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Hits, die in die Glieder fahren

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Auf Abschiedstour: Sänger Chris Thompson zeigt in der Kongresshalle noch einmal, wie es geht. Foto: Schultz © Schultz

Gießen. Es war fast wie vor 30 Jahren, als der englische Rocksänger Chris Thompson jetzt mit seiner Band in Gießen Station machte. Der 74-Jährige gelangte als Sänger der Manfred Mann’s Earth Band mit Songs wie »Blinded by the Light« zu Weltruhm. Den zelebrierte der nahbare Musiker am Donnerstagabend in der Kongresshalle jedoch eher nicht. Die Zuhörer freuten sich außerordentlich über seine Reminiszenzen an seine große Zeit.

Es wurde dann ganz schön lebhaft.

Zunächst bedankten sich allerdings Ilona Roth und Peter Wolf vom Vorstand der Sparkasse Gießen bei ihren PS-Los-Sparern für deren soziales Engagement. Die konnten das Konzert zu vergünstigten Preisen genießen. Das Engagement manifestiert sich in einem kleinen Betrag, der von jedem Los abgezogen wird und einem Verein oder einer gemeinnützigen Vereinigung zukommt, insgesamt waren es diesmal über 144 000 Euro.

Thompson wird mit dieser letzten, ausgedehnten Tour im kommenden Jahr seine Bühnenkarriere beenden. In Gießen tritt er mit einer kleinen Combo auf: Mads Eriksen, ein hervorragender norwegischer Gitarrist), Zsolt Meszaros (Schlagzeug), Frank Hovland (Bass) und Keyboarder Gunnar Bjelland. Letzterer sieht, zurückgebeugt über den Tasten, mit seinem schwarzen Hut und der zurückgenommenen Art, dem großen Manfred Mann übrigens auffällig ähnlich.

Zu Beginn der Show fällt allerdings auf, wie erschreckend fragil und leise Thompsons Stimme mit ihrem heiseren Vibrato geworden ist, man kann ihn schlecht verstehen. Ausgleichend wirkt, dass das Repertoire ausschließlich Erfolgstitel der Earth Band umfasst, die den rund 350 Zuhörern sowieso geläufig sind. Den Opener »Demolition Man« (Sting) walzen sie gleich als solide Rocker aus. Das passt. Hier sind ausschließlich Profis zusammengekommen, und der Funke springt bald über.

»Messin’« gerät ihnen dann etwas langatmig und langweilig, hier fällt das schmale Arrangement (kein Chor, keine Soundeffekte) erstmals nachteilig ins Gewicht. Gitarrist Eriksen ist später sehr beschäftigt, wenn Thompson die Gitarre ablegt, um alle entstehenden Lücken zu füllen. An Aktualität hat der Titel »We’re messing up the air«, im Original neun Minuten, allerdings nichts eingebüßt. Bjellands Keyboards lassen nichts zu wünschen übrig, er groovt teils sehr edel mit und findet die typischen und auch mal andere Sounds.

Mit »Father of Day« ist Thompsons Stimme dann endlich ausgewogen im Mix des Abends angekommen. Der erfahrene Musiker strengt sich nicht einfach nur an, er verwendet seine Stimme auch der Lage gemäß angemessen und variiert seinen Gesang entsprechend. Das Ergebnis passt in die Zeit: So singt Thompson eben heute.

Das Publikum erwärmt sich zusehends, auch die Band kam übers übliche Profiniveau hinaus. Bjelland liefert eine lebendige Orgelbegleitung, und als Extra spielt Chris Thompson ein Solo: ausgeschlafen und aufs Wesentliche beschränkt, einfach klasse. Die Arrangements zeigen bei aller Kargheit doch einen großen Reichtum an Detailarbeit: Hovland ist ein aufmerksamer Bassist, der immer wieder mit sichtlichem Vergnügen kleine solistische Elemente einfügt, abgesehen davon, dass sein Groove zusammen mit Drummer Meszaros, einem Freund filigraner Akzente, einfach unerschütterlich ist. Und Eriksen serviert dazu das perfekte Gitarren-Riff-Repertoire.

Nach der Pause überrascht Sänger Thompson dann mit einer Fast-a-cappella-Fassung von »For you«. Hier legt er den Hauptakzent auf die inhaltliche Seite und performt glaubhaft emotional. Nachher wendet er sich mit einer freundlichen Ansprache und der Refrainzeile ans Publikum: »We came for you.«

Bei aller Unterhaltungskompetenz war die Earth Band stets ein Ensemble, das mit schrägen Harmonien und Umweltbewusstsein wichtige Themen anging. Auch war Stilwandel ein Markenzeichen der Formation, in den 70ern nichts Ungewöhnliches. Davon hört man an diesem Abend nicht viel, Thompson und die Band konzentrieren sich auf den Rock und die großen Hits. Mit viel Schwung lassen die Briten den Geist der alten Tage aufleben: »Don’t kill it Carol« fegt förmlich durch den Saal, das Publikum ist gepackt, und Thompson hat auch noch ein weiteres Solo dabei; ein Glanzlicht.

Spätestens mit »Blinded by the light« fährt die Musik allen in die Glieder. Es wird getanzt, die Stimmung ist an der Decke: der Beifall wird immer länger, die Band ist sichtlich beeindruckt und dankbar. Als Abschluss dann Bob Dylans »Mighty Quinn«, groß und breit, das Publikum ist jetzt ganz und gar aus dem Häuschen. So wird es ein rundum schöner Abend und ein gelungenes Gießener Finale für Chris Thompson

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