Edvard Grieg, die er ursprünglich als Klavierwerk komponierte, die aber in einer von ihm selbst geschriebenen Version für Streichorchester bekannter wurde.

Kraftvolle Akzente

Neben zunächst kraftvollen Akzenten gab es auch schön sachte Momente, im Wechsel mit Phasen federleichter Flinkheit. Grieg nutzt hier zahlreiche Werkzeuge zur Steigerung von Kontrast und Vielfalt, setzt auf dramatische Akzente und veranstaltet einen großen Orchesterzauber. Die NPRM meisterte die zahlreichen emotionalen Ebenen tadellos und brachte nicht zuletzt die heiteren Aspekte gut zur Geltung. Zum Schluss herrschte eine sehr ruhige Stimmung - zweifelnd, unruhig, fast abgründig realisiert, groß, aber melancholisch, mit einem wunderbaren Abschluss. Großer Beifall.

Die Pizzicato-Polka ist ein kleiner Spaß, den sich Johann und Josef Strauss ausgedacht haben. Die Frankfurter Gäste widmeten sich dem Werk mit ganzer Hingabe und realisierten ein fröhliches Hüpfen, ganz wie es die Komposition vorgibt. Das war sehr hübsch und brachte alle Musiker zum Lächeln und die Zuhörer auch.

Das »Lyrische Andante« von Max Reger war dann schon weniger eingängig, dafür umso anspruchsvoller. Die stimmungsvolle Melancholie verwandelte sich in einen kraftvoll warmen Strom, dem die Gäste schließlich eine leicht soghafte Wirkung verliehen.

Höhepunkt des Abends war dann Tschaikowskys Serenade für Streicher in C-Dur, Opus 48, von Pjotr Iljitsch. Die Intensität des machtvollen Intros wurde vom Orchester auf hohem Niveau gehalten. Ab und zu kontrastiert von einem sachten Verweilen, war das ein lebhaftes Geschehen, geprägt von klanglicher Vielfalt mit kräftigen Akzenten.

Perfekte Übergänge

Ein charmantes walzerisches Gleiten im zweiten Satz wurde im dritten Satz von einem anwachsenden Klanggewölbe abgelöst, das in gemessenem Tempo errichtet wurde, fast episch. Mit fabelhafter Geschlossenheit und Transparenz musiziert, war das ein Hörgenuss, die auch die melancholischen, fast traurigen Momente nicht trüben konnten - zumal die Übergänge perfekt gelangen. Im vierten Satz verwandelte sich ein wehmütiges Nachsinnen in flotten Schwung, bis zur Auflösung in einem großen, lebhaften Geschehen. Angenehm war, dass selbst im großen Klang emotionale Momente erlebbar wurden, es gab keine simple Überwältigungsversuche.

So sorgten die Frankfurter Gäste für einen Konzertabend mit greifbaren emotionalen Inhalten; sehr starker Beifall. Als Zugabe gab es nochmal die Pizzicato-Polka.

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