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Hoffnung auf Spur Nummer 122

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Erwin Müller bei der Lesung am Montagabend. Foto: Czernek © Czernek

Mit warnenden Worten begann der ehemalige Kriminalbeamte Erwin Müller die Lesung »Todestransit - Die Mordsache Stippbachtal«, die er im Netanya-Saal des Alten Schlosses präsentierte.

Gießen (bcz). »Ich muss Sie vorwarnen. Sie werden gleich ein paar Fotos sehen, die vielleicht nicht für jeden gut verträglich sind«, begann der ehemalige Kriminalbeamte Erwin Müller seine Buchvorstellung »Todestransit - Die Mordsache Stippbachtal«, die er im Rahmen des Krimifestivals dem Publikum im Netanya-Saal des Alten Schlosses präsentierte.

Realität schlägt Fiktion

So gewappnet erzählte er die Hintergründe eines Mordfalls, den er selbst als junger Kriminalbeamte in den 80er Jahren bearbeitete und der bis heute nicht aufgeklärt wurde. Durch Bilder und Zeichnungen aus der Akte machte er die Eindrücke und die Vorgehensweise der Ermittler begreifbar. Die Realität schlägt jede Fiktion, wenn man ein Originalbild einer Leiche am Fundort sieht. Der Clou war jedoch der rekonstruierte Kopf des Opfers, den er präsentierte.

True-Crime-Stories haben eine besondere Faszination, besonders, wenn sie nicht gelöst wurden, wenn sie zu einem »Cold Case« wurden. Einem solchen Fall widmete sich der ehemalige Kriminalbeamte in seinem Erstlingswerk. 1981 wurde in der Nähe von Sinn eine männliche Leiche gefunden, die stark verbrannt war. Trotz intensiver Ermittlungsarbeit konnten weder die Identität noch die Hintergründe dieses Mordes bis heute geklärt werden.

Das Ermittlungsteam verfolgte insgesamt mehr als hundert Hinweise, bis der Fall schließlich 1986 zu den Akten gelegt wurde. Dieser Mord ließ Müller nie in Ruhe. Die Akten dazu lagen bei ihm im Büro, zwar leicht angestaubt, aber immer griffbereit, erzählte er.

Als die Polizeistation Dillenburg umzog, nahm er die Akten mit nach Hause, mit Genehmigung, wie er betonte. Schon damals ließ ihn der Gedanke nicht los, darüber ein Buch zu schreiben. »Wir haben alles versucht, sind jedem kleinen Hinweis nachgegangen.« Sogar das Gesicht des Mannes wurde anhand des Schädels rekonstruiert. Allerdings dauerte alleine dieser Vorgang vier Jahre.

»Als wir ein Gesicht hatten, interessierte sich auch Aktenzeichen XY dafür und berichtete über den Fall, so dass wir insgesamt 121 Hinweisen nachgingen, die bis nach Jugoslawien führten.«

Müller, der zunächst in Dillenburg und zuletzt in Gießen arbeitete, verarbeitete diese Tatsachen zu einem Handlungsstrang, der detailreich die mühsame Polizeiarbeit aus Sicht eines Ermittlers darstellt. Peter Kreuter, ehemaliger Polizeivizepräsident aus Gießen, bescheinigte ihm in seiner Einführung ein hohes Maß an Authentizität. »Hier kann man nachlesen, wie 1981 gearbeitet wurde. So etwas wie elektrische Schreibmaschinen gab es nicht.« Kreuter empfahl das Buch als besonders lesenswert für alle, die sich für reale Ermittlungsarbeit interessierten. Schnell sei Müller beim Schreiben klar geworden, dass eine solche Erzählung nur dann funktioniere, wenn sie auch die Hintergründe beschreibt, die zu dieser Tat geführt haben. Da diese Informationen völlig fehlten, erdachte sich Müller einen komplexen zweiten Handlungsstrang, der den Werdegang von Täter und seinem Opfer beschreibt, wie es zu dem Mord und dem Ablageort im Dillenburger Land gekommen war. Dabei holt er weit aus, bis hin in die Nazizeit und den Gräueltaten von SS-Offizieren in den Balkanstaaten. Akribisch und fein säuberlich hat er dazu die Hintergründe recherchiert, das war und ist er seiner kriminalistischen Spürnase schuldig.

Manchmal können solche alten Fälle tatsächlich noch gelöst werden. Die Hoffnung hat er jedenfalls nicht aufgegeben. So hatte sich nach einer Lesung im Mai ein älterer Herr bei ihm gemeldet und gefragt, ob man auch einer bestimmten Spur nachgegangen sei. Auf Nachfrage fiel auf, dass dieser Hinweis damals nicht berücksichtigt worden war. »Und jetzt sitzen aktuell wieder zwei Ermittler dran und verfolgen Spur Nummer 122. Vielleicht führt sie zu etwas.« Mehr konnte er zu den aktuellen Ermittlungen nicht sagen.

Das Schreiben habe ihm jedenfalls viel Spaß gemacht, meinte er abschließend und natürlich denkt er über ein weiteres Buch nach. Das würde dann allerdings im Bereich der Drogenkriminalität spielen, denn da habe er in den letzten Jahren gearbeitet. Es bleibt also spannend.

Weitere Informationen unter www.mittelhessenkrimi.de

Erwin Müller: »Todestransit - Die Mordsache Stippbachtal«, 384 Seiten, 14,90 Euro

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