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»Hervorragenden Ruf erarbeitet«

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Das renommierte Wissenschaftsgebiet der Justus-Liebig-Universität Gießen wird mit einer neuen Professur ausgebaut, wofür das Land zwei Millionen Euro zur Verfügung stellt.

Gießen (red). Die Justus-Liebig-Universität (JLU) baut ihren wissenschaftlichen Schwerpunkt in der Wahrnehmungsforschung mit Unterstützung des Landes Hessen weiter aus. Der renommierte Neurowissenschaftler Dr. Martin Hebart aus Leipzig hat den Ruf der Hochschule auf die neu eingerichtete Professur »Computational Cognitive Neuroscience and Quantitative Psychiatry« angenommen. Es handelt sich um die erste LOEWE-Start-Professur der JLU. Sie entsteht am Fachbereich Medizin und wird vom Land in den ersten sechs Jahren mit knapp zwei Millionen Euro gefördert. Die sogenannte Tenure-Track-Professur soll nach erfolgreicher Zwischenevaluation dauerhaft von der JLU finanziert werden.

Halluzinationen

Hebart forscht zu der Frage, wie wir Dinge wahrnehmen. Die Antwort ist nicht nur zentral für die Charakterisierung des visuellen Systems, was immerhin gut ein Drittel der Großhirnrinde betrifft. Ein Verständnis der zugrundeliegenden Mechanismen hätte auch direkte Relevanz für das Verständnis visueller psychiatrischer Störungen, zum Beispiel bei der Entstehung von Halluzinationen oder von Flashbacks bei posttraumatischer Belastungsstörung.

»Die Wahrnehmungs- und Kognitionsforschung der JLU hat sich in den vergangenen 20 Jahren national und international einen hervorragenden Ruf erarbeitet, auch in Verbindung zu den klinischen Fragen. Ich freue mich außerordentlich darüber, dass mit Dr. Martin Hebart einer der renommiertesten Experten auf diesem Gebiet unseren Ruf angenommen hat und künftig gemeinsam mit den anderen hochkarätigen Gießener Professuren und Arbeitsgruppen in diesem Bereich forschen wird«, sagt JLU-Präsident Joybrato Mukherjee.

Mit der neuen Professur wird der in den Fachbereichen Medizin sowie Psychologie und Sportwissenschaft verortete Schwerpunktbereich »Mechanismen der Wahrnehmung und Anpassung« weiter gestärkt, indem die JLU die Schnittstellen zwischen Psychiatrie, computergestützter Neurowissenschaft und experimenteller Psychologie weiter stärkt. Inzwischen sind in dem Schwerpunktbereich zahlreiche Professuren und Arbeitsgruppen in Gießen etabliert. Der kontinuierliche und wachsende Erfolg wird unter anderem sichtbar durch den Transregio-Sonderforschungsbereich 135 »Kardinale Mechanismen der Wahrnehmung«.

Martin Hebart betont: »Ich freue mich bereits sehr auf die neuen Aufgaben, die mich in Gießen erwarten werden. Die JLU ist national wie international ein führender Standort in der Wahrnehmungsforschung, und ich bin sehr dankbar, dass die Wahl für diese Position auf mich fiel und so großzügig vom Land gefördert wird. Meine bisherigen Forschungsergebnisse waren fast immer in klarer Teamarbeit entstanden, und ich hoffe, dass ich in meiner neuen Position in Gießen diese Form der Zusammenarbeit fortsetzen und ausbauen kann.«

Ein wesentlicher Aspekt, der bisher das Verständnis des visuellen Systems erschwert hat,

ist die Komplexität und Vielfalt der möglichen Sinneseindrücke. Jede klassische experimentelle Studie kann oftmals nur einen kleinen Beitrag zu einem besseren Verständnis des Systems leisten. Selbst bei wesentlichen neuen Erkenntnissen bleibt oft die Frage offen, wie sich diese auf die Allgemeinheit visueller Wahrnehmungseindrücke generalisieren lassen und wie man einzelne Forschungsergebnisse sinnvoll in Bezug zueinander setzen kann.

Das von Hebart vorgesehene Forschungsprogramm umfasst einen grundlegend neuen Ansatz, um diese Forschungslücke zu schließen: Sein Ziel ist es, zentrale neue Erkenntnisse zur räumlichen und zeitlichen Dynamik visueller Objektverarbeitung zu gewinnen, indem die Objektwahrnehmung in einer ungewöhnlich großen inhaltlichen und methodischen Breite erhoben und mit aktuellster Künstlicher Intelligenz (KI) charakterisiert wird. Zudem gehören die Koordination und Pflege bestehender und neuer Datensätze, Computermodelle und Analysetools zum Forschungsprogramm. Damit sind ein nachhaltiger Einfluss der LOEWE-Professur und eine breite internationale Verwendung der Daten gewährleistet, wovon auch die Gießener Verbundprojekte langfristig profitieren.

In USA studiert

Martin Hebart promovierte als Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes im Fach Psychologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Nach Forschungen am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf sowie einem Humboldt-Stipendium, das ihn in die USA an das angesehene National Institute of Mental Health in Bethesda führte, ist er aktuell Leiter der unabhängigen Max-Planck-Forschungsgruppe »Visuelle Wahrnehmung und computergestützte Kognitionsforschung« am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig. Im Jahr 2022 konnte Hebart zudem einen ERC Starting Grant des European Research Council in Höhe von 1,5 Millionen Euro einwerben.

Foto: MPI CBS

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