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Hohe Sicherheitsvorkehrungen

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Laut den Ermittlungen soll der Hauptangeklagte enge Kontakte zu dem Kavac-Clan aus Montenegro gepflegt haben. Archivfoto: dpa © Barbara Czernek

Ein 44-jähriger Geschäftsmann aus Gießen und ein 45-Jähriger aus Marburg müssen sich wegen Drogenhandels vor der siebten Großen Strafkammer des Landgerichts Gießen verantworten.

Gießen . Drogenhandel im großen Stil, kriminelle Clans, Hausdurchsuchungen: Grundlage für einen aufwendigen Prozess, der gerade vor dem Landgericht Gießen läuft. Ein 44-jähriger Geschäftsmann aus Gießen und ein 45-Jähriger aus Marburg sind die beiden Hauptangeklagten, die sich wegen Drogenhandels vor der Siebten Großen Strafkammer des Landgerichts Gießen verantworten müssen.

Ein 63-Jähriger aus dem Kreis Gießen soll sie unterstützt haben, zunächst saß noch ein 46-jähriger Mann mit auf der Anklagebank. Bei ihm wurden Drogen auf einem Gartengrundstück gefunden. Dieses Verfahren wurde abgetrennt, da er mit den schwerwiegenden Vorwürfen gegen die anderen drei Beschuldigten nur sehr am Rande zu tun hat.

Ihnen wird vorgeworfen, zwischen Januar 2020 und Januar 2022 die Einfuhr von mindestes zehn Kilogramm Heroin und 45 Kilogramm Kokain bandenmäßig organisiert und Transporte von den Niederlanden, Spanien oder Kroatien nach Montenegro und Italien gemanagt haben. Aufgrund der Auswertung von Daten aus gehackten Kryptohandys des Anbieters Sky-ECC kam das Verfahren ins Rollen. Erhoben wurden die Rohdaten von französischen Ermittlungsbehörden, die anschließend von der europäischen Polizeibehörde Europol nach Deutschland übermittelt wurden. Der hiesige Prozess gehört bundesweit zu den ersten Verfahren dieser Art.

In den vergangenen Prozesstagen erläuterten die Ermittler des Bundeskriminalamtes ihre Ergebnisse. So schilderten die Beamten, wie es gelang, die Sky-ECC-Nutzerkennungen den Angeklagten zuzuordnen. Der Hauptangeklagte sei in einem Chat auf dem Krypto-Handy aufgefordert worden, seine reguläre Telefonnummer zu schicken. Der Inhaber dieses Telefonanschlusses sei niemand anderes gewesen als der nun angeklagte Geschäftsmann. So konnten sie verschiedene Lebensereignisse wie den Besuch eines Restaurants, Urlaubsfahrten oder eine Flugbuchung parallel auf dem regulären Mobiltelefon und auf den Kryptodaten nachverfolgen.

Indizien durch Datenabgleich

Anhand des Abgleichs der Handydaten, Fotos und Sprachnachrichten verdichteten sich die Indizien gegen die Angeklagten, die letztlich zu der Anklageerhebung führten. Dieser Zuordnung der Daten zu den jeweiligen Personen widersprechen die Verteidiger vehement und stellen deren Ergebnisse in Frage. Entsprechend kleingliedrig waren deren Fragen an den Ermittlungsbeamten des Bundeskriminalamtes, der die aus Frankreich stammenden Daten entsprechend aufbereitete.

Die Verteidiger ließen nichts unversucht, diese Daten und deren Beschaffung als illegal hinzustellen, da die Nachprüfbarkeit nicht gegeben sei. Sie beantragten erneut ein komplettes Verwertungsverbot. Die Staatsanwältin verwies darauf, dass die Verwendung dieser Daten durch entsprechende Urteile des Bundesgerichtshofs in vergleichbaren Encojet-Verfahren gedeckt sei. Eine endgültige Entscheidung hat das Gericht noch nicht gefällt.

Laut den Ermittlungen soll der Hauptangeklagte enge Kontakte zu dem Kavac-Clan aus Montenegro gepflegt haben. Hierzu sagte eine BKA-Beamtin aus, dass der Hauptangeklagte sich direkt nach einem Attentat auf den Clanchef nach dessen Gesundheitszustand erkundigt habe und auch bei der Suche nach einer geeigneten medizinischen Nachbehandlung unterstützend mitgewirkt habe. Auch wurden mehrere Reisen des Hauptangeklagten in den Balkan dokumentiert, deren Entsprechung sowohl in den Sky-ECC-Daten wie auch in Telefonaten und Ein- und Ausreisedokumentationen zu finden waren.

Laut Aussage eines BKA-Ermittlers betreibt der Kavac-Clan Kokain-Großimporte aus Südamerika nach Europa. Dieser Clan sei zudem für etliche Morde verantwortlich, da er sich mit einer weiteren Familie, die aus Montenegro stamme, einen regelrechten Krieg liefere. Der Chef dieses gegnerischen Clans wurde 2020 entführt, erpresst und ermordet. Dessen Luxusfahrzeug, ein Ferrari, tauchte anschließend in Deutschland auf und wurde zuletzt auf einen Mitangeklagten zugelassen. Ein Fakt, der bei der Staatsanwältin Mareen Fischer einige Fragen aufwarf.

In ausländischen Zeitungen des Balkans wurde Ende Dezember 2022 über die Machenschaften der beiden verfeindeten Clans berichtet. Dabei wurden auch die Namen der Angeklagten erwähnt, so dass die Sicherheitsvorkehrungen für diesen Prozess nach wie vor sehr hoch sind: Vor Beginn der Verhandlung wurde das gesamte Gebäude von Spürhunden abgesucht, das Gebäude wird von schwer bewaffneten Spezialkräften gesichert.

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