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Heute fällt ihr letzter Vorhang

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Ein Haus, in dem sie viel Zeit verbracht hat: Stadttheater-Intendantin Cathérine Miville. Foto: Schepp © Schepp

Intendantin Cathérine Miville nimmt nach 20 Jahren Abschied vom Stadttheater Gießen. Im Interview spricht sie über ihren Anfang, das Ende und das Dazwischen.

Gießen. Eine Ära geht zu Ende: Vor 20 Jahren begann Cathérine Miville ihre Arbeit als Intendantin des Stadttheaters Gießen. Mit der Vorstellung des Stücks »Metamorphosen« am heutigen Samstagabend endet die Spielzeit - und Ende des Monats auch die Arbeit der 65-Jährigen. Beim Interview in ihrem Büro spricht sie über ihren Anfang, ihren Abschied und vieles dazwischen.

Frau Miville, wie stellte sich die Situation für Sie dar, als Sie vor 20 Jahren aus München nach Gießen kamen?

Es hat sich seither extrem viel verändert. Als ich kam, gab es hier rund ums Theater noch kein Straßencafé. Jetzt lebt scheinbar die ganze Stadt auf der Straße. Diese Öffnung ist Teil einer größeren Entwicklung. Die Stadt ist jünger und lebendiger geworden.

Diese umfassende Veränderung gilt sicher auch für die Institution Stadttheater selbst?

Bei meiner Ankunft stand in diesem Büro eine Schreibmaschine. Darauf hat eine Sekretärin noch die Geburtstagsbriefe von Hand getippt. Es gab Umbauten, Renovierungen, Umzüge. Alleine technisch hat sich das Haus unglaublich entwickelt.

Es war sicher eine große Herausforderung, als Sie damals aus München an das Haus kamen?

Logisch. Aber Verantwortung hatte ich als Geschäftsführerin der Lach- und Schießgesellschaft zuvor auch schon. Mein Traum war aber immer schon ein Mehrspartenhaus, in dem alle Sparten und Abteilungen miteinander arbeiten können und sich gegenseitig inspirieren.

Wie begann Ihre Arbeit in Gießen?

Ich hatte starke Spartenleiter. Martin Apelt im Schauspiel, der aber nach drei Jahren nach Darmstadt wechselte. Operndirektor Joel Revelle, der mit Belcanto einen Nerv dieser Stadt getroffen hat, aber auch ab Beginn zeitgenössische Opern ins Programm nahm. Und dann natürlich Tarek Assam, der den Tanz übernahm und kontinuierlich zu großen Erfolgen führte. Im Leitungsteam, das 2002 neu an den Start ging, war natürlich auch Lukas Noll als Ausstattungsleiter zentral. Und im Kinder und Jugendbereich wirkte Abdul M. Kunze als Regisseur und als Vermittler sehr breit in die Stadt und den Landkreis hinein. Sein konzeptionell sehr durchdachtes Programm für Schülerpraktikanten hat sich zudem unerwartet als wirksame PR-Aktion entwickelt. Das wurde zu einer Art Netz, das sich ausbreitete. So wurden wir zum Gesprächsthema an vielen Abendbrottischen.

Das war ja auch Ihr Anspruch, in Stadt und Region hineinzuwirken. Zudem haben Sie sich ehrgeizige Ziele gesetzt: 100 000 Zuschauer im Jahr sollen es sein.

Ich bin nicht angetreten, um irgendwelche Zahlen zu formulieren. Aber gleich die erste Spielzeit hat einen Nerv getroffen. Dann hatten wir diese Marke, dahinter wollte ich nicht mehr zurück. Wir waren später auch ein paarmal drüber, bis Corona kam. Jetzt sind es vielleicht noch 50 000.

Hatten Sie bei Ihrer Ankunft in Gießen eine Agenda? Oder reagierten Sie eher auf die Situation, wie Sie sie hier vorfanden?

Ich hatte ein Jahr Vorbereitung auf die Übernahme der Intendanz und in dieser Zeit einen engen Kontakt mit meinem Vorgänger Guy Montavon, der uns alles zeigte, sich aber in nichts einmischte. Es ging uns im Team darum, die Themen der Stadt im Gespräch mit den Menschen aufzunehmen.

Wie war das Zusammenspiel mit der Politik: Gab es auch Widerstände gegen Ihre Person und Arbeit?

Ich wurde nur geliebt (lacht). Was mich unter dem Strich so lange hier gehalten hat: Es gab immer eine Politik, die sich für uns interessiert hat. Nie unkritisch, aber stets offen und konstruktiv. Das gilt für Stadt wie Landkreis. Selbstverständlich ist das nicht, wie ich mittlerweile weiß. Dabei gab es übrigens keine politische Bündniskoalition, mit der ich nichts zu tun hatte. Es gab eine große Vertrauensbasis, auch wenn Einzelne mal quergeschossen haben. Zwischenzeitlich kam etwa die Idee auf, unsere Werkstätten zu schließen. Also haben wir einen gemeinsamen Rundgang gemacht, durch die Schlosserei, die Schreinerei und uns dann das riesige Bühnenbild angeschaut. Dabei wurde vielen klar: Dies ist vielleicht doch nicht die teuerste Variante ...

