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»Helfende Scherenhände«

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Der letzte Schliff: Die Kundinnen und Kunden sind sehr dankbar für die kostenlosen Haarschnitte, die sie von den Friseurinnen Petra Reinheimer und Andrea Bug (links) bekommen. Foto: Czernek © Czernek

Die »Barber Angels« bauen im Hof der Werkstattkirche in Gießen zum wiederholten Mal ihren mobilen »Salon« auf und verpassen sozial benachteiligten Menschen einen kostenlosen Haarschnitt.

Gießen. »Das sieht jetzt wieder richtig gut aus. Die Haare waren ziemlich lang«, sagt Britta und schaut zufrieden in den Spiegel, den ihr Friseurin Petra Reinheimer hinhält. Weitere Utensilien wie Scheren, Haarschneider, Fön, diverse Kämme liegen griffbereit daneben auf einem Ablagetisch. Was wie ein normales Gespräch mit einer Kundin klingt, fand zumindest an einem ungewöhnlichen Ort statt - nämlich in einem Pavillon im Hof der Werkstattkirche. Dort, in der Ederstraße, hatten drei Friseurinnen des Vereins »Barber Angels« ihren flexiblen Salon aufgebaut. Angeboten wird jeweils ein neuer Haarschnitt, sonstige Leistungen wie waschen oder färben sind aufgrund des hohen Aufwands nicht drin.

»Der Verein kommt mittlerweile regelmäßig ein bis zwei Mal im Jahr nach Gießen, um unserer Klientel die Haare zu schneiden«, sagt Pfarrer Christoph Geist im Gespräch mit dem Anzeiger. Gab es früher lange Warteschlangen mit bis zu 100 Personen, geht es inzwischen dank vorheriger Terminvergabe deutlich geordneter zu. Dadurch können pro Aktion 40 Frauen und Männer verlässlich bedient werden. »Damit wird der Rahmen einfach überschaubarer. Während der Corona-Pandemie mussten wir sowieso Nachverfolgungslisten führen und Termine vereinbaren. Das haben wir dann beibehalten«, verdeutlicht Geist, der die gemeinnützige Einrichtung zusammen mit Bärbel Weigand leitet. Die Abläufe seien entsprechend entspannter und harmonischer. Auch Jakob Handrack und Thomas Ransbach von der Kulturkirche St. Thomas Morus trugen dazu bei, indem sie die trotzdem nicht ganz zu vermeidende Wartezeit musikalisch mit Gitarre und Akkordeon »verkürzten«.

Ein Friseurbesuch ist für diejenigen, die das Angebot in Anspruch genommen haben, bereits eine finanzielle Herausforderung. Mittlerweile hat es sich aber herumgesprochen, dass sie von den »Barber Angels« gelegentlich einen Gratis-Haarschnitt bekommen können. Daher waren die meisten Kundinnen und Kunden schon zum wiederholten Male erschienen und zeigten sich entsprechend begeistert von der Aktion. »Ich freue mich jedes Mal darauf. Wegen eines Nervenleidens kann ich gar nicht zu einem normalen Friseur gehen, denn das Überstrecken beim Kopfwaschen halte ich gar nicht aus«, erzählt Antje, während Andrea Bug sich um das passende Styling kümmert. Da sie zur Hochrisikogruppe gehöre und daher grundsätzlich sehr vorsichtig sei, ist sie über den Termin unter freiem Himmel besonders glücklich.

Bärbel Weigand hat ein Auge darauf, dass auch die richtigen Personen in den Genuss der »helfenden Scherenhände« kommen. »Wir machen dafür keine Werbung, sondern sprechen die Leute möglichst gezielt an. Die 40 Plätze sind schnell belegt«, berichtet die Organisatorin der Werkstattkirche.

Gepflegter Kopf gibt Selbstvertrauen

Die drei Frauen der »Barber Angels« sind allesamt ausgebildete Friseurinnen, Meisterinnen ihres Fachs, die ehrenamtlich für den Verein arbeiten. »Dafür opfern wir gern mal einen freien Sonntag«, betont Andrea Bug im Namen all ihrer Kolleginnen und Kollegen. Angereist sind sie aus dem Raum Frankfurt und würden sich über weitere Unterstützung sehr freuen. »Man bekommt so viel zurück«, versichert Petra Reinheimer.

Die »Barber Angels Brotherhood« wurde im November 2016 in Biberach an der Riß gegründet. Seit 2017 werden regelmäßig Haarschneide-Aktionen für sozial benachteiligte Menschen durchgeführt, bisher waren es über 400 Events. Bei einigen der rund 40 000 unterstützten Bedürftigen hat das professionelle Umstyling schon für Erfolgserlebnisse gesorgt. Die »Barber Angels« sind in Deutschland, in der Schweiz, in Österreich, Spanien, in den Niederlanden, in Norwegen und in Chile im Einsatz - angetrieben von der »Leidenschaft für die gute Sache«. Der Verein finanziert sich durch Spenden und Mitgliedsbeiträge.

Die drei Frauen, die in Gießen die Scheren schwingen, sind seit 2018 dabei. »Wir machen das wirklich gerne«, unterstreicht Andrea Bug. »Danke, dass es so eine tolle Organisation gibt«, entgegnet Britta. Auch sie war schon häufiger da und hat sich diesmal komplett umstylen lassen: Statt schulterlanger Haare hat sie nun eine flotte Kurzhaarfrisur, ein paar Pflegetipps erhält sie noch gratis dazu. Mit einem Lächeln im Gesicht verlässt Britta den mobilen »Salon«. Ein gepflegter Kopf verleiht eben ganz neues Selbstvertrauen.

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