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Hochdotiertes Erinnerungsprojekt

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Stifter Günter Kämpf überreicht den Preis an Julia Wolf. Foto: Czernek © Czernek

Lich . Das Kino Traumstern bildete einmal mehr eine würdige Kulisse: Dort wurde am Sonntag zum ersten Mal der Licher Literaturpreis verliehen. Überreicht wurde er der aus Groß-Gerau stammenden Schriftstellerin Julia Wolf. Sie erhielt die mit 7000 Euro dotierte Auszeichnung für ihren Roman »Alte Mädchen«. Die Laudatio hielt der Frankfurter Autor und Literaturkritiker Christoph Schröder.

Der Verleger Günter Kämpf, der gemeinsam mit seiner Frau Vilma den lange in Gießen beheimateten und mittlerweile in Wetzlar ansässigen Anabas Verlag im Jahr 1966 gründete und bis 2010 leitete, hat den Preis gestiftet, der nun jährlich in Lich verliehen wird. Besonders sollen damit Autoren bedacht werden, die einen besonderen Beitrag zur zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur leisten. In Kämpfs Verlagsprogramm waren avantgardistische Autoren wie Paulus Böhmer, Horst Bingel oder Ernst Jandl zu finden. Auch gehörten er und seine Frau zu den Verlegern, die den Dadaismus aus der Vergessenheit rissen und die ersten Werke nach 1945 verlegten, etwa den Deutsch-Österreicher Raoul Hausmann, den Kämpf der Vergessenheit seines französischen Exils entriss.

Gemeinsam mit seiner Frau wolle er etwas Bleibendes für die Nachwelt hinterlassen und zugleich aufstrebende Literaten fördern, erklärte Kämpf bei der Feierstunde. »Nun ist dieses Projekt zu einem Erinnerungsprojekt geworden«, denn Vilma Kämpf starb Anfang dieses Jahres. So entstand der Grundgedanke für die Licher Literaturpreisstiftung, einem Stiftungsfonds im Rahmen der Bürgerstiftung Mittelhessen.

In Zusammenarbeit mit dem Förderverein der Licher Stadtbibliothek entscheidet eine Jury über die jeweiligen Preisträger, die in diesem Jahr mit Prof. Sascha Feuchert (Universität Gießen), Dr. Peter Ihring (Vorsitzender des Fördervereins der Stadtbibliothek Lich), Dr. Bernd Leukert (Mitherausgeber des Online-Magazins Faust Kultur), Karoline Sinur (Hessischer Rundfunk), Prof. Renate Stauf, (Technische Universität Braunschweig) sowie eben Günter Kämpf hochkarätig besetzt war.

Besonders Gewicht legte der Stifter auf Experimentierfreude und sprachliche Qualität der Preisträger. Julia Wolf habe diese Kriterien mehr als erfüllen können. »Auch wenn es in dem Roman nicht um die Männer geht, heißt das nicht, dass er uns nicht interessieren sollte - im Gegenteil«, so begann Laudator Christoph Schröder. Der für verschiedene Tageszeitungen schreibende Kritiker Schröder erläuterte, dass das Werk in radikal-subjektiver weiblicher Innenperspektive geschrieben wurde - in einer Art und Weise, die jeden etwas anginge.

»Alte Mädchen« sei ein komplexes Buch über die Verschraubungen, die Verstrebungen, die Wucherungen im Verhältnis mehrere Generationen von Frauen und Männern Es geht zentral um Traumata der Kriegs- und Nachkriegsgeneration, »für die Julia Wolf eine sehr schlüssige Sprach- und Darstellungsform gefunden hat«, schwärmte der Kritiker. Sie sei eine virtuose und auch erbarmungslose Bewusstseinsmitschreiberin. »Sie hat ein Verfahren gefunden, um die Gleichzeitigkeit von Gegenwart und Vergangenheit im Emotionshaushalt von Menschen einzufangen und sichtbar zu machen«, befand Schröder.

Im Anschluss an die Verleihung las Julia Wolf einige Passagen aus ihrem aktuellen Werk vor. Obwohl die insgesamt drei Geschichten nicht inhaltlich miteinander verbunden sind, sind die Protagonistinnen »Erfahrungsgeschwister«, wie Laudator Schröder es treffend beschrieb. Sie bedankte sich bei ihrer Lektorin und ihrem Verlag, dass ihr die nötige Zeit für das Schreiben gegeben wurde. Und wie ihre Leseprobe zeigte: Das Warten hat sich gelohnt.

Für die passende und stimmungsvolle Unterhaltung sorgen Helmut Fischer (Piano) und Nicole Badila (Kontrabass).

Lich (bcz) Vier Fragen an die 1980 geborene Preisträgerin Julia Wolf zu ihrem preisgekrönten Buch »Alte Mädchen«, das in diesem Jahr in der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen ist.

Die Themen Flucht und Vertreibung sind nach wie vor aktuell. Wie haben Sie sich diesem Thema genähert?

Die Idee zu dem Werk ist mir durch Gespräche mit meiner Großmutter gekommen. Sie flüchtete im Krieg aus Ostpreußen. So war dieses Thema immer im Hintergrund vorhanden, auch wenn über manches nicht gesprochen wurde.

Wie gestaltete sich die Arbeit an dem Roman?

Ich habe fünf Jahre sehr gründlich recherchiert, viele Fluchtgeschichten gelesen und lange daran gearbeitet, bis ich die richtige Form dafür gefunden hatte. Ich hatte sogar versucht, das Thema in einem Theaterstück zu verarbeiten. Doch das passte nicht. Der Roman hat sich als die richtige Form erwiesen.

Sie bezeichnen Ihr Werk als Roman, obwohl es sich um drei inhaltlich nicht miteinander verbundene Geschichten handelt. Ist es damit nicht eher ein Erzählungsband?

Nein, man benötigt alle drei Geschichten, um sich den gesamten Kontext zu erschließen. Einzeln bleiben sie unverständlich.

Sie leben mittlerweile in Leipzig. Haben Sie noch Verbindungen zu Ihrer hessischen Heimat?

Ich bin in Groß-Gerau geboren. Da meine Eltern und Teile der Familie noch in Frankfurt und Umgebung leben, komme ich gern und häufig her.

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