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Hoffnung ruht auf Auswärtigem Amt

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Von: Benjamin Lemper

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»Die Warterei geht weiter«: Mehmet Tanriverdi, Naciye Alpay, Claudia Schmuck und Hamide Akbayir (von links) haben im Auswärtigen Amt über die Perspektiven für eine Freilassung von Patrick Kraicker gesprochen. Foto: Tanriverdi © Tanriverdi

Seit 2018 sitzt Patrick Kraicker aus Gießen in türkischer Haft. Es sei eine »menschliche Tragödie«, was er durchmachen müsse, sagt Mehmet Tanriverdi. Jetzt gibt es neue Entwicklungen.

Gießen. Die Zuversicht, ihren Sohn bald in Freiheit zu wissen, ist bei Claudia Schmuck noch nicht gewichen, aber sie hat - erneut - einen Dämpfer bekommen. Vor einem Jahr nämlich nährten die Anwälte von Patrick Kraicker die Hoffnung, der Gießener könne vielleicht sogar vorzeitig aus der türkischen Haft entlassen werden, spätestens in diesem Dezember. Die Anträge brachten bisher allerdings nicht den gewünschten Erfolg. Stattdessen sei der 33-Jährige vor vier Monaten ohne Vorwarnung, ohne jegliche Erklärung, völlig überraschend vom Gefängnis in Maltepe (Istanbul) in einen neuen Hochsicherheitstrakt nach Ankara verlegt worden. »Er wird permanent schikaniert und provoziert«, klagt seine Mutter im Gespräch mit dem Anzeiger. Über seine Perspektiven hat sie sich gerade erst mit Fachleuten des Auswärtigen Amtes in Berlin ausgetauscht. Mit dabei waren auch der Gießener Mehmet Tanriverdi, der die Familie schon lange in ihren Bemühungen unterstützt, sowie Naciye Alpay und Hamide Akbayir vom Verein »Stimmen der Solidarität - Mahnwache Köln«, der das »sehr emotionale« Gespräch arrangiert hatte.

»Menschliche Tragödie«

Im März 2018 war Patrick Kraicker in einer militärischen Sperrzone in der Nähe der syrischen Grenze von türkischen Sicherheitskräften aufgegriffen und festgenommen worden. Er soll beabsichtigt haben, sich im Nachbarland der Kurdenmiliz YPG anzuschließen, einem Ableger der auf den Terrorlisten der Europäischen Union und der Türkei geführten PKK. Sowohl eine E-Mail als auch ein Zeuge sollen ihn belastet haben. Ein Gericht verurteilte ihn wegen »Mitgliedschaft in einer bewaffneten Terrororganisation« zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren und drei Monaten. Seine Mutter, Anwälte, Freunde und Sympathisanten sind von seiner Unschuld überzeugt. Seine juristischen Vertreter sehen Kraickers »Recht auf ein faires Verfahren« verletzt. Insbesondere würden stichhaltige Beweise fehlen. Offiziell dauert die Haftstrafe bis zum 23. Juni 2024, in dem Bescheid über die Strafvollzugsdaten ist zudem der 1. Dezember 2022 als reguläres Datum vermerkt.

»Er hat mehr als die Hälfte seiner Strafe abgesessen und müsste nun eigentlich nach Deutschland abgeschoben werden«, betont Mehmet Tanriverdi gegenüber dieser Zeitung. Dies werde von der Gefängnisleitung mit der Begründung abgelehnt, »der Gefangene sei nicht geständig und hätte nicht nachweisen können, sich von der Terrororganisation losgelöst zu haben«. Für den kurdisch-stämmigen Unternehmer und Sportfunktionär, der sich selbst auch als Menschenrechtsaktivist bezeichnet, klingt das absurd. Denn wie solle der junge Mann belegen, sich von etwas losgesagt zu haben, »wo er doch nie dazu gehört hat«. Aus seiner Sicht ist es eine »menschliche Tragödie«, was Patrick Kraicker als unschuldig Verurteilter durchmachen müsse. »Unter der Androhung von Folter« sei er seinerzeit gezwungen worden, die Vorwürfe einzuräumen. Und während des Prozesses sei ihm nicht einmal ein Dolmetscher zur Seite gestellt worden. »Das war alles eine Farce«, pflichtet Claudia Schmuck bei.

