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»Hingucken ja, gucken nein«

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Von: Julian Spannagel

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Zwischen den Podiumsteilnehmern und den rund 30 Gästen entwickelte sich eine rege Diskussion. Foto: Spannagel © Spannagel

Boykottieren? Auch diese Frage stand im Raum bei der Podiumsdiskussion der SPD Gießen-Ost rund um die WM in Katar

Gießen. »Geld. Macht. Katar.« Unter diesem Titel hatte die SPD Gießen-Ost zu einer Podiumsdiskussion anlässlich der Fußball-Weltmeisterschaft eingeladen. Es ging insbesondere um die Lage der Arbeiter im Gastgeberland sowie politischen Handlungsspielraum. Auch ein Boykott seitens der TV-Zuschauer stand dabei im Raum. Es diskutierten Vertreter von Amnesty International und des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) sowie ein Gesellschaftswissenschaftler der Justus-Liebig-Universität.

»Hingucken ja, gucken nein.« So lautetet die klare Aussage von Sebastian Kleist, der Fußballfan und Mitglied der SPD Biebertal ist. Nachdem die Podiumsgäste ihre Positionen dargelegt hatten, schwappte das Gespräch zwischen den über 30 Gästen und den fünf Personen vorn, einschließlich des Moderators Jörg Reitze (SPD Gießen-Ost), hin und her. Kleist verwies auf zahlreiche Widerstandsbewegungen aus den Fan-Gemeinschaften. Es sei deren Verdienst, dass die Lage in Katar nun Teil der öffentlichen Agenda ist.

Dr. Jürgen Schraten, einer der Podiumsteilnehmer, verglich den Erfolg der Fußballfans gar mit der Etablierung von »Fridays for future«. Auch er ist überzeugt, dass man die WM nicht anschauen sollte. Dies könne letztlich die Sponsoren treffen, die schließlich auch um ein gutes Image bemüht seien.

Schraten legte zudem dar, dass die Ausrichtung der WM durch die Fifa nicht in Stein gemeißelt sei. »Jeder kann eine Weltmeisterschaft austragen«, so der Gesellschaftswissenschaftler. Dafür ernte er mehrfach Applaus, den es wiederholt auch für die anderen Podiumsgäste gab. Er erklärte weiter, dass Geld und Sport stets zusammengehörten, was prinzipiell kein Problem sei. Mittlerweile seien jedoch der Wettbewerb und die Organisation, die einst durch Sportwetten entstanden seien, »nur noch ein Mittel zum Zweck, um mit dem Sport Geld zu verdienen«. Als Beispiel für diese Entwicklung verwies er auf die Fifa.

»Boykottieren hilft auch nicht den Menschen, die gestorben sind«, warf Lina Kost von Amnesty ein. Sie befand, dass vielmehr nicht weg- oder woanders hingesehen werden dürfe. In dieselbe Kerbe schlug Leon Niekamp, ebenfalls von Amnesty. Er betonte, wie wichtig es sei, auch längerfristig die Aufmerksamkeit auf Situationen wie in Katar zu lenken. Dass Missstände in Vergessenheit gerieten, sei kein Einzelfall. Dies sei etwa im Falle der Forderung nach besserer Bezahlung für Pflegekräfte eingetreten, die von der Kriegsberichterstattung abgelöst worden sei.

Kafala-System

Matthias Körner, Regionsgeschäftsführer des DGB Mittelhessen, wies darauf hin, wie einfach es vergleichsweise sei, etwa auf das Eröffnungsspiel zu verzichten. Bei einem Halbfinale Deutschland gegen Frankreich sei dies schon weitaus schwieriger. Letztlich kamen Diskussionsteilnehmer und Besucher in der Frage des Boykotts nicht zu einer einhelligen Meinung.

Einig waren sich alle hingegen darin, dass die Situation in Katar schlecht sei. Es ging insbesondere um die drei Millionen Gastarbeiter im Land, denen 300 000 Kataris und unter letzteren noch weniger Wahlberechtigte gegenüberstehen. Jürgen Schrate, der auch Amnesty-Mitglied ist, bezeichnete dies als eine »Fremdherrschaft«. In der Kritik stand zudem das Kafala-System. In diesem müssen die Arbeiter dem Arbeitgeber ihren Pass aushändigen und befinden sich in einem Abhängigkeitsverhältnis. Zur Sprache kam des Weiteren die schlechte Situation der Frauen, die in ähnlicher Weise unterdrückt würden.

Uneinigkeit herrschte darüber, wie dem Golfstaat begegnet werden müsse und wie er zu beeinflussen sei. Aus dem Publikum merkte Liza Beci, die Juso-Mitglied ist, an, dass die Geschichte gezeigt habe, dass gesellschaftliche Veränderungen nur von Innen geschähen. Matthias Körner betonte, dass Gewerkschaften und Betriebsräte essenziell seien, da die Arbeiter so für ihre eigene Sicherheit sorgen können. Diese könnten jedoch nur ohne dahingehende Repressionen entstehen.

Einer der Diskussionspunkte war die Frage der Handelsbeziehungen mit dem WM-Gastgeberland. Schrate bezeichnete etwa die jüngsten Bestrebungen der Bundespolitik, Rohstoffe aufzukaufen, als »völlig überflüssig«. Andreas Schaper merkte an, dass es zu Politik »egal welcher Couleur« gehöre, auch unpopuläre Entscheidungen zu treffen. Politik befände sich »zwischen zwei Stühlen«. Handlungsbeziehungen seien zudem förderlich, um Frieden zu bewahren. »Ich halte es nicht für erstrebenswert, abgesehen von möglich«, ergänzte Körner zur Energie-Unabhängigkeit. Was in dem Land passiere, würde nicht auffallen, »wenn wir die Beziehungen zum Regime nicht hätten«, ergänzte Lina Kost. Schrate hielt dem entgegen, dass jegliche Präsenz in Katar zur Legitimierung des Regimes beitrage. Dies bezog er auch auf die Fußballspieler und Innenministerin Nancy Faeser (SPD). Letztere war beim Auftaktspiel der Deutschen vor Ort. Die Podiumsteilnehmer verurteilten die angedrohte Gelbe Karte für Manuel Neuer, wenn dieser die »One Love«-Binde getragen hätte.

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