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Hoffen auf demokratische Lösung

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Angehörige von Personen, die nach Protesten gegen die Regierung verhaftet wurden, versammeln sich in der Nähe einer Polizeistation, während ein kasachischer Soldat die Straße entlang patrouilliert. Die Behörden in Almaty berichteten am Donnerstag vergangener Woche, dass fast 2000 weitere Personen wegen ihrer angeblichen Beteiligung an den Unruhen und Plünderungen festgenommen wurden. © dpa

Drei Gießener Studenten schildern ihre Sicht auf die Lage in Kasachstan. Teils sind sie mit zentralasiatischen Land familiär verbunden.

Gießen. Die anhaltenden Unruhen in Kasachstan betreffen nicht nur die Menschen vor Ort, sondern auch diejenigen, die einen Bezug zum zentralasiatischen Land haben. Seien es verwandtschaftliche Verhältnisse oder persönliche Interessen, auch Gießener Studierende blicken derzeit nach Kasachstan und verfolgen die dortigen Zustände aufmerksam. Drei von ihnen schildern ihre Gedanken und Gefühle über die Unruhen und machen gleichzeitig deutlich, dass die Umstände der Aufstände komplexer sind, als es sich vermuten lässt. Marina Schuler (26), Sascha Ring (28) und Bekir Yilan (26) beschäftigen mit den Unruhen, teils aus persönlichen Gründen, teils aus familiären.

»Ich denke, dass die Menschen von der Politik müde sind. Kasachstan hat viele Bodenschätze und ist so gesehen ein reiches Land. In den letzten Jahren hat sich der Wert des Tenges, der kasachischen Währung, immer weiter verschlechtert. Die Gehälter sind laut meiner Verwandten gleich geblieben aber Lebensmittel werden immer teurer. Es ist natürlich verständlich, wenn die Menschen wütend werden, aber in diesem Ausmaß«, denkt Schuler zu der derzeitigen Situation. Nachdem das Internet wieder freigegeben wurde, hatte die 26-jährige die Gelegenheit, mit ihrer Großmutter und einigen Verwandten zu sprechen.

Die Informationen, die sie aus ihrer Heimatstadt Ust-Kamenogorsk erhält, sind immer noch spärlich. »Zur Hochphase sind einige auf die Straße gegangen und haben auch ein Gebäude zerstört. Kindern und Rentnern wurde empfohlen, im Haus zu bleiben. Heute sind die Menschen wieder zur Arbeit und die Supermärkte hatten offen«, sagt Schuler. Solange das Internet im Land jedoch ausgeschaltet bleibe, mache sie sich Sorgen um ihre Verwandten und ist beruhigt, dass die Proteste in ihrer Heimatstadt nicht so eskaliert seien wie in Almaty. »Ich hoffe, die Regierung findet eine friedliche und demokratische Lösung, um mit der Konfliktsituation umzugehen. Für mich waren die Bilder und Video genauso schockierend und überraschend wie für andere, die überhaupt keinen Bezug zu dem Land haben«, sagt die 26-jährige.

»Die Situation ist sehr angespannt, weil das Volk aufgrund existenzieller Probleme und erschwerter Lebensbedingungen auf die Straße geht. Erstmal verständliche Gründe«, so Sascha Ring. Jedoch bestünde eine sehr große Gefahr, da nicht nur demonstriert werde, sondern auch Läden geplündert und Autos angezündet würden. »Ob so ein Verhalten langfristig eine Änderung bewirkt, halte ich für fragwürdig. Ich hoffe, die Regierung gesteht einige Zugeständnisse in Richtung Lebensbedingungen ein und dann kann sich die Lage entspannen«, meint der 28-Jährige, der in Kasachstan noch eine Tante, einen Onkel und einen Cousin hat, mit denen er im regelmäßigen Austausch ist. Es seien in den letzten Tagen sehr viele Videos versendet worden, wo zu sehen sei, wie das Volk rebelliere. »Das Internet war eine Zeit lang ausgeschaltet und teilweise steht sogar das öffentliche Leben still. Viele arbeiten momentan sogar nicht, da es einfach viel zu gefährlich ist«, sagt Ring. Kasachstan, so der 28-jährige, sei ein Land, in welchem sehr lange innenpolitisch Ordnung herrschte, trotz der vielen Ethnien im Land. »Meine Sorge ist es, dass Kasachstan eine zweite Ukraine wird und ein ethnischer Konflikt entsteht«. Trotz der Ordnung habe das Land mit Korruption und Armut zu kämpfen, ein innenpolitischer Konflikt würde die ganze Problematik weiter vertiefen. Ring hofft, dass keine Extremisten oder radikal religiöse Kräfte an die Macht kämen und der Frieden im Land stabil bleibt. »Kasachstan ist das Land meiner Eltern und Großeltern und wir als Russlanddeutsche identifizieren uns auch noch bis heute mit dem ehemaligen sowjetischen Staat«.

Über die derzeitige Situation in Kasachstan ist auch Yilan sehr besorgt. »Die gewalttätigen Ausschreitungen und die extreme Reaktion des Präsidenten auf die Protestierenden zeigen, dass die Unruhen in Kasachstan leider noch andauern werden«, vermutet der 26-Jährige.

Während seines Praktikums in Almaty hatte er viele enge Freundschaften schließen können. »Leider kann ich zurzeit meine Freunde nicht erreichen. Die kasachische Regierung hat das Internet aufgrund der Unruhen abgeschaltet, dies erschwert die Kommunikation enorm«. Die Lage verfolge er hauptsächlich über die sozialen Medien.

»Eins ist jedoch klar: Das Land steckt in einem großen Chaos. Staatliche Medien melden, dass 164 Menschen landesweit bei den Unruhen getötet wurden, über 2000 Menschen seien verletzt. Ich fürchte, dass die Zahlen weitaus höher sind, als die, die bekanntgegeben werden«. Als Turkologiestudent hatte sich Yilan sehr nah und ausführlich mit Kasachstan auseinandergesetzt und besuchte das Land bereits zweimal. »Das Land sowie die Bevölkerung wuchs mir ans Herz. Ich verurteile die gewalttätige Reaktion des Präsidenten auf die Protestierenden auf das Schärfste und hoffe, dass die Stabilität möglichst bald mit demokratischen Mitteln wiederhergestellt wird«. Wichtig sei zudem vor allem, dass Russland seinen Einfluss im zur Zeit instabilen Kasachstan nicht weiter ausbaut. Die Erfahrungen aus dem »Arabischen Frühling« hätten gezeigt, dass Massenproteste dafür sorgten, dass herrschende autokratische Regierungen durch neue Autokraten ersetzt werden. »Präsident Tokaev hat bereits russische Truppen ins Land »eingeladen«, um die Ordnung wiederherzustellen. Diese militärische Präsenz wird keinen Beitrag zum Frieden im Land leisten«, sagt Yilan.

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