Sie arbeiteten viele Jahre lang als alleinige Geschäftsführerin der Stadttheater GmbH ...

Wir sind ein mittelständisches Unternehmen. Die Anforderungen sind komplexer geworden. Wenn die Geschäftsführung auch die künstlerische Leitung innehat, kann das für eine große Kraft sorgen. Ein Beispiel: Die meisten Spartenleitungen wollten nie Gagen verhandeln. »Ich rede über Kunst, das mit dem Geld machen Sie«, hat mir Joel Revelle gleich zu Beginn gesagt. So haben wir uns aufgeteilt. Davon unabhängig war ich froh über den vor einem Jahr auf meine Initiative hin eingesetzten zweiten Geschäftsführer Martin Reulecke. Das ist an Theaterhäusern eine übliche Strukturform und war schon lange mein Wunsch. Die Frage bei allen Teams und Doppelspitzen ist dabei immer, wie man miteinander umgeht.

Wie ist der Unterschied zwischen künstlerischer und wirtschaftlich-organisatorischer Verantwortung, die lange beide in Ihrer Hand lagen?

Ich sehe es nicht so komplett getrennt. Es hängt alles mit allem zusammen. Man muss einfach alles mit der gleichen Ernsthaftigkeit, der gleichen Lust und dem gleichen Einsatz machen.

Sie haben Ihren Vertrag in den 20 Jahren mehrfach verlängert. Ging das von der Politik aus?

Ja. Und vor allem bei der letzten Verlängerung war die Entscheidung dann ein intensives Miteinander im Leitungsteam. Aus vielen Gründen. Wir hatten noch Lust, noch Fantasie, noch Ideen, wo wir hinwollen. Gleichzeitig konnten wir unseren Künstlern Raum schaffen, sich Gedanken zu machen, wie es für sie weitergeht. Auch konnte etwa das Schauspielensemble Wünsche äußern, was sie selbst gerne noch einmal spielen wollten. Davon haben wir in der letzten Spielzeit vieles realisieren können.

Ein Beispiel?

Mal wieder einen Klassiker. Wie den »Tartuffe«.

Wie hat sich das Theater inhaltlich verändert?

Total. Fast alles wurde von Hand auf Elektronik umgestellt. Die technische Entwicklung ist enorm. Aber auch die baulichen Veränderungen waren massiv. Irgendwas Zusätzliches war also immer. Ich kann daher nicht behaupten, dass ich wenig im Haus war.

Gab es dennoch Momente, in denen Sie gesagt haben: Jetzt will ich weg?

Ich wusste natürlich nie, wie lange das hier gutgeht ...

Es gab ja auch Zeiten, in denen es mit den Finanzen am Haus nicht gerade einfach war ...

Irgendwo haben wir immer einen Weg gefunden.

Haben Sie über die Jahre ein Gespür dafür entwickelt, was das Gießener Publikum will? Was es mitzumachen bereit ist? Und was es ablehnt?

Ich habe mir viele Aufführungen angeschaut, auch nach den Premieren, und war oft auch einfach so im Foyer. Und kann daher die Reaktionen an den Gesichtern ablesen, an der Art, wie die Besucher aus den Aufführungen kommen. Zudem habe ich immer den Kontakt zu den Abonnenten gesucht, war in fast allen Einführungen, in denen man die Zuschauer noch mal anders kennenlernt. Aber das Schöne ist: Letzten Endes weiß man nie, wie das Publikum tickt. Das macht das Theater so spannend.

Die Kunst der Intendanz ist es doch, alle Publikums-Bälle gleichzeitig zu jonglieren. Von den Studenten bis zu den Senioren aus Grünberg ...

Die Geschmäcker sind gar nicht so unterschiedlich. Die Studierenden schauen sich genauso das Musical wie die Klassiker, die Operette wie das zeitgenössische Stück an. Es geht da nicht nur um die Avantgarde. So war - vor dem Studi-Ticket - wichtig, zu vermitteln, dass man für 7,50 Euro ins Theater kann. Das war billiger als eine Kinokarte! Es musste das Gefühl bei ihnen entstehen: Das kann man schon mal riskieren.

Wie ist es mit den Ensembles? Die müssen sich an einem Theater ja eigentlich darüber im Klaren sein, dass sie regelmäßig weiterziehen müssen. Nun ist es für viele so weit ...

