1. Startseite
  2. Stadt Gießen

Hoffen und Bangen in der Neuen Bäue

Erstellt:

Von: Ingo Berghöfer

giloka_1410_1Fahrradstra_4c
Noch weisen große Plakate nur darauf hin, dass die Durchfahrt vom Kanzleiberg zum Brandplatz künftig gesperrt ist. Ab Montag wird es aber aus der neuen Fahrrradzone kein Durchkommen mehr geben. Den Schlüssel für die dann dort aufgestellte Schranke erhalten nur noch Wochenmarktbeschicker. Foto: Berghöfer © Berghöfer

Bei einem Info-Abend zur Einrichtung einer neuen Fahrradzone ab Montag in der Gießener Innenstadt bleiben die Fronten zwischen Befürwortern und Gegnern verhärtet

Gießen . Am Ende wurde in der Bürgerinformationsveranstaltung zur neuen Fahrradzone in der Neuen Bäue der Ton dann doch rauer. »Ich werde das Gefühl nicht los, dass das eine parteipolitische Aktion ist, um den Bürgern zu zeigen, wir tun etwas für die Umwelt«, rief einer der rund 60 Besucher im Hermann-Levi-Saal in Richtung Podium, wo es Bürgermeister Alexander Wright auch nicht gerade leicht fiel, die Fassung zu bewahren, als ein anderer Teilnehmer »von Radfahrern getötete Fußgänger« heraufbeschwor.

»Es ist den vergangenen Jahren kein Fußgänger in Gießen von einem Radfahrer ums Leben gebracht worden«, entgegnete Wright, »wohl aber schon einige allein in diesem Jahr durch Autofahrer«. Und auch wenn sich Befürworter und Gegner des Projekts nach dieser Veranstaltung weiterhin unversöhnlich gegenüberstehen - die Entscheidung ist gefallen. Ab Montag bilden Neuen Bäue, Schulstraße, Trillergässchen, Sonnenstraße und Kanzleiberg eine Fahrradzone. Die Durchfahrt von der Neuen Bäue zum Brandplatz ist dann nicht mehr möglich (der Anzeiger berichtete).

Und diese Entscheidung ist demokratisch gefallen, wie der Bürgermeister im Laufe der zweistündigen Versammlung mehrfach betonte, die Michael Bassemir vom Büro Bürgerbeteiligung moderierte und in der vor der Diskussion mit den Zuhörern das Projekt ausführlich vorgestellt wurde.

Letztlich setze der Magistrat nur ein Votum der Parlamentsmehrheit um. Die Stadtverordneten mussten sich mit dem Thema befassen, weil ein Bürgerantrag in der Stadt die erforderliche Mehrheit gefunden habe. Nun wird wohl der Praxistest beweisen, ob die Befürchtungen einer Einzelhändlerin aus der Plockstraße wahr werden, die sich sorgt, dass nach Corona-Lockdowns, Inflation und Wirtschaftskrise nun das Aussperren der Autos aus der Innenstadt kleinen Geschäften den Rest gebe - oder ob der Bürgermeister recht behält. Laut Wright zeigt nämlich die Erfahrung aus anderen Städten, dass in Fahrradstraßen der Umsatz des Einzelhandels sogar steige.

Auf jeden Fall dürfte in den nächsten Wochen mehr Arbeit auf die Mitarbeiter des Ordnungsamtes zukommen, dementsprechend hoch war auch der Anteil der Uniformierten im Publikum. Erfahrungsgemäß dürfte es eine Weile dauern, bis jeder Autofahrer realisiert hat, dass Neuen Bäue und Kanzleiberg künftig Sackgassen sind. Daher fürchtete auch ein Anwohner zahlreiche Wendemanöver vor dem Alten Schloss.

Wie Barcelona oder Kopenhagen

Andere verbinden mit der Fahrradzone die Hoffnung auf eine voranschreitende Verkehrswende in der Stadt. »Viele junge Menschen haben die Grünen gewählt, damit wir noch mehr Fahrradstraßen bekommen, weil wir noch lange auf diesem Planeten leben wollen«, meldete sich ein Student zu Wort, der hoffte, dass Gießen einmal eine ähnlich lebenswerte Stadt »wie Barcelona oder Kopenhagen« wird. Diese Perspektive konnte andere im Saal weniger begeistern. »Ich habe das Gefühl, die wollen einen hier in Gießen gar nicht. Also fahre ich halt nach Wetzlar und kaufe dort ein.«

Die eingangs erwähnte Einzelhändlerin verwies darauf, dass immer mehr Menschen ihre Einkäufe mittlerweile online tätigen würden. »Wenn die Leute nicht mehr nach Gießen fahren, dafür aber die Sprinter von DHL und Hermes in jedes Dorf, ist doch für die Umwelt nichts gewonnen.«

Der Verkehrswende-Aktivist Jörg Bergstedt appellierte an die Gewerbetreibenden, das Gespräch mit den Befürwortern einer autofreien Innenstadt zu suchen. »Es wäre schade, wenn wir das ohne Euch durchziehen müssten«. Andere Teilnehmer argwöhnten immer wieder, dass in Gießen Verstöße von Radfahrern gegen die Straßenverkehrsordnung nicht mit der gleichen Energie verfolgt würden wie falsch parkende Autos, was Alexander Wright, aber auch der Leiter der Straßenverkehrsabteilung, Holger Hedrich, als unbelegbare Gerüchte vehement zurückwiesen.

Vereinzelte Kritik gab es auch von Radfahrern. So monierte ein Besucher, dass man, statt eine Fahrradzone in der Neuen Bäue einzurichten, lieber die Schlaglöcher auf der Straße nach Wieseck ausbessern solle. Dort nachts mit dem Rad zu fahren, sei mittlerweile zu einem echten Abenteuer geworden. Versammlungsleiter Bassemir ermahnte hier, beim Thema zu bleiben.

Thomas Dombrowski, der sich in der Bürgerversammlung gleich mehrmals zu Wort meldete und in keinem seiner Redebeiträge darauf hinzuweisen vergaß, dass er einmal für das Amt des Gießener Oberbürgermeisters kandidiert hatte, sorgte sich um die Gießener Busfahrer. »Die haben Angst, irgendwann einen Radler umzufahren.« Seine Ausführungen schloss er mit der Hoffnung, »dass am Ende jeder hier im Saal zufrieden ist«. Was aber wohl ein »frommer Wunsch« bleiben dürfte, wie Hedrich feststellte.

Schlusspunkt zum Anpfiff

»Es kann sein, dass diese Lösung nicht der Weisheit letzter Schluss ist, dann werden wir vor dieser Erkenntnis nicht die Augen verschließen«, versprach Wright den nicht überzeugten Besuchern, bevor er die Veranstaltung pünktlich vor Anpfiff des Champions-League-Spiels der Frankfurter Eintracht beendete.

Auch interessant