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»Helfen Sie der Ukraine!«

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Verloren und vergessen: Alte Menschen in der Ostukraine. Auch davon erzählt Sasha Marianna Salzman in ihrem Roman »Im Menschen muss alles herrlich sein«. © dpa

Gießen. Auf dramatische Weise aktueller hätte dieser Lese- und Gesprächsabend wohl nicht ausfallen können. Als das Literarische Zentrum Gießen (LZG) die Berliner Schriftstellerin Sasha Marianna Salzmann eingeladen hat, um ihren aktuellen Roman über die Lebenswege von vier ukrainischen Frauen unterschiedlicher Generationen vorzustellen, war nicht absehbar, vor welch grausam realen Hintergrund sie in Gießen auftreten würde.

Nun hat der Krieg das ganze Land erfasst, die Menschen fliehen zu Tausenden aus dem Land - und ihr Buch bietet einen Schlüssel zum Verständnis all dessen, was sich aus der Ferne doch kaum erklären lässt. Am Freitagabend stellte die 36-Jährige »Im Menschen muss alles herrlich sein« im ausverkauften Levi-Saal vor - verbunden mit einem eindringlichen Appell an das Publikum.

Den Stoff ihres im vergangenen Herbst erschienenen Werks fand die in Moskau aufgewachsene und als jüdischer Kontingentflüchtling 1995 mit ihren Eltern nach Deutschland gekommene Schriftstellerin bei einer Reise 2017 in den bereits damals vom Krieg geschundenen ostukrainischen Donbass. Dort traf sie bei der Recherche auf mehrere ältere Frauen, die wie sie selbst zum »Homo Sovieticus« gehören, also ihre geistige Prägung im zerfallenen sowjetischen Imperium erhalten haben. Diese »stundenlangen, witzigen und inspirierenden« Gespräche nahm die Berlinerin als Ausgangsmaterial, um die Biografien mehrerer fiktiver Frauenfiguren ab den 70er Jahren bis 2015 nachzuzeichnen.

Und über diese verhandelten Schicksale grundiert sie das Buch mit einer Menge komplexer geschichtlicher Ereignisse. Dazu gehören die bleiernen Zeit des Kommunismus, der Zerfall und die Umbruchsjahre der 90er, die allgegenwärtige Korruption sowie Kriege in Tschetschenien und dem Donbass sowie schließlich der schwierige Neuanfang in Deutschland. »Leute sprechen nicht in historischen Fakten, sie sprechen in persönlichen Tragödien«, betonte Salzmann. Deshalb »wollte ich keine Thesen abklappern«. Stattdessen erzählt sie etwa von der jungen Ärztin Lena, die sich in einen Tschetschenen verliebt, »um zu sehen, ob das gelingen kann«. Das Wort »Tschetschene«, erklärte die Schriftstellerin zuvor im Gespräch mit LZG-Moderatorin Sandra Binnert, habe in der postsowjetischen Gesellschaft immer einen abschätzigen oder zumindest bedrohlichen Unterton. So sorgte Wladimir Putin nach den dortigen Abspaltungsversuchen bereits in den frühen 200ern für Tausende Tote und verbrannte Erde.

Zuvor machte die Schriftstellerin den autoritären Charakter der sowjetischen Gesellschaft der Mitt-70er im Eingangskapitel anschaulich. Da hat die kleine Lena versehentlich eine Porzellantasse kaputt gemacht. Nun muss sie auf Anweisung ihrer Mutter stundenlang in der Ecke stehen, darf nicht einmal auf die Toilette gehen und wartet auf den von der Arbeit zurückkehrenden Vater, der sie von dieser Tortur erlösen soll. »Solche Erziehungsmethoden gab es damals?«, fragte anschließend Sandra Binnert. »Die gibt es immer noch«, lautete die Antwort.

Eindringlich gelang dieses Erzählverfahren auch in dem vorgetragenen Kapitel, in dem die mittlerweile in Deutschland lebende Lena ihren im vom Krieg erschütterten Donbass gebliebenen Vater am Telefon zu überreden versucht, ihr nachzukommen und sich mit einem am nächstgelegenen Flughafen bereitliegenden Ticket davonzumachen. Salzmann gestaltete diese Passage als Dialog, den die auch als Dramatikerin erfolgreiche Autorin im Levi-Saal anrührend vortrug. Der alte, in der Heimat verwurzelte Mann wiegelte alle Sorgen seiner Tochter ab und zeigte dabei zwischen den Zeilen zugleich den eigenen Schmerz, sich vom Haus, von Hab und Gut, vor allem jedoch vom Grab seiner Frau zu trennen.

Es ist eine Geschichte, die in diesen Tagen nicht mehr nur für den Donbass, sondern so oder ähnlich vermutlich für das ganze Land gilt. Die Schriftstellerin berichtete im Levi-Saal, dass sie selbst gerade übers Telefon versuche, Freunde aus der Region herauszuholen. Und sie forderte das Publikum auf, selbst etwas zu tun: »Helfen Sie der Ukraine!« Man könne spenden, Hilfsorganisationen kontaktieren, Flüchtlingen Einladungen anbieten oder auch einfach zuhören, um Anteil zu nehmen und ein Ventil zu bieten. Denn »wenn es eins gibt, womit ich nicht klarkomme, dann ist es, wenn es den Leuten hier egal ist, was dort passiert.«

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