Zurzeit kann sie einmal pro Woche für zehn Minuten mit ihrem Sohn telefonieren. »Die Haftbedingungen sind schlimmer als in Maltepe«, schildert sie mit stockender Stimme. Vor allem die ersten Tage nach dem Transfer müssen wohl fürchterlich gewesen sein - aus mehreren Gründen: zum einen wegen der Ungewissheit, was mit ihm geschieht, zum anderen, weil er keine Hygieneartikel erhalten habe. Das lag laut Claudia Schmuck offenbar auch daran, dass die monatlichen Gelder, die ihm vom Landeswohlfahrtsverband überwiesen werden, zunächst nicht bei ihm angekommen seien. Mittlerweile dürfe Patrick, der anfangs rund um die Uhr in einer Einzelzelle untergebracht gewesen sei, wieder einmal täglich zum Hofgang an die frische Luft. Viel könne er nicht erzählen, denn während der Telefonate stehe stets ein Gefängniswärter neben ihm.

Zwar haben weder er noch seine Anwälte oder die Deutsche Botschaft bisher irgendwelche Informationen, was ihn in nächster Zeit erwarten könnte. Kürzlich habe der 33-Jährige aber nicht nur vermeintlich offene Rechnungen aus anderen Gefängnissen begleichen müssen, es seien ihm auch Unterlagen vorgelegt worden, in denen er eine Adresse in Deutschland eintragen sollte. Patrick Kraicker nannte die Anschrift seiner Mutter in Hildesheim. »Es scheint sich irgendetwas zu tun, wir haben nur keine Ahnung, was und in welchem Ausmaß«, sagt Claudia Schmuck hörbar resigniert.

Gefangene als Druckmittel

Mehmet Tanriverdi wirkt ebenfalls nicht gerade euphorisch. Mit einer baldigen Entlassung rechne er leider nicht, bedauert der stellvertretende Bundesvorsitzende der Kurdischen Gemeinde Deutschland. Denn die türkische Führung setze die Gefangenen - momentan befänden sich 64 deutsche Staatsbürger in der Türkei in Haft, Dutzende seien mit einer Ausreisesperre belegt - als Druckmittel gegen die Bundesrepublik ein.

Die Unklarheit war auch der Grund für den Verein »Stimmen der Solidarität«, die Initiative zu ergreifen und mit dem Auswärtigen Amt die aktuelle Situation von Patrick Kraicker erörtern zu wollen. Aus dem Ministerium am Werderschen Markt heißt es dazu lediglich: »Der Betroffene wird von unseren Kolleginnen und Kollegen in der Türkei konsularisch betreut. Daneben stehen wir sowohl mit den Angehörigen als auch mit der türkischen Seite in Kontakt. Wir bitten um Verständnis, dass wir darüber hinaus aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes keine weiteren Angaben machen können«.

Etwas konkreter werden Claudia Schmuck und Mehmet Tanriverdi. Das Gespräch, an dem der Leiter des Referats Internationales Recht, Dr. Michael Dohmen, und ein Legationsrat des Türkei-Referats teilgenommen haben, sei »sachlich und lösungsorientiert« verlaufen. Erstaunt habe man aber auf die Kritik der Gäste reagiert, dass die Deutsche Botschaft in dieser Angelegenheit »von Anfang an nicht alles unternommen« und die Kommunikation nicht unbedingt optimal funktioniert habe. Versichert worden sei ihnen immerhin, dass nun seitens des Auswärtigen Amtes die Überführung von Patrick Kraicker nach Deutschland beantragt werden solle, damit er seine restliche Strafe hier absitzen könne. Für seine Mutter bedeutet das vorerst nur: »Die Warterei geht weiter.«

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