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Herausragende Persönlichkeit

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Setzte sich mit aller Kraft für Demokratie und Pressefreiheit ein: Hans Wilhelmi. Foto: privat © privat

Hans Wilhelmi, Altverleger des Gießener Anzeigers, ist im Alter von 96 Jahren vor wenigen Tagen gestorben. Er setzte sich zeitlebens mit aller Kraft für Demokratie und Pressefreiheit ein.

Gießen. Der Altverleger des Gießener Anzeigers, Hans Wilhelmi, ist tot. Mit ihm verliert Gießen eine herausragende Unternehmerpersönlichkeit. Er starb vor wenigen Tagen im Alter von 96 Jahren. Von 1963 bis 1989 leitete der gebürtige Gießener - gemeinsam mit Peter Hamann - als Verleger und Geschäftsführer die Verlagsgruppe des Gießener Anzeigers und die Brühl’sche Universitätsdruckerei.

Aufgewachsen ist der Enkel des Firmengründers Conrad Wilhelm Poppe mit seinen zwei Geschwistern in der weißen Villa am Leihgesterner Weg, direkt neben dem Firmengelände. Die NS-Zeit und der Krieg prägten ihn, da er als junger Soldat bei der Marine diente. Daher setzte er sich nach 1945 mit aller Kraft für Demokratie und Menschenwürde ein. Wilhelmi studierte in Marburg Volkswirtschaft und schloss das Studium 1949 als Diplom-Volkswirt ab.

Geradlinige Art

Seine ersten beruflichen Erfahrungen sammelte Wilhelmi als Assistent der Geschäftsleitung der Firma Poppe & Co. Auch nach seinem Ausscheiden aus dem Unternehmen blieb er weiterhin damit verbunden und war lange Jahre Mitglied des Aufsichtsrats der Veritas-Gruppe, zu der auch die Gießener Gummifabrik gehörte. Seine ersten eigenen beruflichen Erfahrungen machte er als Geschäftsführer des Autohauses Krahn, das er mit aufbaute und dessen Geschäftsführer er bis zu seinem Ausscheiden aus dem Berufsleben blieb - neben seiner Tätigkeit für den Gießener Anzeiger und den Verlag.

Als Verleger trat Wilhelmi entschieden für Pressefreiheit und Meinungsfreiheit ein. Er setzte mehr auf Kooperation statt auf Konfrontation zwischen den einzelnen Zeitungstiteln. So lieferte der Gießener Anzeiger für etliche kleinere Zeitungen für Jahrzehnte den Mantelteil, für die lokale Berichterstattung waren die einzelnen Zeitungen selbstverantwortlich. Das war Ausdruck seines tief verwurzelten demokratischen Grundgedankens, den er als Lehre aus dem Nationalsozialismus in die Geschäftswelt mit hineintrug. Die heimatnahe, auf die Leser bezogene Berichterstattung bedeutete ihm viel.

In seiner geradlinigen und konsequenten Art kündigte er dem Deutschen Presserat seine Mitarbeit auf, als dieses Kontrollgremium die Verletzung des Beichtgeheimnisses bei einer verdeckten Recherche nicht sanktionieren wollte. Als tiefgläubiger Katholik hatte er großen Respekt vor dem religiösen Empfinden Anderer. Den Verlag und die Zeitung führte er als Familienunternehmen.

Besonders zeichnete ihn seine verständnisvolle und soziale Haltung gegenüber seinen Mitarbeitern aus. Er kannte jeden und hatte Verständnis für seine Probleme. Jedoch stellte Wilhelmi sich selbst und seine Persönlichkeit nie in den Vordergrund. Die Sache und der Erfolg als solches lagen ihm am Herzen. Ein gutes Miteinander, gegenseitiger Respekt und Vertrauen sowie der alte kaufmännische Grundsatz von »Treu und Glauben« standen für ihn stets ganz oben. Für diese Eigenschaften wurde er von allen respektiert und geschätzt.

Trotz seiner hohen Arbeitsbelastung war es für den Verleger selbstverständlich, sich ehrenamtlich zu engagieren. Er vertrat die hessischen Zeitungen als Delegierter beim Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger und fungierte als Handelsrichter am Landgericht Gießen. Als Mitglied der Vollversammlung der Industrie- und Handelskammer (von 1971 bis 1991) und als deren Vizepräsident (von 1979 bis 1991) brachte der Diplom-Volkswirt seine unternehmerische Erfahrung und seinen kollegialen Rat mit ein. Als Zeichen der Wertschätzung für seine Leistungen ernannte ihn die Kammer 1991 zu ihrem Ehrenmitglied.

Familienmensch

Nach seinem Rückzug aus dem Berufsleben konnte er sich seinen Hobbys widmen, zu denen der Wassersport, das Wandern und das Reisen zählten. Bis zuletzt war er Mitglied des Gießener Lions-Clubs und des Geselligkeitsvereins »Dienstagskranz«. Sehr genau verfolgte er die Tagespolitik, um sich anschließend darüber auszutauschen.

Das Lesen der Tageszeitung gehörte selbstverständlich bis ins hohe Alter dazu. Mit seiner Frau Giesela, die vor zehn Jahren starb, hatte er zwei Töchter. Er liebte die Geselligkeit und freute sich besonders, wenn sich die gesamte Familie samt seiner sechs Enkel und neun Urenkel bei einem Familienfest um ihn versammelte.

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