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Hoffen und Bangen bei Karstadt

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Von: Ingo Berghöfer

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Erneut müssen die Mitarbeiter von Galeria Karstadt Kaufhof um ihre Arbeitsplätze bangen. Der Mutterkonzern hat wie vor zwei jahren Insolvenz angemeldet und Filialschließungen angekündigt. Foto: Berghöfer © Berghöfer

Während die Belegschaft über das dritte Insolvenzverfahren informiert wird, kritisiert die Gewerkschaft Verdi ausbleibende Investitionen des Konzerneigentümers.

Gießen . Von der dritten Insolvenz des Mutterkonzerns in 13 Jahren erfuhren die Mitarbeiter des größten und mittlerweile letzten klassischen Kaufhauses in Gießen am Montag aus der Tagesschau. Die Zukunft von Galeria Karstadt Kaufhof steht einmal mehr auf der Kippe und auch in Gießen bangen jetzt rund 170 Angestellte mitten im Weihnachtsgeschäft um ihre Arbeitsplätze.

Geschäftsführung und Betriebsrat hatten der Belegschaft in mehreren Runden die schlechten Nachrichten aus der Konzernzentrale in Essen mitgeteilt. Dass Galeria Karstadt Kaufhof nun jedes dritte der verbleibenden 131 Kaufhäuser schließen will, habe man »mit großer Betroffenheit, aber auch gefasst aufgenommen«, so Filialgeschäftsführer Lothar Schmidt. Ansonsten gaben sich er und der kaufmännische Leiter Stefan Lortz ebenso bedeckt wie die Betriebsratsvorsitzende Heidrun Feierabend.

Man müsse die Medien um Geduld bitten, solange man selbst nicht wisse, wie die Pläne der Konzernführung im Detail aussehen - die aber habe die Filialleitung auch erst kurz vor der Öffentlichkeit informiert. »Wir wissen derzeit auch nicht mehr als Sie«, sagte Lortz. Dass es zu einem erneuten Insolvenzverfahren kommen könne, habe sich indes abgezeichnet. Erst vor wenigen Tagen habe die Konzernführung den sogenannten Notbetrieb eingeleitet, der eine Voraussetzung für ein mögliches Insolvenzverfahren sei, und den Tarifvertrag mit der Gewerkschaft Verdi gekündigt.

Der Wille der Mitarbeiter sei dennoch groß, »durch guten Service und eine kompetente Beratung der Kunden zu beweisen, dass man ein stabiler Standort mit gutem Umsatz« sei. Einziger Trost der Belegschaft an diesem Tag der Unsicherheit war, dass sie diesmal die schlechten Nachrichten nicht zu Hause und allein erfuhren wie vor zwei Jahren, als sich Karstadt wie die anderen Wirtschaftsunternehmen im Corona-Lockdown befand. »Es hilft, wenn man mit seinen Sorgen nicht allein ist, und der Betriebsrat wird die Kollegen auch nicht alleine lassen«, versicherte Heidrun Feierabend.

Die Pressesprecherin von Verdi Hessen, Ute Fritzel, kündigte schon einmal an, dass die Gewerkschaft im Falle von Kündigungen auf einen Sozialplan drängen und »um jeden einzelnen Arbeitsplatz kämpfen« werde. Momentan habe man noch keinen Kontakt zu Karstadt. Fritzel betonte, dass Eigentümer René Benko in den vergangenen Jahren Milliardengewinne gemacht, davon aber wenig in den Karstadthäusern investiert habe.

OB Frank-Tilo Becher bleibt optimistisch

Die Entwicklungen und die Perspektive im Seltersweg sowie in der ganzen Gießener Innenstadt würden natürlich wesentlich von der Entwicklung der Galeria Karstadt Kaufhof beeinflusst, erklärte der Vorsitzende des BID Seltersweg, Heinz-Jörg Ebert, auf Anfrage des Anzeigers. Das Gießener Haus zähle seit jeher zu den wirtschaftlichsten Niederlassungen des Konzerns. Der Seltersweg sei nach wie vor eine der am stärksten frequentierten Einkaufsmeilen Deutschlands in Städten unter 100 000 Einwohnern. Auch die im Galeria-Haus in Kassel bereits umgesetzten Umstrukturierungen für Mittelstädte, die als Blaupause für Gießen im Gespräch waren, habe man im BID als sehr guten Ansatz erlebt. Der Veränderungsbedarf in Innenstädten sei in Gießen schon seit Längerem erkannt worden und man arbeite sehr intensiv an diesen Veränderungen. »Das alles stimmt mich hoffnungsvoll, dass wir gemeinsam mit der Galeria, der Stadt, den BIDs, ihren Eigentümern und Händlern konzeptionell in eine zukunftsorientierte Richtung denken. Nicht alles hat man dabei selbst in der Hand. Wir werden sehen, was dabei herauskommt«, betont Ebert.

Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher sagte auf Anfrage, dass er die Sorge um die Zukunft des Warenhauskonzerns Galeria teile. Er stehe aktuell mit der Gießener Geschäftsführung des Hauses im Austausch. »Ich habe Herrn Schmidt versichert, dass ich von der Zukunftsfähigkeit des Gießener Hauses in seinem guten Umfeld fest überzeugt bin. Darüber sind wir schon lange im Gespräch. Ich habe ihm auch versichert, dass der Magistrat das Haus - da, wo es der Stadt möglich ist - jederzeit unterstützend begleiten werde. Denn ich weiß, dass engagierte Mitarbeitende und eine engagierte Leitung hier seit Jahren viel bewegen, um Kundinnen und Kunden zu binden und zu gewinnen«, sagt Becher. Und fügt hinzu: »Ich hoffe, die Konzernzentrale teilt diese Einschätzung und ich hoffe, dass die Zahlen dies auch beweisen.«

Gleichzeitig weist der OB darauf hin, dass vor allem die Kunden dazu beitrügen, ein Votum für den Standort Gießen abzugeben: »Wer die Lebendigkeit der Innenstädte genießen möchte, sollte stets wissen, dass jede Kaufentscheidung für den heimischen Handel mit darüber entscheidet, ob diese Lebendigkeit so bleibt.«

Die Zukunft des Warenhauses in Gießen sieht der Sozialdemokrat jedenfalls positiv: »Für die Innenstädte haben Warenhäuser als umfassende Versorger immer eine große Bedeutung - sie bringen Nachfrage in die Städte und davon profitieren alle.« Wenngleich die Zeiten sich änderten und sich die Nachfrage offenbar stark spezifiziere, hätten Warenhäuser wie Karstadt für ihn noch immer eine große Bedeutung - städtebaulich wie funktional. Gerade für den Einkaufsraum des oberen Selterswegs sei Karstadt »als Kundenbringer und Magnet immens wichtig«. Für viele Kunden sei Karstadt »der letzte Ort, an dem man genauso eine Rolle Nähgarn wie die komplette Hose« bekomme.

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