Ein Intendantenwechsel ist ein ausreichender Grund, um Verträge zu beenden. Künstler, die über 15 Jahre an einem Haus beschäftigt sind, fallen nicht mehr unter diese Regelung. Das sind bei uns aber wenige, denn es war immer etwas Fluktuation, so blieb es immer spannend.

Können Sie sich Ihr Publikum eigentlich auch ein bisschen erziehen? Es Neuem aussetzen und damit herausfordern?

Ja. Dabei ist wichtig: runterbrechen, runterbrechen, runterbrechen. Je zeitgenössischer die Musik, je komplexer der Stoff, desto mehr müssen wir es den Zuschauern vermitteln, anstatt es von oben herab durchzudrücken.

Gab es in Ihrer Amtszeit auch einen echten Flop?

Natürlich gingen Dinge auch daneben. Was keinen Publikumserfolg brachte, musste aber nicht auch eine missglückte Inszenierung sein. Wir haben da aus jeder Produktion gelernt: Wie weit kann man gehen? Was ein Erfolg ist und was nicht: Das ist eine ganz schwierige Geschichte.

Ein enormer Einschnitt war die Corona-Phase. Ärgert Sie es, dass das Theater so lange gezwungenermaßen dicht war?

Ärgern? Es war wahnsinnig anstrengend. Ich habe noch nie so viel gearbeitet wie in diesen zweieinhalb Jahren. Und ich habe immer viel gearbeitet. Alles musste neu erfunden werden. Jede minimale Organisation war unheimlich komplex. Es kam nie zu irgendeinem geregelten Tagesablauf, weil immer irgendetwas geändert werden musste. Ein Traumjob war es in dieser Zeit nicht. Aber für das Haus war es auch sicher nicht ganz schlecht, dass ich da war.

Allgemein: Hat sich das Theater durch Corona verändert? Oder kommen wir aus Sache einigermaßen heil wieder raus?

Nicht auf einen Schlag. Es wird dauern, bis das Publikum sich an alles gewöhnt hat und auch die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen wieder in ihrem gewohnten Modus sind. Ein Neuanfang kann da jetzt eine gewisse Dynamik bringen, wenn die Dinge ins Laufen kommen.

Wie steht es um das ältere Publikum? Um die Abonnenten?

Der Großteil ist wieder da. Aber die Gelegenheitstheatergänger muss man noch vermehrt wieder zurückholen.

Was ist wichtig, damit in der Provinz gutes Theater gemacht werden kann?

Es braucht Menschen, die bewusst und gerne da sind. Die die Bedürfnisse des Publikums ernstnehmen. Die reinhören und nicht erzählen, was die Zuschauer gut zu finden haben. Was wir tun können: Programme anbieten, von denen die Besucher keine Ahnung hatten. Vielleicht kommen sie so - inhaltlich, formal - auf den Geschmack. Aber man muss sie mitnehmen. Warum sollten sie sich unsere Programme sonst anschauen?! Künstler und Publikum sind kommunizierende Röhren. Da geht es nie in eine Richtung.

Wollen Sie ihrer Nachfolgerin Simone Sterr einen Tipp geben?

Nein, um Gottes Willen! Jeder muss das so machen, wie er das richtig findet.

Was haben Sie nun vor?

Ich weiß es ehrlich gesagt noch nicht. Ich wollte mir in meinen letzten zwei Gießener Jahren Gedanken machen. Aber dafür hatte ich wegen Corona schlicht keine Zeit. Ich weiß aber, dass ich sicher noch etwas machen will, ohne diese allumfassende Verantwortung zu tragen. Ich habe mich stark eingebracht, für vieles den Kopf und den Rücken hingehalten. Das ist auch ein Teil der Aufgabe. Es war schön, eine tolle Zeit. Und jetzt freue ich darauf, mir diese Gedanken zu machen.

Wann ist Schluss?

Der letzte Arbeitstag ist am 31. Juli. Dann bin ich weg. Ich ziehe um, aber noch suche ich eine Wohnung (lacht).

Cathérine Miville, geboren 1954 in Basel, begann ihre Karriere als Regieassistentin an den Basler Theatern. Nach dem Studium der Theaterwissenschaft, Germanistik und Betriebswirtschaft in München arbeitete sie mit Theatergrößen wie Boy Gobert und Elisabeth Flickenschildt zusammen. 1976 stieß sie zur Münchner Kabarettgruppe Lach- und Schießgesellschaft, wo sie von 1986 bis Ende 2000 geschäftsführende Gesellschafterin war. Zudem übernahm sie die Regie der populären TV-Kabarett-Sendereihe »Scheibenwischer« mit Dieter Hildebrandt. Seit Beginn der Spielzeit 2002/03 ist sie Intendantin des Stadttheaters Gießen, in dem sie viele Jahre lang sowohl die Geschäftsführung wie auch die künstlerische Leitung innehatte. Zu ihren Inszenierungen gehören Opern, Schauspiele und Musicals. (bjn)

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